«Schönes Ambiente kann man nicht kaufen»

VON Nicole Dreyfus, November 20, 2008
Im Appenzellerland ist das Leben etwas ruhiger als in der Stadt. Das sagte sich auch José Bollag, als er sich vor acht Jahren ein altes Bauernhaus in der Nähe von Urnäsch kaufte. Das Haus ist ein Pol der Ruhe inmitten einer Landschaft von Tälern und Wäldern.
M ALTEN BAUERNHAUS Eine spezielle Ausstrahlung und ein eigenständiger Charakter

Eine Mesusa aus Tel Aviv an einer neu geschreinerten Holztür im ausserrhodischen Appenzell – ein seltenes Bild an einem Bauernhaus in der Ostschweiz. Die Tür führt in das fast 250-jährige Haus von José Bollag, einem Siedlungsplaner, der sich im Jahr 2000 das Ziel setzte, dieses alte Haus sanft zu renovieren. «In meinem Studium habe ich mich viel mit Schweizer Architektur auseinandergesetzt. Dadurch entdeckte ich meine Liebe für authentische alte Bauernhäuser», sagt Bollag. Das Haus Untere Blatten, das im Tobel bei der Zürchersmühle, einem kleinen Seitental bei Urnäsch, liegt, wurde nach seiner Renovation mit einem Preis des Appenzeller Heimatschutzes ausgezeichnet. Der Heimatschutz entschied sich, mit einer Postkartenserie unter dem Titel «Bemerkenswert: Bauernhäuser – neu genutzt» die Wohnqualität einem breiteren Publikum zu zeigen, um einen Anreiz zu geben, sich für qualitätsvolles Bauen einzusetzen. «Bauernhäuser haben eine spezielle Ausstrahlung, sie bewahren ihren eigenständigen Charakter und sind darum etwas Schützenswertes», so Bollag, der den kompletten Umbau eigenständig leitete.

Bloss für kurze Zeit Gast

Das dreistöckige Haus hat sechs Zimmer und umfasst mit dem ehemaligen Webkeller zusammen eine Wohnfläche von 210 Quadratmetern. Ursprünglich gehörte das Haus drei Schwestern, deren Vater dort aufgewachsen war und deren Tante alleine bis kurz vor ihrem Tod das Haus bewohnt hatte. Den Ökonomieteil, also Stall und Scheune, verpachtet Bollag an einen Bauern. Zur Liegenschaft gehören ungefähr drei Hektaren Weidefläche, davon ein Hektar Wald. Einem Landwirt steht grundsätzlich mehr Fläche zu, weil dieser den Boden selbst bewirtschaftet. Aus dem dazugehörenden Wald nimmt Bollag das Holz, das im Winter zwei Drittel der Heizenergie liefert. Für die restliche Energieversorgung nutzt Bollag elektrischen Strom. «Innerhalb von zwei Stunden ist es im Haus ungefähr 21 Grad warm», erklärt Bollag, der es vorzieht, mit dem Kachelofen zu heizen statt mit
einer Zentralheizung. «Das Knistern des Holzes im Ofen vermittelt eine angenehme Wärme, die heimelig ist», findet er. Ein Holzhaus stehe für ein ganz anderes Lebensgefühl als ein Haus mit Steinmauern.
Bollag hat das Haus dennoch renoviert, damit ein moderner Lebensstandard möglich ist, das heisst mit zeitgemässer Kanalisation und Anschluss an ein Wasserreservoir, mit einer Holzküche und einem modern eingerichteten Badezimmer. Trotzdem lautete für ihn das oberste Gebot des Umbaus: die Grundstruktur des Hauses so zu belassen, wie sie ursprünglich war. «Man darf einem Haus seine Originalität nicht wegnehmen», sagt er und verweist auf zahlreiche Leitliteratur, in der steht, was man als Bauherr beim Umbau eines Bauernhauses alles zu beachten hat. «Denn letztendlich ist man nur für eine bestimmte Zeit in diesem Haus Gast, 40 oder 50 Jahre vielleicht. Das Haus hat eine eigene Geschichte, darum sollte man respektvoll mit seiner Bausubstanz umgehen.» Das ist ihm wahrlich gelungen, und so bemühte er sich auch, Altes mit Neuem zu verbinden: In der neuen Küche, die für einen angemessenen Komfort sorgt, beliess er den alten Ofen, der nicht nur die Stube, sondern auch die Küche heizt. In diesem Ofen kann, wie er sagt, «eine gute Steinofenpizza gebacken werden».

