«Schrift als Ersatz für Architektur»
Sie haben als Architekt Büros in Basel und in Köln – können Sie uns etwas zu Ihrer Person verraten?Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe aber die schwedische und israelische Staatsangehörigkeit. Studiert habe ich in London, anschliessend habe ich mehrere Jahre in Köln gearbeitet. Heute bin ich aber vor allem in Basel tätig, es ist das Zentrum meines Schaffens.
Wie kamen Sie auf die Idee, einen Comic zur Basler Stadtentwicklung zu machen?
Der Herausgeber von «MetroBasel» ist das ETH-Studio Basel, einem Institut für Stadtforschung, das vor rund zehn Jahren von den Architekten Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili und Pierre de Meuron an der ETH Zürich gegründet wurde, aus dem Interesse, ein Institut zu etablieren, das mit den Studierenden gemeinsam Stadtforschung betreibt. Wir untersuchen Städte in aller Welt wie zum Beispiel Nairobi, Paris oder Kolkata, sind aber vom Institut immer wieder auf Basel zurückgekommen, weil wir finden, dass Basel wirklich modellhaft dafür ist, wie sich eine Stadt entwickelt, aber auch dafür, wie man sich Städte anschauen kann. Basel ist ein Laboratorium für Stadtentwicklung, weil es sich über drei Länder erstreckt und daher sofort die Frage aufkommt, wie sich Basel eigentlich selber definiert und plant. Versteht sich Basel als trinationale Metropolitanregion oder agiert es allein innerhalb der sehr eng gesetzten Grenzen des Kantons Basel-Stadt? Wir bevorzugen die Version, Basel als einen Grossraum zu sehen – die hier bestehenden Möglichkeiten möchten wir unter anderem auch in unserem Comic aufzeigen.
Worum geht es in dem Comic konkret?
Das Comic-Buch unterteilt sich in acht Kapitel, die thematisch strukturiert sind und durch die beiden Protagonisten Patricia und Michel nach dem Vorbild von Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo aus dem Film «A Bout de Souffle» erzählt werden. Die beiden Darsteller machen den Lesern deutlich, wie in der Stadt und der Region gewohnt, gearbeitet, gelernt und eingekauft wird, wie man sich bewegt, erholt und vergnügt. Es handelt sich um eine urbanistische Beschreibung, die sich nicht allein auf die derzeitige Situation beschränkt, sondern die auch Möglichkeiten und Visionen in den Blick nimmt, wie sich die Region verändern könnte. Es wird gezeigt, wie ganz neue Orte entstehen könnten und welche Möglichkeiten auf Ebene von Architektur und Städtebau vorhanden sind. Die Rede ist hier beispielsweise von einem Basler See, fantastischen neuen Erholungsgebieten oder einer Moschee inmitten der Stadt.
Aus welchem Grund haben Sie den Comic als Medium gewählt?
Das Comic-Buch erscheint uns als ideales Medium, da es auf eine spielerische Art und Weise erlaubt, erzählerische Inhalte mit Fakten und Hintergrundinformationen zu kombinieren. Der Comic kann sachlich und fachlich präzise und wissenschaftlich sein und gleichzeitig Lust an einem Thema erzeugen, welches sonst in der breiten Öffentlichkeit leider nur wenig wahrgenommen wird. Es ist unser erklärtes Ziel, eine grosse Leserschaft mit der Publikation anzusprechen, daher ist sie auch für alle Interessierten in Buchläden für nur zwölf Franken erhältlich. Gleichzeitig aber erfüllt der Comic eine akademische Präzision und unseren Anspruch an Professionalität.
Neben Ihrer Tätigkeit in Basel bauen Sie zurzeit in Mainz eine neue Synagoge und ein jüdisches Gemeindezentrum. Wie kamen Sie zu diesem Projekt?
Mein Entwurf entstand anlässlich eines Wettbewerbs, an dem ich vor mehreren Jahren teilgenommen habe. Dies war damals der erste Wettbewerb, den ich als junger selbstständiger Architekt gemacht und fantastischerweise auch gewonnen habe, was mich wirklich extrem gefreut hat. Das Projekt lag dann aus verschiedenen Gründen einige Jahre auf Eis – nun aber wird es aber realisiert und ist auch schon weit fortgeschritten.
Wofür steht Ihr Projekt in Mainz, worauf begründen Sie ihre Arbeit dort?
