Schön, berühmt – und wohltätig

James Traub, June 5, 2008
Prominente aus der Unterhaltungsindustrie profilieren sich als Wohltäter. Ganz vorne mit dabei: die Schauspielerin Natalie Portman.

Von James Traub

Sie war erst 22 Jahre alt und hatte eben ihren College-Abschluss hinter sich gebracht, als Natalie Portman im Jahr 2004 nach Washington kam, um als «Botschafterin» vor dem US-Kongress zu sprechen. Portman kam im Auftrag der Foundation for International Community Assistance (Finca). Die 1984 gegründete Stiftung vergibt in 21 Ländern weltweit «Mikro-Kredite» zumeist an Frauen. Die Botschafterin war nervös vor ihrem Auftritt, aber die Finca-Mitarbeiter konnten sie beruhigen: «Ohne dich hätten wir diesen Termin niemals bekommen.» Für die Abgeordneten war Portman nicht irgendeine junge Frau, sondern die schöne Padmé aus den «Star Wars»-Filmen. Bei einem Gespräch über ihre Philanthropie sagte mir Portman dieser Tage: «Ich dachte mir, das ist doch verrückt! Ich bin nicht sonderlich stolz darauf, dass es für mich in unserem Land leichter ist, bei Politikern Gehör zu finden, als für den Leiter einer wohltätigen Organisation.»

Mit dieser Haltung ist Portman nicht allein. Aber so ist das eben heutzutage. Stars aus Kino, Musik und Sport üben einen absurd grossen Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein aus. Viele nutzen diese Macht freudig aus. Andere haben ihre liebe Not damit. Stars haben verstanden, dass ihre exponierte Stellung ihnen Zugang zu den ersten Adressen in Politik, Wirtschaft und den Medien gibt. Dies eröffnet ihnen die merkwürdige Chance, sich als moralische Instanz hervorzutun. Und Celebritys wie Bono, Angelina Jolie, Brad Pitt, George Clooney und, ja, auch Natalie Portman scheuen sich nicht, dieses moralische Podest zu erklimmen. So sind Hollywood-Stars zu zentralen Figuren in der Diskussion um zutiefst politische Fragen wie die Entwicklungshilfe, Flüchtlinge und die Brutalität der sudanesischen Regierung in Darfur geworden. Die Aktivisten in diesen Debatten wissen, dass die Anteilnahme der Stars auch seine Schattenseiten hat. Während sich etwa George Clooney dieser Probleme bewusst ist, nutzen Sean Penn oder die für Darfur engagierte Mia Farrow und andere ihre Stellung im Rampenlicht ungehemmt aus. Donald Steinberg, Vizepräsident der Friedensorganisation International Crisis Group, moniert: «Es gibt da eine Tendenz, komplexe Probleme auf den schlichten Grundsatz Gut gegen Böse zu reduzieren.»

Celebritys – und speziell die aus Hollywood – haben sich seit jeher als Philanthropen betätigt. In seinem Klassiker über die jüdische Präsenz in der Filmindustrie «An Empire of Their Own» beschreibt Neal Gabler die Wohltätigkeits-Galas der dreissiger Jahre, in denen sich die Film-Mogule im Hillcrest Country Club in Los Angeles trafen und sich gegenseitig mit ihren Spenden für den United Jewish Welfare Fund und andere jüdische Anliegen überboten. Aber das war einmal. Das traditionelle Mäzenatentum in Hollywood war passiv und wurde als Pflichterfüllung betrachtet. Heute kann Philanthropie kaum ohne Medienpräsenz stattfinden und die einst von den Studios kontrollierten Stars haben es in ihre eigenen Hände genommen, ihr Image für die globale Öffentlichkeit zu formen. Philanthropie ist ein wichtiger Aspekt dieses «Brandings». Die Stars agieren nicht mehr nur für ihre eigentlichen Fans, sondern für jedermann – ihr ganzes Leben ist zu einer Art Film geworden, der vor der ganzen Welt abläuft. Warum also nicht die ohnehin gegebene Aufmerksamkeit für gute Zwecke nutzen? Dazu Portman: «Wenn man mich sowieso auf Schritt und Tritt fotografiert, dann rede ich lieber über Finca als über meinen Schneider oder die Leute, mit denen ich ausgehe.»

