Schneersohn-Dokumente zurückgefordert
Das Jahr 1939 neigte sich seinem Ende zu, und Rabbi Joseph Isaac Schneersohn sass im kriegszerrissenen Polen fest. Die Deutschen waren eingefallen, und Bomben regneten auf Warschau. Die Lage war recht hoffnungslos für Rabbi Schneersohn, den sechsten Anführer der chassidischen Chabad-Lubavitch-Bewegung, ebenso wie für seine Familie und seine Anhänger. Nicht weniger gefährdet war seine wertvolle Sammlung historischer und religiöser Dokumente: Kommentare zu den Thora-Abschnitten, Abhandlungen über jüdisches Brauchtum, Manuskripte und Kopien von Korrespondenzen, einschliesslich Erinnerungen darüber, wie die Lubavitcher russisch-jüdischen Soldaten Nahrungsmittel «koscher lepessach» lieferten.
Schneersohn, Schwiegervater des siebten und vorläufig letzten Lubavitcher Rebben Menachem Mendel Schneerson, sollte schliesslich nach einem ungewöhnlichen Hin und Her zwischen deutschen Beamten, dem amerikanischen State Department und jüdischen Persönlichkeiten die Flucht nach New York gelingen. Die Sammlung aber blieb zurück. Sie fiel zuerst in deutsche und dann in sowjetische Hände. Heute sind diese Dokumente und eine andere Sammlung, die zur Zeit der russischen Revolution verloren gegangen war, Gegenstand eines amerikanischen Rechtsverfahrens. Um die Sammlung wieder zu bekommen, belangt nun die Lubavitcher Bewegung Russland, welches die Dokumente nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geerbt hatte. Nach Angaben von Anwälten der Bewegung haben die Russen einige der Dokumente auf dem Schwarzmarkt zum Kauf angeboten. In einem vorläufig letzten Schritt in der Angelegenheit erklärte Russland dem Washingtoner Gericht, das den Fall behandelt, es habe gar keine Jurisdiktion in der Sache.
Die Dokumente seien viel mehr als nur «intellektueller Besitz», sagte Eliezer Zaklikovsky, Mitverfasser einer Geschichte über Schneersohns Flucht aus Europa. «Sie sind für die ganze Bewegung von grosser spiritueller Bedeutung. Man könnte sie als Seele der Bücher und Manuskripte bezeichnen, und sie befinden sich im Exil.» Man habe keine enge Beziehung zu den Unterlagen, erklärten Beamte vom staatlich-russischen Militär-archiv in Moskau, wo die in Polen zurückgelassenen Dokumente aufbewahrt werden, doch ein Gerichtsprozess sei der falsche Weg, um den Besitzer zu bestimmen. In russischen Archiven liegen jede Mengen von Unterlagen, welche die Rote Armee auf ihrem Marsch durch Osteuropa und bei der Eroberung Berlins an sich genommen hatte. Das beginnt bei Dokumenten der Reichskanzlei und der Gestapo und geht bis zu Bauplänen von Auschwitz. Die Sowjets plünderten Material, das die Nazis in besetzten Staaten an sich gerissen hatten, darunter Archive zerstörter jüdischer Gemeinden. Einiges ist zurückerstattet worden, wie Unterlagen des französischen Kriegsministeriums oder britischer Expeditionstruppen. Die Schneersohn-Dokumente jedoch bleiben nach wie vor in staatlichrussischen Händen.
Abenteuerliche Hilfe zur Flucht
Schneersohn kam im russischen Lyubavici zur Welt, dem Zentrum der Lubavitcher Bewegung. Nach der Revolution von 1917 setzte er trotz der Verfolgungen durch die Kommunisten seine jüdische Arbeit fort. 1927 wurde er verhaftet. Nach Angaben von Lubavitch wurde Schneersohn zum Tode verurteilt, doch nach internationalen Protesten sei das Urteil erlassen worden, und der Rabbi wurde aus der Sowjetunion ausgewiesen. Einige Forscher behaupten allerdings, Schneersohn sei nie zum Tode verurteilt worden und er habe das Land freiwillig verlassen, um einer weiteren Verhaftung zuvorzukommen.
