Schuld ist der böse Mossad

Von Mohamed Abdel Salam, September 6, 2010
Statt wissenschaftlichem Denken dominieren mitunter an Wahnvorstellungen grenzende Konspirationstheorien allzu oft die politische Kultur in der arabischen Welt. Die dortigen Regierungen könnten durch eine offenere Informationspolitik Abhilfe schaffen.
ÄGYPTISCXHE NIEDERLAGE 1967 Neben direkten Interventionen unterstellen arabische Verschwörungstheoretiker dem Westen, die arabischen Nationen auf trügerische Weise ins Unglück zu locken

Das wissenschaftliche Denken baut auf Logik, sachliche Zusammenhänge, Beobachtung und Experimente, um die unterschiedlichsten Phänomene zu studieren. In der arabischen Welt dominieren Denkweisen ganz gegensätzlicher Natur die öffentliche Debatte. Diese greifen etwa auf die Metaphysik zurück und erklären die Welt mit der Religion. Daneben ist vielfach ein Aberglaube anzutreffen, der sich auf Mythen und Gerüchte verlässt. Die dominierende und vermutlich schädlichste dieser nicht wissenschaftlichen Denkweisen fusst jedoch auf Verschwörungstheorien und nimmt die Welt somit als Puppenspiel wahr, bei dem verborgene – und mitunter sogar sichtbare – Kräfte das Geschehen lenken. Dieses Denken in Verschwörungen lässt sich in sechs Kategorien aufgliedern.

1. Direkte Interventionen

Arabische Medien und zuweilen gar Akademiker propagieren Verschwörungstheorien, die behaupten, dass ausländische Mächte Araber oder Muslime angreifen oder manipulieren, um ihren politischen, wirtschaftlichen, technologischen oder militärischen Fortschritt zu verhindern. In diesen Theorien fliessen nationalistische und religiöse Motive bis hin zum radikal-islamischen Salafismus zusammen. Die Anhänger der Theorien verweisen als Beleg auf historische Ereignisse wie die Angriffe europäischer Armeen, die 1840 zum Kollaps der Herrschaft von Mohammad Ali in Ägypten geführt haben. Ähnlich werden die Auseinandersetzungen zwischen Präsident Gamal Abdel Nasser und dem Westen in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die feindseligen Töne westlicher Mächte Iran und Syrien gegenüber sowie der Palästina-Konflikt gesehen. Auch die Einmärsche in Irak und Afghanistan werden in dieser Weltsicht nur als Versuche wahrgenommen, den Aufstieg muslimischer Mächte oder deren Zusammenschluss zu verhindern. Hinter dieser engen Wahrnehmung steht die Überzeugung, dass die Welt sich in einem permanenten Kriegszustand zwischen «uns» und «den anderen» befindet, in der beide Seiten allein den Triumph über ihren Gegner anstreben. Die Jihadis greifen dabei auf das islamische Konzept der zwei feindlichen «Häuser» «Dar al-Islam» («Haus der Gläubigen») und «Dar al-Kufur» («Haus der Ungläubigen») zurück.
Dieses Denken ignoriert eine Reihe wesentlicher Tatsachen: Jeder Staat verfolgt seine eigenen Interessen. Dabei kommen aussen- und innenpolitische Kräfteverhältnisse ins Spiel. Aber Staaten agieren auch in einem internationalen System, das weitgehend auf gemeinsamen Interessen, Kompromissen und Zusammenarbeit beruht. Verschwörungstheorien betrachten «den Westen» zudem irrtümlicherweise als geschlossenen Block und übergehen existierende Differenzen etwa unter europäischen Staaten, während sie Nationen in Asien oder Lateinamerika als internationale Akteure ignorieren. Die arabischen Staaten werden dagegen als stets friedliebend und über jede Schuld an internationalen Problemen erhaben und damit als die ewigen Opfer betrachtet. Die schweren und verlustreichen Konflikte zwischen arabischen oder muslimischen Staaten werden ausgeblendet.
Die hier skizzierte Weltsicht mag simplizistisch erscheinen, aber sie kann höchst komplizierte Ausformungen annehmen. Zudem können sich Verschwörungstheoretiker stets auf die Geschichte des Kolonialismus und tatsächliche Interventionen westlicher Mächte vom Suez-Krieg 1956 bis heute berufen. Auch trägt das internationale Klima derzeit ja tatsächlich Züge eines «Konflikts der Zivilisationen».