Stars als Magnete

Dabei unterstützen die meisten Stars keine Wohlfahrtsverbände mehr, sondern bestimmte Zwecke. So hat Eve Ensler die Schauspielerinnen Jane Fonda, Salma Hayek, Jessica Alba und andere dazu bewegt, ihr Stück «The Vagina Monologues» aufzuführen, um Geld für den Kampf gegen die sexuelle Misshandlung von Frauen zu sammeln. Gleichzeitig ist eine ganze Industrie entstanden, die Berühmtheiten für gute Zwecke rekrutiert. Selbst das gute alte Rote Kreuz hat inzwischen einen «Direktor für Celebrity-Kontakte». Die Hilfsorganisation Oxfam hat Beziehungen zu Colin Firth, Helen Mirren und Scarlett Johansson herstellen lassen. Letztere besucht für den Verband Südostasien und setzt sich dort für die Erziehung von Mädchen ein. Bei Oxfam ist man überzeugt, dass der Star von «Lost in Translation» «schicke, junge Leute» anzieht, aber auch «bei einem älteren Publikum höchst glaubwürdig ist, weil sie so eine grosse Schauspielerin» sei.

Die Stars wiederum haben Angestellte, die sich ausschliesslich um die Flut philanthropischer Anfragen kümmern. Stark engagierte Celebritys wie Angelina Jolie beauftragen Dienstleister wie die Global Philanthropy Group, die «umfassendes Philanthropie-Management» anbietet. Dazu gehören die Gründung von Stiftungen, das Anstellen von Personal und die Vermittlung von Experten. Darüber hinaus werden die Stars und ihre Anliegen von grossen Unternehmen unterstützt. Diese bezahlen als Sponsoren für die Galas, auf denen die Berühmtheiten Geld sammeln, für Erste-Klasse-Tickets und Hotels. Konzerne haben Einsätze für einen guten Zweck genauso nötig wie die Stars. Auch sie wollen ihre Marke positiv belegen, und darum suchen sie aktiv nach Berühmtheiten, um gemeinsam mit ihnen Gutes zu tun und darüber zu reden. So bilden Stars, Sponsoren und Anliegen ein goldenes Dreieck. Dieses Beziehungsgeflecht verliert nur bei den ganz grossen Stars an Bedeutung. Angelina Jolie, George Clooney oder Bono können ihre Flugtickets selbst bezahlen und Themen wie Darfur sind der Wirtschaft meist zu kontrovers.

Wie Bono kamen die ersten Star-Mäzene nicht aus Hollywood, sondern aus der Rockmusik. Geburtsstunde des Phänomens war das 1971 von George Harrison und Ravi Shankar veranstaltete «Konzert für Bangladesch». Es vergingen allerdings fast 15 Jahre, ehe Bob Geldof 1985 das «Live Aid»-Konzert für das von einer Hungerkatastrophe bedrohte Äthiopien mit auf den Weg brachte. Damals traten Bono und seine Band U2 auf. Und es war Bono, der das britische «Live Aid»-Projekt in den USA populär machte. 1997 trat er der Kampagne für einen Schuldenerlass für die ärmsten Drittwelt-Staaten bei und begann seine Lobbyarbeit in Washington. 2002 gründete Bono seine eigene Organisation: Data (Debts, Aids, Trade, Africa) engagiert sich für Schuldenerlass, Entwicklungshilfe, eine Reform des Welthandels und die Bekämpfung von Aids in Afrika. Mit Data hat Bono seine Ernsthaftigkeit signalisiert und seine Entschlossenheit, sich auch in die Details der ihm am Herzen liegenden Probleme einzuarbeiten. Dies tut er wie nur wenige Stars. Bono spricht nicht nur mit Politikern, sondern auch mit deren Mitarbeitern. Er hat Bill Gates und George Soros gewonnen, deren Reichtum seine Statur als Advokat für gute Zwecke entscheidend gestärkt hat. Sie haben ihm auch Zutritt zu den Foren der internationalen Elite in Davos, bei der G8, der Weltbank und im Weissen Haus verschafft. Bono bietet Entscheidungsträgern einen Handel an: Tut das Richtige und ich lobe euch dafür öffentlich.