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte Schneersohn in Polen. Es folgte nach Ansicht der Forscher eine untypische Intervention von Deutschen, die sein Leben retteten. Allen voran Wilhelm Canaris, Leiter der deutschen militärischen Abwehr, der im Zuge des Austauschs von Briefen und Telegrammen und Telefonaten mit jüdischen Persönlichkeiten und amerikanischen Offiziellen dazu gebracht wurde, Schneersohn beim Verlassen Warschaus zu helfen. Die Motive für diese Handlung sind laut Zaklikovsky nie ganz geklärt worden. Zuerst galt es, Schneersohn zu finden – wegen der Angst der dortigen Juden vor Verrätern kein leichtes Unterfangen. Die Deutschen setzten den Halbjuden Ernst Bloch ein, der jiddisch sprach. «Sie suchten in ganz Warschau nach dem Rebben», erzählt Zaklikovsky. «Die Angst war aber so gross, dass ihnen niemand die Tür öffnete, und auch als man das Haus dann tatsächlich fand, in dem sich der Rebbe und seine Familie befanden, wollte man sie nicht eintreten lassen.» Nach Verhandlungen wurde Schneersohn nach Berlin evakuiert. Von dort ging die Reise weiter nach Riga, Stockholm, schliesslich nach New York, wo der Rebbe Anfang 1940 eintraf. In dem ganzen Durcheinander blieben Schneersohns Dokumente in Polen. Anstatt sie zu zerstören, bewahrten die Deutschen sie auf.
«Sie hatten Interesse an jüdischen Archiven, an Freimaurer-Archiven, an sozialistischen Archiven und an gewissen wichtigen Archiven von sogenannten Feinden des Reichs», erklärt Patricia Grimsted, Expertin für russische Archive an der Harvard-Universität. «Ihr Interesse an den Schneersohn-Dokumenten dürfte daher rühren, dass er gezwungen worden war, die Sowjetunion zu verlassen. In den zwanziger Jahren war der Fall sehr umstritten.»
Dokumente auf dem Schwarzmarkt
Die Rote Armee brachte die Dokumente nach Moskau, doch einige Bücher und Manuskripte blieben in Polen. Mit Hilfe des State Department und des Geschäftsmanns Edward Piszek gaben die polnischen Behörden 1977 sechs Kisten mit Material Lubavitch zurück. Eine der zentralen Figuren beim Transfer war Abraham Shemtov, Leiter von Agudas Chasidei Chabad, der Dachorganisation von Chabad Lubavitch. Die rechtlichen Schritte zur Gewährleistung der Rückgabe der in Russland verbliebenen Dokumente setzten 2004 ein. Shemtov wollte sich nicht zur Tatsache äussern, warum der Fall in den USA und nicht in Russland aufgerollt wurde. Seit Beginn des juristischen Tauziehens hat Vladimir Kuzelenkov, Direktor des russischen Archivs, die Dokumente «zur Vorsicht» weggeschlossen, und Forscher konnten sie nicht mehr einsehen. Unlängst allerdings durften Vertreter der Jewish Telegraphic Agency die Sammlung im staatlichen Militärarchiv besichtigen.
Laut Anwalt Marshall Grossman, der Lubavitch vertritt, ist eine internationale Polizeiuntersuchung eröffnet worden, nachdem dem Vernehmen nach Dokumente aus dem Archiv auf dem Schwarzmarkt, vorwiegend in Israel, zum Kauf angeboten worden waren. Kuzelenkov streitet die Vorwürfe ab. «Es ist mein Lebensinhalt, diese Dinge aufzubewahren», sagt er. «Wer sie verkauft, ist ein Verräter.»
Grundsätzlich ist, wie Kuzelenkov betont, das Archiv nicht abgeneigt, die Sammlung den Lubavitchern zu übergeben, doch wolle man nur Forderungen berücksichtigen, die aufgrund eines aus dem Jahr 1998 stammenden russischen Gesetzes gemacht wurden, das die Verstaatlichung und gelegentliche Rückgabe von Dokumenten regelt. Auf eine amerikanische Klage werde das Archiv nicht eingehen. Ein weiteres Schüsselelement sei die Kompensierung des Archivs, das die Materialien bewahrt und konserviert habe. Grossman wiederum behauptet, Russland werde wohl kaum eine auf dem Gesetz von 1998 basierende Forderung akzeptieren. In der gleichen Klage wollen Anwälte von Lubavitch auch die Rückgabe einer separaten Sammlung von 12 000 Büchern erwirken, die heute in einer staatlichen Bibliothek in Moskau liegt. Laut Chabad Lubavitchhat Shlomo Dovber Schneersohn, der fünfte Lubavitcher Rebbe, die Bücher in einem Moskauer Warenhaus aufbewahrt, wo die Bolschewiken sie nach der Revolution von 1917 in Beschlag nahmen. Anfangs der neunziger Jahre befand ein sowjetisches Gericht, die Bücher seien das Eigentum von Lubavitch. Später jedoch wurde der Entscheid annulliert.
Rabbi Berel Lazar, der Leiter von Lubavitch in Russland, befürwortet eine diplomatische Lösung zur Sicherung der Rückgabe der Sammlungen. «Persönlich haben wir das Gefühl, die Russen seien durch diplomatische Bemühungen eher zu überzeugen», sagt er.
Inzwischen bleibt das Schicksal
der Schneersohn-Dokumente in der Schwebe.