2. Geheime Verführer

Neben direkten Interventionen unterstellen arabische Verschwörungstheoretiker dem Westen, ihre Nationen auf trügerische Weise ins Unglück zu locken. Als Beispiel wird häufig die ägyptische Niederlage im Juni-Krieg von 1967 angeführt. Diese Spielart von Verschwörungstheorien taucht stets erst nach den Ereignissen auf und stellt eine Art Neuinterpretation dar. Aktuelles Geschehen wie die Ermordung des libanesischen Premiers Rafik Hariri wird dagegen meist auf «direkte Interventionen» des Westens zurückgeführt. Den «geheimen Verführern» wird unterstellt, Muslimen oder Arabern «Fallen zu stellen», in denen diese dann «erledigt werden». Ein Beispiel ist auch die Behauptung, dass die amerikanische Botschafterin in Irak, April Glaspie, Saddam Hussein vor dessen Angriff auf Kuwait «im Jahr 1990 grünes Licht» gegeben hat. In diesen Szenarien sind die arabischen «Opfer» stets völlig ahnungslos, passiv und in jeder Hinsicht «unschuldig», während ihre «Verführer» mit äusserster Gerissenheit vorgehen. Selbstverständlich ignorieren derartige «Analysen» die Komplexität internationaler Beziehungen und Konflikte, die häufig von Irrtümern der Entscheidungsträger oder bürokratischen Grabenkämpfen begleitet werden.

3. Realitätsverweigerung

Häufig auch in akademischen Institutionen angesiedelte Verschwörungstheoretiker ignorieren Tatsachen und glauben «alternativen» Erklärungen, auch wenn diese keinerlei Realitätsbezug haben. Die «andere Seite» wird als grundsätzlich unglaubwürdig, absolut skrupellos und zutiefst unmoralisch dargestellt, was der arabischen Neigung entgegenkommt, «Fortschritt» nach westlichem Muster als Untergrabung der eigenen Sitten und Werte darzustellen. Dieser Trend wurde durch die Ereignisse vom 11. September 2001 enorm verstärkt. Dabei spielen aus der Luft gegriffene Behauptungen über Massenvernichtungswaffen im Besitz Saddam Husseins Verschwörungstheoretikern in die Hände. Für diese Theorien gibt es – angefangen bei der Idee, dass Osama bin Laden nicht für den 11. September 2001 verantwortlich ist – zahlreiche Beispiele, etwa dass Saddam Hussein im Dezember 2003 gar nicht verhaftet worden ist. Derartige Realitätsverweigerung kann bis zur vollständigen Flucht in Imaginationen reichen.

4. Cui bono?

Nach «wirklichen Nutzniessern» von Ereignissen zu fragen ist eine weitere Spielart von Verschwörungstheorien in der arabischen Welt. Dabei werden Ereignisse wie die Bombenattentate in Karbala, Irak, oder in Taba auf der Sinai-Halbinsel aufgegriffen und anhand scheinbar logischer Methoden untersucht, wie sie bei der Polizeiarbeit angewandt werden. Die Theoretiker gehen jedoch davon aus, dass diese Ereignisse auf Hintermänner zurückgehen, die ganz spezielle Interessen verfolgen und dabei kein Verbrechen scheuen. Gleichzeitig kommt jede Partei oder Person als Täter in Verdacht, die auch nur im Entferntesten von den fraglichen Ereignissen profitiert. Es wird vorausgesetzt, dass sich die Akteure in diesen Szenarien weder an Regeln halten, noch sonstige Hindernisse zu beachten haben und generell von einer primitiven «Kosten-Nutzen-Kalkulation» geleitet werden.
Hier wird ignoriert, dass sich kriminologische Methoden nicht auf politische oder soziale Vorgänge anwenden lassen. Ohnehin verkürzen die Verbreiter derartiger Theorien Motive oder Tat­hergänge und nehmen schlicht an, dass Interessen bereits genügen, um Verbrechen zu begehen. Obendrein ziehen in der Regel mehrere Parteien Vorteile aus gewissen Ereignissen. Dies kann zu einer wahren Flut unterschiedlicher – und widersprüchlicher – Anschuldigungen führen. Dabei kommen häufig Stereotype und Vorurteile ins Spiel, während die tatsächlichen Tathergänge dank ihrer komplexen Natur kaum beachtet werden. Stattdessen neigen Araber und Muslime dazu, hinter allem Ungemach entweder den israelischen Mossad oder die CIA zu vermuten.

