Schlagabtausch der Schwächlinge

Editorial von Andreas Mink, November 11, 2011

Ein Horrorszenarium. Die eine Hand erhebt sie zum Atomschlag gegen Israel, mit der anderen lenkt sie eine Schar brandgefährlicher Marionetten. So beschreiben viele Stimmen derzeit die Islamische Republik Iran. Das Horrorszenarium eines atomar gerüsteten Mullah-Regimes, das rationalen Argumenten nicht zugänglich ist, kann von dieser Warte aus nur noch durch einen raschen Militärschlag abgewendet werden. Doch es gibt auch noch ein anderes Iran. Dieses Land hat jüngst Ray Takeyh in der «Washington Post» so beschrieben: «Eine belagerte schiitische Theokratie, die von einer im Inneren köchelnden Opposition und aussenpolitisch von wachsender Isolierung überwältigt wird.» Takeyh fügt die Frage an: Dieser Staat soll sich zum regionalen Hegemon aufschwingen?

Enorme Herausforderungen. Takeyh steht dem US-Militär nahe und hatte Professuren an Militärakademien inne, ehe er zur Denk­fabrik Council on Foreign Relations wechselte. In seinem Kommentar legt er dar, dass der amerikanische Abzug aus Irak keineswegs ein Vakuum schaffe, das Teheran bequem ausfüllen könnte. Im Gegenteil: Takeyh ist überzeugt, dass auch die Schiiten in Irak die Einmischung des nicht arabischen Nachbarn zunehmend ablehnen. Zu dem gleichen Schluss kommt der prominente Iran-Experte Vali Nasr, der nach Jahren im Stab von Richard Holbrook wieder in das akademische Leben zurückgekehrt ist. Auch Nasr hat jüngst erklärt, der amerikanische Abzug aus Irak – und Afghanistan – stelle Iran vor enorme Heraus­forderungen, da mit den GIs auch ein wesentlicher Stabilitätsfaktor verschwinde. In den Augen Nasrs wäre Teheran schlicht überfordert damit, die Rolle der Ordnungsmacht in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu spielen.

Geplagte Staaten. Aber was hat das mit der Aufregung um den Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde über die Atomrüstung Teherans zu tun? Angesichts der durch die Sanktionen noch verschärften Wirtschaftsmisere in Iran bleiben dem Regime kaum noch andere Trümpfe als seine nuklearen Anstrengungen, um an den Nationalstolz zu appellieren und sich in der Region Respekt zu verschaffen. Dies dürfte auch erklären, dass Teheran den wahren Stand und die Ziele seiner Bemühungen verborgen hält. Doch die Regierung in Teheran ist nicht die einzige Macht in der Region, die von schweren Sorgen geplagt ist. Israel scheint bislang keine Antworten auf den «arabischen Frühling», den Abstieg der USA als Welt- und Schutzmacht sowie auf soziale Probleme im Inneren zu finden. Und Washington hat offenkundig den Irak-Krieg verloren und steht in Afghanistan auf dem absteigenden Ast. Die USA werden bis zu den Wahlen in einem Jahr weder zu einer dringend notwendigen Neuausrichtung der Haushaltspolitik noch zu souveränem Agieren in Übersee fähig sein.

Ein Ablenkungsmanöver. Damit bietet sich in Israel Säbelrasseln in Richtung Teheran als politisches Ablenkungsmanöver an, während Barack Obama aus Rücksicht auf breite Wählerschichten Härte gegenüber Iran zeigen dürfte. Die Republikaner haben die atomaren Anstrengungen Teherans inzwischen als das einzige Thema in der Aussenpolitik entdeckt, mit dem sie den Osama-bin-Laden-Liquidatoren an die Karre fahren können. Das Problem in diesem Szenarium liegt auf der Hand: In diesem bislang noch verbalen Schlagabtausch der Schwächlinge könnte die Temperatur leicht so hoch steigen, dass eine der Parteien die Nerven verliert.