Den Namen oder Titel, den ich meinem Entwurf schon während des Wettbewerbs gegeben habe, lautet «Licht der Diaspora» – ein Titel, der sich auf Gerschom ben Jehudah bezieht, der 960 bis 1040 in Mainz wirkte und als «Licht des Exils – Or ha Golah» bekannt wurde. Er verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Mainz und war einer der ersten grossen deutschen Rabbiner, der Talmudforschung betrieben hat. Der Talmud ist auch für meine Arbeit von grosser Bedeutung, da er für mich persönlich eine Alternative für gebaute Architektur ist. Meiner Ansicht nach «bauten» die Juden den Talmud aufgrund der Diaspora und ihrer Zerstreutheit: Da sie im Grunde nie Eigentum oder Grundbesitz haben durften, entwickelten sie auch nie eine Bautradition. Meine These ist jedoch, dass doch eine sehr eigenständige Vorstellung von Raum und etwas wie ein «Architekturstil» entstanden ist, aber eben nicht in Form von Stein und Mörtel, sondern mit Text. Der Talmud ist eigentlich eine Reaktion auf den Verlust Jerusalems. Er stellt ein räumliches Konzept dar, wie man eine Stadt entwickeln und eine Heimat schaffen kann – mit Hilfe eines Buches. Heimat ist nicht an einen geografischen Ort geknüpft, sie kann auch über die Welt zerstreut sein. Insofern war der Verlust Jerusalems auch ein unglaublicher Ideengeber, er barg die Gelegenheit ein komplett neues Konzept von Raum zu entwickeln. Die Idee der Schrift als Ersatz für Architektur erscheint mir sehr wichtig.
Können Sie den geplanten Bau beschreiben?Zuerst möchte ich betonen, dass es für mich ein grosses Zeichen der Zuversicht ist, in Mainz eine neue Synagoge zu bauen. Obwohl während der tausendjährigen Geschichte des Jüdischen Mainz der während der Zeit des Nationalsozialismus immer wieder alles jüdisches Leben in der Stadt ausgelöscht wurde, haben sich die jüdischen Bürger in Mainz in der jüngeren Vergangenheit wieder etabliert – sie haben eine enorme Zuversicht gezeigt, in der Stadt erneut Fuss zu fassen. Meine Synagoge entsteht nun exakt auf dem Grundstück, auf dem vor dem 9. November 1938 die ehemalige Synagoge der Stadt Mainz stand. Sie zeigt den Talmud als Modell – dieses Arbeiten mit Schrift und Buchstaben ist die Grundidee meines Entwurfes. Die Synagoge und auch das Gemeindezentrum fügen sich in die Architektur der Stadt ein, es handelt sich um eine Blockrandbebauung, wie sie auch von den Wohnhäusern und Bürogebäuden der Umgebung aufgegriffen wird. Der geplante Komplex passt sich sozusagen an, wobei der Baukörper der Synagoge wieder ganz anders aussieht. Am Eingangsplatz macht das Gebäude eine schützende Geste hin zu den Besuchern, dann wieder knickt der Bau ab und orientiert sich nach aussen. Der insgesamt sehr expressive Raum soll genutzt werden, man soll sich geschützt fühlen, sich aber auch wieder an ihm stossen - das physische Dreidimensionale ist mir sehr wichtig.
Die Synagoge sieht im Modell sehr extravagant und anspruchsvoll aus.
Das stimmt, es handelt sich um ein sehr anspruchsvolles Gebäude. Nichts wiederholt sich, jeder Raum und jede Wand sieht anders aus, wir arbeiten mit enormen Höhen, an einer Stelle ist der Bau 27 Meter hoch. Die Fassade wird aus gebranntem Stein, aus Keramik, gemacht und stellt einen weiteren Aspekt des Gebäudes dar, der das Thema Schrift und Schreiben aufgreift. Die Keramik hat eine geriffelte Oberfläche, die in einem Muster angeordnet ist, so dass eine Vielfalt von Perspektiven und Dimensionen entstehen. Dadurch verweist sie auf die Objektqualität oder Körperhaftigkeit hebräischer Buchstaben. Die blaugrüne Farbe verändert sich im Licht, und nimmt im Tagesverlauf alle Schattierungen zwischen intensiv farbig oder beinahe weiss an. Bald wird man sich selbst ein Bild von der Synagoge machen können. Der Komplex, in dem es neben der Synagoge auch Büros, ein Restaurant, Räume für die Jugend oder für die Schule geben wird, befindet sich zurzeit im Rohbau. Die Fertigstellung ist für Sommer 2010 geplant.
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