Stück für Stück eingerichtet

«Ein restauriertes schönes Haus kann man nicht einfach von heute auf morgen möblieren, vor allem, wenn man es stilecht einrichten will», sagt Bollag. Immer wieder schaute er sich Bücher über Bauernhäuser an und liess sich vom authentischen Geschmack inspirieren. «Meine Eltern achteten stets auf geschmackvolle Einrichtung ohne Prunk, aber mit Stil, und so legten sie mir die Freude an schönen Dingen ein wenig in die Wiege», erinnert sich Bollag. Er machte sich auf die Suche nach hübschen Einzelstücken, unter anderem in Antiquitätengeschäften in der Umgebung. Die meisten Gegenstände in seinem Haus sind vorwiegend aus der Biedermeierzeit, in einem Stil, den man häufig in der Ostschweiz antrifft.
So steht in der 25 Quadratmeter grossen Essstube ein Schiefertisch mit passenden Stühlen vorwiegend aus Kirschbaumholz. Eine alte Schafreite, in der die früheren Hausbesitzer womöglich Küchenutensilien aufbewahrten, dient José Bollag heute als Kleiderschrank. Fast jedes Möbel besteht aus Holz, sogar die Wanduhr und ihre Zahnräder. «Dieser Uhr, so könnte man meinen, fehlt ein Zeiger. Aber sie besass seit jeher nur den Stundenzeiger, was typisch für alte Uhren ist», erzählt Bollag stolz. So störe es ihn auch nicht, dass man die genaue Minutenzeit nicht ablesen kann. «Das ist für mich in diesem Haus auch nicht so wichtig.» Über die Jahre brachte Bollag seine Möbelausstattung zusammen. Gewisse Zimmer sind noch heute etwas untermöbliert, was den Hausbesitzer aber nicht gross stört. «Ein schönes Ambiente muss wachsen, das kann nicht in einem Laden gekauft werden.» So findet er immer wieder mal einen neuen Fauteuil, eine Lampe oder ein schönes Bild.

Nur mit dem Auto in die Synagoge

Ein musealer Ort ist Bollags Haus aber keineswegs. Bollag empfängt viel Besuch, bekocht Freunde und Familie. Er selbst verbringt fast jedes zweite Wochenende in seinem zweiten Domizil. Viele Leute aus der Stadt besuchen den 51-Jährigen im Appenzell, darunter auch viele jüdische Freunde. «Ich habe orthodoxe Freunde, die auch gerne dem Stadttrubel entfliehen und die Ruhe hier oben geniessen wollen», erzählt er. Er selbst sei nicht sehr religiös, aber den Traditionen stark verbunden. Darum geht er oft an Schabbat in die Synagoge nach St. Gallen, allerdings mit dem Auto. Sonst hätte er wohl einen ganzen Tag Spazierweg, schmunzelt Bollag.
In den letzten acht Jahren baute sich Bollag ein grosses Beziehungsnetz auf. Zu den ortsansässigen Bauern pflegt der gebürtige Zürcher ein gutes Verhältnis. Oft klopft er bei seinen «Nachbauern» an die Tür, um ein bisschen zu schwatzen. «Wenn gerade Arbeit ansteht, packe ich natürlich mit an.» Er bewundert auch die Appenzeller Gemütlichkeit: «Die Leute hier oben haben viel mehr Zeit als in der Stadt. Und doch haben sie ein hartes Leben, wenn sie einen Bauernhof führen.» Dennoch freuen sie sich über seinen Besuch und kochen gerne einen Teller mehr für ihn.

Sirup vom eigenen Kräutergarten

José Bollag kocht aber auch selbst leidenschaftlich gern, vor allem Speisen, die er mit Zutaten aus seinem eigenen Garten bereichern kann. Ein Apfel-, Kirschen- und ein Zwetschgenbaum liefern ihm jedes Jahr Früchte. Auch Beeren und Kräuter liest Bollag haufenweise ab, so dass er Konfitüre und Sirup kochen kann, «so viel, bis die nächsten Beeren wieder von den Sträuchern fallen». Ansonsten mag er es, in den ortsansässigen kleinen Geschäften frische Produkte einzukaufen. «Im Appenzell gibt es sehr gute Milchprodukte sowie Fleisch aus artgerechter Tierhaltung oder geschmackvolles Brot», sagt er begeistert. «Man wird noch mit dem Namen begrüsst, wenn man in einen Laden tritt.» Er sei stets etwas traurig, wenn er am Sonntagabend sein Haus verlasse und in die hektische Stadt zurückkehre. Dennoch kann er sich nicht vorstellen, ganzzeitig im Appenzell zu leben. «Auch die Stadt hat schöne Plätze, an denen ich gerne meine Zeit verbringe», sagt Bollag, der im Zürcher Seefeld aufgewachsen ist und heute noch dort wohnt.
Durch die Anwesenheit der Tiere im Stall habe er nie das Gefühl, allein zu sein, sagt Bollag, der den Bauer zweimal pro Tag sieht, wenn dieser die Kühe melken kommt. Tiere hat es viele in diesem Tal. Neben Kühen gibt es vor allem auch Ziegen, Pferde, Hunde und Katzen und sogar Maultiere. «Vor allem Kinder haben Freude, wenn sie hierher kommen. Es gibt immer viele Jungtiere», sagt der Tierliebhaber, der dem Nachbarshund öfters mal eine kleine Wurst mitbringt.
Wenn José Bollag nicht damit beschäftigt ist, seinen Besuch zu bewirten, dann liest er viel oder schaut «einfach den Schneeflocken zu, wenn sie vor dem Fenster hin und her tanzen». Das Haus wirkt tatsächlich beruhigend auf ein städtisches Gemüt. Ursprünglich wollte José Bollag, der mittlerweile an einem Buch mit Wanderrouten, die an Appenzeller Bauernhäusern vorbeiführen, schreibt, immer eine zweite Heimat im Tessin oder im Bündnerland suchen. Seit er aber auf das Inserat dieses Appenzeller Hauses gestossen ist, hat er es keine Sekunde bereut, wie er sagt, «hier oben kleben geblieben zu sein». Für ihn ist es ein Fluchtpunkt aus dem sich oft zu schnell drehenden Karussell der Stadt. Sein nächstes Projekt ist es, weitere Häuser sanft zu renovieren, um die Echtheit der Gegend zu bewahren.