Einsatz für Afrika

Mehr als jeder andere ist Bono für den «Superhighway» zwischen Afrika und Hollywood verantwortlich. Im Jahr 2004 hat Brad Pitt ihn in sein Haus eingeladen, um vor einer Gruppe zu sprechen, der Tom Hanks, Sean Penn, Julia Roberts, Justin Timberlake und der Architekt Frank O. Gehry angehörten. Bono bot ihnen eine Idee an: Mit einem Lied oder einem Film könntet ihr Kinder in Afrika retten. Mit seiner krassen Not bietet sich der Kontinent in idealer Weise als Kontrast zu der abgeschirmten Glitzerwelt an, in der sich Stars normalerweise bewegen. 2005 hat Bono führende Hollywood-Figuren wie Clooney für eine Werbekampagne rekrutiert, die mehr Entwicklungshilfe für Afrika mobilisieren sollte. Die beiden gingen zusammen auf das G8-Meeting im schottischen Gleneagles. Dort übernahm Clooney die Aufgabe, sich an den damaligen Weltbank-Präsidenten Paul Wolfowitz heranzumachen, um ihn für das Projekt zu gewinnen. Der Star übernahm die Mission mit Freuden. Er verweigerte seine Mitarbeit erst, als er Laura Bush den Hof machen sollte: Clooney hatte den Präsidenten zu oft öffentlich kritisiert und hielt sich nicht für geeignet, die First Lady zu überzeugen.

Die Mikrokredite bleiben dagegen allein Natalie Portman überlassen. Sie arbeitet dabei mit gekrönten Häuptern wie Rania von Jordanien und Prinzessin Maxima der Niederlande zusammen. Aber sie ist die einzige Vertreterin des Hollywood-Adels auf diesem Feld. Das mag durchaus damit zu tun haben, dass die Verteilung kleinster Darlehen wesentlich komplexer ist, als das Bohren von Brunnen und weniger glamourös als Proteste gegen die Janjaweed in Darfur. Hinter der Mikrokredit-Bewegung steht die These, dass die Ärmsten ebenso Zugang zu Kapital haben sollten wie Mitglieder der Mittelklasse oder die Reichen. Aber in der Dritten Welt betrachten es die Banken als überaus riskant, Armen Kredit zu geben. Die dabei entstehenden Bearbeitungskosten machen das Verleihen von 50 Dollar ohnedies unprofitabel. Kleine Wohlfahrtsverbände haben jedoch herausgefunden, dass Kleinstdarlehen nicht nur das Einkommen der Armen auf dem Land verbessern können, sondern diesen auch die Chance geben, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Überdies hat sich herausgestellt, dass diese Darlehen nicht nur arme Gemeinden insgesamt stärken. Die Schuldner demonstrieren bei der Tilgung auch eine wesentlich höhere Zahlungsmoral als Wohlhabende. Deshalb haben in jüngster Zeit auch grosse Banken damit begonnen, derartige Kredite zu vergeben. Mikrokredite bedeuten, Arme an den Kapitalismus heranzuführen – das ist auf den ersten Blick kein Thema für Stars.

Als Portman 2003 vor ihrem Abschluss an der Harvard University stand, stiess einer israelischen Freundin von ihr etwas Schreckliches zu. Portman lebte bis zu ihrem dritten Lebensjahr in Israel. Sie will nicht über das Unglück ihrer Freundin sprechen, aber das Ereignis hat sie dazu bewegt, Gutes zu tun. Sie dachte zunächst an den israelisch-palästinensischen Konflikt und wandte sich an Königin Rania. Ein Filmstar kann so etwas tun, ohne zu zögern. Rania sass damals schon im Aufsichtsrat von Finca und wollte die Aktivitäten der Organisation auf den Nahen Osten ausdehnen. So kam das Gespräch bald auf Mikrokredite. Portman war interessiert, wollte jedoch vor Ort sehen, wie Finca arbeitet. Sie ging zuerst nach Guatemala, dann nach Uganda.

