Schmelztiegel der sephardischen Kultur
Der türkische Teppichhändler Jacob Adutt gehörte zu den wichtigsten Wiener Grosskaufleuten. Er handelte nicht nur mit Teppichen, sondern auch mit anderen Textilien.
Ein türkischer Jude mit einem florierenden Geschäft – dies ist eines der vielen Beispiele, das belegt, wie sich einst das Leben der Sepharden in der Hauptstadt des Kaisers in Wirtschaft, Kultur und Tradition entfaltete. Wien und die Türken, da denkt man doch zuerst an alte Geschichten um gescheiterte Belagerungen, den Prinzen Eugen, die Erfindung des Wiener Kaffeehauses oder aktuellere, weniger romantische Diskussionen um mangelnde Inte-gration oder Verständigungsprobleme.
Bestens integriert
So gut wie vergessen ist die Tatsache, dass es einmal eine bestens integrierte türkische Gemeinde in Wien gab: sephardische Juden, die aus Spanien über Istanbul nach Wien gelangt waren, wo sie als «türkische Israeliten» galten. Wie keine andere Bevölkerungsgruppe seither verkörperte sie die heute in Sonntagsreden gern heraufbeschworene «Brückenfunktion» Wiens zwischen Ost und West.
Ihre Geschichte zeigt nun das Jüdische Museum Hohenems unter dem Titel «Die Türken in Wien». Die vom Jüdischen Museum der Stadt Wien erarbeitete Ausstellung vermittelt überraschende Einsichten in die Geschichte der Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei, zwischen Juden in West und Ost, und in die Geschichte der Migration in Europa und der jüdischen Diaspora. Die Ausstellung erzählt von der Vermittlerrolle, welche die sephardisch-türkischen Gemeinden zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa spielten. Sie erzählt von Händlern und Kaufleuten und deren innovativen Netzwerken – aber auch von Gelehrten, Rabbinern, Schriftstellern und Musikern, die ihr Kulturerbe mit der Welt teilten. Und schliesslich erzählt die Ausstellung von der Vernichtung dieser Gemeinden und ihrer Verdrängung aus dem historischen Gedächtnis Wiens und Österreichs.
Den Balkan geprägt
Den Anfang der Ausstellung macht eine vergrösserte Postkartenfotografie der sephardischen Synagoge im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Wie alle grossen Synagogen der Stadt war das prachtvolle, 1887 fertiggestellte Gotteshaus ein Musterbeispiel historistischer Architektur. Türkische und maurische Elemente symbolisierten die wechselvolle Geschichte der Sepharden, die 1492 von den «katholischen Königen» aus Spanien vertrieben worden waren. Zuflucht fanden sie vor allem im osmanischen Vielvölkerreich. 1735, nach dem Friedensschluss zwischen Osmanen und Habsburgern, holte Kaiser Karl VI. türkische Juden nach Wien, um den Handel mit dem Osmanischen Reich in Schwung zu bringen. Sie gründeten eine erste sephardische Gemeinde – als Ausländer hatten sie im Gegensatz zu den österreichischen Juden das Recht zur freien Religionsausübung. Auch in den neu für Habsburg gewonnenen Territorien auf dem Balkan lebten zahlreiche sephardische Juden, die den türkischen Eroberern gefolgt waren. Sie prägten das Bild dieser Länder mit, wie Postkarten mit Szenen aus Saloniki oder Sarajevo zeigen. Dokumente und Kultgegenstände aus Ungarn, Bulgarien, Serbien, Bosnien und Griechenland geben einen Eindruck des orientalisch-sephardischen Balkan, zu dessen
intellektuellen Zentren Wien gehörte. Die Hauptstadt des Habsburgerreichs wurde auch zum bedeutenden Publikationsort der sephardischen Presse, ein Beispiel dafür ist die Zeitung «El correo de Viena».
Beitrag zur Integration
Die Juden mit sephardischem Hintergrund nannten sich «Spaniolen», sie hatten eine deutschsprachige Zeitung gegründet. Ein schöner Text, der in Hohenems gezeigt wird, stammt aus einem Artikel, der seine «spaniolischen Leser» dazu auffordert, mehr Sport zu treiben und nicht nur im Kaffeehaus zu sitzen. «Die sephardische Gemeinde in Wien war Zeit ihres Bestehens sehr aktiv und somit auch Konkurrenz für die ansässige askenasische Gemeinde», sagt Hanno Loewy, Direktor des Museums in Hohenems. Die Sepharden waren die Minderheit in der Minderheit, die jedoch sehr erfolgreich, modern und darüber hinaus den Wiener Juden gegenüber privilegiert waren, weil sie als osmanische Untertanen galten. «So war man schnell neidisch und der österreichische Nationalstolz war auch nicht gerade förderlich, sodass die Menschen aus dem Balkan oder aus der Türkei kleingehalten wurden», weiss Loewy.
Das führte auch dazu, dass selbst in Wien keine innerjüdische Erinnerung an die türkische Gemeinde gepflegt wurde. 1835 wurde das alte jüdische Museum in Wien gegründet, das kurz vor dem Krieg über 5000 Objekte besass. Davon gab es einen einzigen Gegenstand, der von der türkisch-jüdischen Geschichte in Wien erzählt: «Man liess damals von einem Fotografen eine Bildserie mit zwei Sätzen anfertigen. Die Bilder dokumentieren Kultgegenstände der sephardischen Synagoge. Nach dem Krieg konnten einige Objekte aus der Synagoge identifiziert werden», erzählt Loewy. So sei es auch kein Zufall, dass man sich auch nach dem Krieg kaum mit der jüdisch-sephardischen Geschichte in Wien auseinandergesetzt habe. «Erst vor etwa 30 Jahren tauchten die Sepharden in der jüdischen Geschichtsschreibung wieder auf», so Loewy.