5. Die fünfte Kolonne

Die Idee der Infiltration oder Unterwanderung stellt eine der ältesten und am tiefsten verwurzelten Varianten verschwörungstheoretischen Denkens in der arabischen Welt dar. Obwohl besonders linke Parteien und fundamentalistische Kreise dafür anfällig sind, treten derartige Vorstellungen auch in der anspruchsvollen Presse auf. Dabei wird angenommen, dass Personen, Gruppen oder sogar ganze Nationen unter den Einfluss fremder Mächte geraten können und deren Anweisungen befolgen oder ihnen auf anders zu Willen sind. Besonders häufig ist zu hören, dass die CIA oder der Mossad Agenten in linke Parteien einschleusen. Ferner wird arabischen oder muslimischen Staatsführungen generell unterstellt, im Dienst westlicher Staaten zu stehen, wobei die USA am häufigsten genannt werden. Dies gilt speziell für die nach den amerikanischen Invasionen gebildeten Regierungen in Irak und Afghanistan, aber auch für Saad Hari­ri in Libanon. Benazir Bhutto wurde in Pakistan zum Opfer derartiger Unterstellungen.
Solche Verdächtigungen richten sich auch gegen Intellektuelle, Aktivisten oder Journalisten. Dies trifft besonders in Ägypten und Syrien zu. Mitunter fliessen in diese Unterstellungen auch globalisierungsfeindliche Vorstellungen, die mit grosser moralischer Überzeugung vorgebracht werden. Dies spricht für eine vollkommene Unfähigkeit – oder einen Mangel an Willen –, die hoch komplexen, politischen Beziehungen zwischen Staaten, die Arbeit von Sicherheitsdiensten oder das Wesen der Diplomatie zu begreifen. Wer überall «fünfte Kolonnen» am Werk sieht, kann sich nicht vorstellen, dass arabische Staaten und die sogenannten Grossmächte immer wieder offen oder stillschweigend aus pragmatischen Gründen zusammenarbeiten und die Araber durchaus in der Lage sind, ihre eigenen Positionen zu entwickeln und eigene Vorteile zu verfolgen. Dieses Verschwörungsdenken ist meist durch den Mangel an solidem Wissen über politische Vorgänge erklärbar, was wiederum auf staatliche Entscheidungen zurückgehen kann, wesentliche Informationen aus «nationalem Interesse» geheimzuhalten. An dieser Stelle ist auch der Hinweis sinnvoll, dass es tatsächlich immer wieder eine zweckgerichtete «verdeckte Zusammenarbeit» zwischen arabischen Staaten und dem Westen gibt, was dann auch aus Mangel an Informationen Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker leitet.

6. Wilde Unterstellungen

Mitunter grenzen Verschwörungstheorien an Auswüchse klinischer Wahnvorstellungen. Sie entbehren jeder Logik und wenden sich an ein ungebildetes Publikum, werden allerdings auch von Universitätsstudenten aufgenommen. Diese Theorien finden einen idealen Nährboden in wirtschaftlichen und politischen Krisen, die breite Schichten einer Bevölkerung treffen, und können Massenhysterien auslösen. Fehlende faktische Belege für diese Wahnideen werden durch maximales Misstrauen den «anderen» gegenüber ersetzt. Sie werden in der arabischen Massenpresse, aber auch über gewisse Internetseiten verbreitet. Ein gutes Beispiel für dieses Phänomen sind die Spekulationen über das Coca-Cola-Logo. Angeblich soll es spiegelverkehrt gelesen bedeuten: «Kein Mohammed, kein Mekka». Ähnliche Erfindungen berichten von «Mossad-Gürteln», die angeblich unfruchtbar machen, von Koranversen, die in den Wipfeln von Bäumen geformt werden, oder von einer von Israel entwickelten «genetische Bombe».

Ausblick

Die hier erläuterten verschwörungstheoretischen Denkmodelle stellen ein ernsthaftes Problem dar. Ihr Erfolg spricht für eine Krise der politischen Kultur und der öffentlichen Diskussion in der arabischen Welt. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass derartige Theorien und Gerüchte bewusst von politischen Parteien und Interessen eingesetzt werden, um ihre Ziele zu erreichen.    ●
Mohamed Abdel Salam ist Leiter des Programms für Sicherheit und Abrüstung am Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien in Kairo, Ägypten.