Mikrokredite für Frauen

Für einen Menschen, der seit dem elften. Lebensjahr ein Kinostar ist, macht Portman einen erstaunlich natürlichen und vernünftigen Eindruck. Bei einem Treffen in einem Café in Greenwich Village trug sie einen schlichten dunkelgrauen Mantel über ihrem Finca-T-Shirt. Ihr Haar war zurückgekämmt und gab ein offenes und ebenmässiges Gesicht frei. Portman wuchs auf Long Island auf. Sie besuchte eine gute öffentliche Schule und nahm dort an einem Technologie-Wettbewerb des High-Tech-Konzerns Intel teil, ehe sie nach Harvard ging. Ihr Leben war normaler als das der meisten Teenage-Stars, aber genauso behütet. Portman gibt zu, sie habe «nichts von Armut gewusst – natürlich war mir klar, dass es das gibt. Aber ich wusste nicht, wie gross die Not in der Welt tatsächlich ist». Ihre ersten Reisen in die Dritte Welt waren «vermutlich die wichtigsten Augenblicke auf meinem Weg, erwachsen zu werden», so Portman.

Trotz ihrer Bekanntheit ist das Leben der Schauspielerin frei von Kontroversen. Darauf legt sie Wert. In ihrem Engagement für Mikrokredite hat sie ein ideales Betätigungsfeld gefunden. Obwohl sie von der Armut schockiert war, die ihr bei dem Finca-Projekt in dem ugandischen Dorf Jinja begegnete, war sie begeistert von der Gastfreundlichkeit der Frauen dort. Portman gingen die Augen dafür auf, dass «es dort genauso viel Glück und Unglück gibt wie in Manhattan oder Jerusalem». Und sie konnte erleben, wie Mikrokredite Leben verändern. Im vergangenen Sommer ist Portman nach Uganda zurückgekehrt und sie konnte die Fortschritte sehen, welche die Frauen über die vergangenen dreieinhalb Jahre erzielt haben. Die Frau, die an der Strasse Früchte verkauft, hatte nun eine Waage, die Fleischhändlerin einen Kühlschrank. Finca arbeitet primär mit Frauen. Die nutzen ihr Geld klüger als Männer, so Portman, und sind überdies zuverlässiger bei der Tilgung. Für die Schauspielerin sind Mikrokredite ein Musterbeispiel für die Ermächtigung von Frauen: «Wenn sie mit mir reden, erzählen mir die Frauen, wie zufrieden sie mit sich sind. Wenn ich sie frage, was das Beste an ihrem neuen Leben ist, erklären sie: ‹Jetzt kann ich den Mann hinauswerfen, der mich schlägt›.»

Dabei musste Portman gar nicht besonders viel tun, als sie im Jahr 2004 «Hoffnungs-Botschafterin» für Finca wurde: Sie sprach von nun an einfach bei jedem Publicity-Auftritt über Mikrokredite. Als die Zeitschrift «Vogue» eine Titelgeschichte mit ihr machte, erzählte sie darin von Finca. Laut der Uno-Expertin für Mikrokredite, Christina Barrineau, war der «Einfluss dieser Geschichte enorm. Unsere Website wurde von den E-Mails junger, einflussreicher Leute überschwemmt, die mehr wissen und helfen wollten». Durch Barrineau wurde Portman zur «Patin» des Uno-Jahres der Mikrokredite. Sie kann sich nicht erinnern, dafür irgendetwas Aussergewöhnliches getan zu haben. Aber ihre Rolle machte das Thema bei anderen Stars wie Brad Pitt bekannt, der 2005 nach Afrika ging und mit der Presse über Mikrokredite sprach. Dazu Barrineau: «Ich wollte, dass die Leute Armut mit neuen Augen sehen. Sie sollen begreifen, dass die Armen selbst die Lösung sein können und nicht das Problem sind. Sie sollen die Helden sein und nicht Fälle für die Wohlfahrt.» Dass dieser Bewusstseinswandel tatsächlich eingetreten ist, spricht sie zu einem guten Teil Portman zu: «Natalie ist nicht nur extrem klug, sondern auch absolut nicht kontrovers.»

Bis heute hat Portman Finca-Projekte in aller Welt besucht. Sie hat darüber unter anderem an den Universitäten Harvard und Stanford gesprochen, von den zahllosen Artikeln in Frauenzeitschriften ganz zu schweigen. Dazu kommt die von Portman produzierte CD «Big Change: Songs for Finca». Derzeit arbeitet sie an einer Dokumentation über den Verband. Gemeinsam mit Königin Rania leitet sie eine neue Kampagne, mit der Finca bis im Jahr 2010 die Zahl der Klientinnen auf eine Million bei 100?000 Sparkassen erhöhen will.