Mit der aktuellen Ausstellung, die zweisprachig gehalten wird, wurde ausserdem auch ein Nerv der Zeit getroffen, denn nicht zuletzt kurbelt sie die Auseinandersetzung der heute in Österreich lebenden Türken mit ihrer eigenen Geschichte an. «Die türkische Minderheit ist die grösste Minderheit in Österreich heute. Wir haben viele junge Besucher türkischer Herkunft, die zum ersten Mal etwas über das Judentum und die jüdische Geschichte erfahren, aber aus einer anderen Ecke, als sie es sich sonst gewohnt sind, was ihnen wiederum hilft, etwas über ihre eigene Vergangenheit zu lernen», findet Loewy, der sogar ein wenig stolz ist, einen Beitrag an Integration leisten zu können.
Vom Inquisitor zum Gemeindegründer
Die Ausstellung ist eine liebevolle Hommage. Das zeigt schon nur, dass eigens für die Exponate die Wände in warmem Rot und Gelb gestrichen wurden. Während jene Ausstellungsobjekte vor rotem Hintergrund die jüdische Geschichte in der sephardischen Diaspora reflektieren, stellen die Gegenstände vor gelbem Hintergrund den Wiener Teil vor. Einladend und einfach aufgebaut wird dem Betrachter zuerst die Geschichte der Juden, die auf dem Seeweg nach London und Amsterdam in die Türkei und in den Balkan kamen, näher gebracht. So gehört auch jene Geschichte von Diego d’Aguilar dazu, einer schon fast mythischen Figur, über die tragische Legenden im Umlauf sind. Sie erzählen von seiner Flucht von der Iberischen Halbinsel und seiner Ankunft in Wien. Historisch gesichertes Wissen über sein Leben gibt es wenig. Erzählungen nach soll er als Kind von seinen Eltern vor der Inquisition weggenommen, getauft und sogar zum Priester geweiht worden sein. Danach wurde er angeblich Bischof und selbst Inquisitor. Seine Mutter und Schwester seien zwar formal getauft, aber im Geheimen dem jüdischen Glauben treu geblieben.
Das Geheimnis der Herkunft
Als sogenannte Marranen («Geheimjuden») mussten sie ihre Religion im Verborgenen leben. Als die Schwester dabei entdeckt wurde, habe sie d’Aguilar selbst, der sie nicht kannte, zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. In der Nacht vor der Hinrichtung soll ihn seine Mutter besucht und ihm das Geheimnis seiner Herkunft verraten haben. Daraufhin sei er sich seiner jüdischen Abstammung bewusst geworden und nach Wien geflohen, wo er von Karl VI. und dessen Tochter Maria Theresia freundlich aufgenommen worden sei. Gesichert ist nur, dass d’Aguilar, als er 1722 aus unbekannten Gründen von Lissabon nach London ging, bereits über einen portugiesischen Adelstitel verfügte. 1723 wurde er nach Österreich berufen, um das Tabakmonopol zu reorganisieren, eine Tätigkeit, die er bereits in Portugal mit seinem Vater ausgeübt hatte. In der älteren Literatur gilt er vielfach als Begründer der sephardischen Gemeinde in Wien. Bis 1938 sollen sich eine Thorakrone und Thoraaufsätze im Besitz des türkischen Tempels befunden haben, deren Inschrift als legendäres Gründungsdatum der sephardischen Gemeinde gilt: 1737 und 1738. Zwar versammelte d’Aguilar tatsächlich einige türkische Juden und ihre Dienerschaft zum gemeinsamen Gebet in seinem Haus, eine formale Gemeindegründung kann daraus aber noch nicht abgeleitet werden. 1749 verliess Diego d’Aguilar Wien aus nicht bekannten Gründen und kehrte nach London zurück. Man vermutet, dass ihm entweder die Toleranzsteuer in Wien zu hoch wurde, oder die spanische Regierung seine Auslieferung verlangte.
Einmal um die Welt
Der Rundgang durch das Kellergewölbe in der Hohenemser Heimann-Rosenthal Villa endet an der Kehrseite des Plakates, das die sephardische Synagoge zeigt. Ein baupolizeilicher Bescheid des Magistrats Wien aus dem Jahr 1955 ist dort abgedruckt, in dem die Israelitische Kultusgemeinde aufgefordert wird, «den auf obiger Liegenschaft befindlichen Schutt und Mist beseitigen zu lassen». Es handelt sich um Reste der 1938 zerstörten Synagoge. Heute steht auf dem Grundstück eine graue Wohnhausanlage der Gemeinde Wien. Vom einst blühenden sephardischen Leben in der Stadt zeugt dort nur noch eine unscheinbare Gedenktafel. Trotzdem verlässt der Besucher die Ausstellung nicht mit dem Nachklang solch historischer
Bitterkeit. Für Hanno Loewy zieht die Geschichte einen viel schöneren Bogen, wenn er schmunzelnd von der Liebesgeschichte zwischen Paul Rosenthal und Marguerite Galimir erzählt: «Sie war eine sephardische Jüdin aus Wien und Mitglied des berühmten Galimir-Quartetts, er ein Hohenemser Jude, der nach Amerika emigrierte.» Nachdem beide quasi einmal um den Globus gereist sind, schliesst sich der Kreis nicht nur für die zwei Liebenden, sondern auch für den Museumsgänger, der damit den wohl schönsten Bezug der Ausstellung mit der Geschichte der Hohenemser Villa herstellen kann.