Idealistisches Engagement

Ein solches Engagement hebt das öffentliche Image eines Stars beträchtlich, keine Frage. Auch die Sponsoren in der Industrie profitieren davon. Aber was bewirken die Stars eigentlich wirklich? Sie sammeln selbstverständlich Geld. Aber das ist weniger wichtig als ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit. In dieser Hinsicht hat Portman Wesentliches geleistet. Der prominente Afrika-Aktivist John Prendergast bestätigt das: «Celebritys sind die perfekten Werber. Wer jenseits der bereits Bekehrten ein neues Publikum ansprechen will, der kann dafür niemand Besseres finden. Das Publikum kennt diese Stars und will unbedingt wissen, was die in ihrem Privatleben interessiert.» So schlagen Leute eine Zeitschrift auf, um Natalie Portman zu sehen – und wenn sie das Heft weglegen, haben sie von Mikrokrediten erfahren.

Man muss die Macht der Stars selber erlebt haben. Vor einigen Monaten hat George Clooney vor der Uno gesprochen, nachdem er von seinem ersten Einsatz als «Uno-Botschafter des Friedens» zurückgekehrt ist. Ich habe nie zuvor eine Pressekonferenz bei der Uno erlebt, an der sich schreiende Offizielle mit Handy-Kameras gegenseitig auf die Füsse traten. Die Rede Clooneys war ausserordentlich differenziert und idealistisch. Danach war die erste Frage der Presse: «Ist das mehr wert als ein Oscar?». Anschliessend gab Clooney Interviews mit den TV-Sendern CBS, NBC, CNN und der BBC, aber auch mit al-Jazirah, Al Arabiya und etlichen europäischen Kanälen. Sein Auftritt wurde weltweit übertragen, auch im US-Unterhaltungskanal «E!». So sieht schlagkräftige PR aus.

Vielen Stars ergeht es wie den Aktivisten, die sich nicht nur dazu befugt fühlen, grosse Reden zu schwingen, sondern dies geradezu für eine Verpflichtung halten. So hat mir Eve Ensler erklärt, die Opfer von sexuellem Missbrauch in New Orleans und die vergewaltigten und verstümmelten Frauen im östlichen Kongo seien Opfer «ein und derselben globalen Strategie, Frauen zu vernichten». Sie nennt das «Femicide». Von diesem Argument aus entwickelte Ensler die Zusammenhänge zwischen Patriarchat und Klimawandel. Dieses kategorische Denken ist Fluch und Segen des Promi-Engagements. Donald Steinberg von der International Crisis Group spricht in diesem Zusammenhang über die «Schlichtheit als Kehrseite der Komplexität». Zu dieser seien etliche Stars fähig, mit denen er zusammengearbeitet hat. Er nennt Angelina Jolie, die sich mit lauter, klarer Stimme Gehör verschaffen könne, ohne dabei simpel zu wirken. Bono pflegt zwar zu sagen: «Statistiken reimen sich nicht» – aber er schafft das irgendwie trotzdem.

Ich habe versucht, darüber auch mit Natalie Portman zu sprechen. Sie weiss, dass Mikrokredite den Armen die Chance, aber auch die Verantwortung für selbstständiges Handeln geben. Damit riskieren sie, zu scheitern. Dennoch sind Finca und Kleinstdarlehen für die junge Schauspielerin in erster Linie eine inspirierende Geschichte und nicht ein ideologisches Ringen zwischen Eigenverantwortung und milden Gaben. Portman sagt, Arme bräuchten daneben auch direkte Hilfen seitens «der Programme, an denen andere Leute arbeiten». Sie scheint genug über ihr Thema zu wissen – ohne völlig darin aufzugehen. Auf die Frage, ob sie Muse für die Literatur über Entwicklungsarbeit habe, antwortet sie mit einem Lächeln: «Zeit schon, aber ich habe keine Lust dazu.» Dennoch hat ihre philanthropische Arbeit die 26-Jährige geprägt. Die Begegnung mit Finca war ein Wendepunkt in ihrem Leben. Sie hat jüngst aufgehört, Werbeaufträge anzunehmen und sagt: «Ich will von nun an nur noch Dinge tun, auf die ich wirklich stolz sein kann.»