Schatten der Geschichte bei der Jewish Claims Conference
Der JCC-Aufsichtsrat hat inzwischen beschlossen, im laufenden Jahr insgesamt rund 270 Millionen Dollar für Dienstleistungen zugunsten von NS-Opfern in 46 Ländern bereit zu stellen. Das bedeutet gegenüber dem Jahr 2009 einen Anstieg um 100 Millionen Dollar. Die Mittel dafür stammen von der
Bundesregierung.
Dank des aktuellen Verhandlungserfolges kann die JCC bis 2014 insgesamt etwa 750 Millionen Dollar für Überlebende aufbringen. Der Aufsichtsrat hat
zudem beschlossen, der häuslichen Pflege zukünftig noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Daneben hat der Dachverband für die Vertretung
des Diaspora-Judentums in der Entschädigung von Holocaust-Opfern durch Deutschland einen neuen 19 Millionen Dollar-Fonds aus Eigenmitteln
aufgelegt. Dieser soll etwa 7000 Überlebenden in Osteuropa erstmals einmalige Entschädigungszahlungen von je 2700 Dollar leisten. Wie von der
New Yorker JCC-Zentral zu erfahren war, handelt es sich bei diesen Nazi-Opfern um jüdische Flüchtlinge, die 1939-45 nicht in deutsche Gewalt
geraten sind, sondern ihre Heimat vor den anrückenden Truppen Hitler-Deutschlands verlassen hatten.
Historisch ist dieser neue Fonds trotz seiner relativ geringen Grösse bemerkenswert: Die Bundesrepublik hat mit der im Oktober 1951 von meist
jüdisch-amerikanischen Organisationen gegründeten JCC 1952 grundlegende Abmachungen getroffen, die Entschädigungszahlungen an Nazi-Opfer im
Sowjet-Imperium kategorisch ausschlossen. Diese der «Hallstein-Doktrin» des Kalten Krieges geschuldete Haltung hat jedoch das Ende des
Sowjetreiches überlebt. Auch die heutige Bundesregierung sträubt sich gegen Entschädigungszahlungen nach Osteuropa. Daher ist die JCC nun auf
eigene Faust aus diesem Schatten der Vergangenheit herausgetreten. Die Organisation hat aber erklärt, Berlin weiter in dieser Frage bedrängen zu
wollen.
Schliesslich war aus gut informierten Kreisen zu erfahren, dass die jüngst auch von tachles gemeldeten finanziellen Schäden aus dem Betrugsskandal
bei der JCC kleiner sein dürften, als zunächst von einem Vorstandsmitglied anonym gestreut. Demnach unternimmt die JCC grosse Anstrengungen, mehr als nur eine von fünzig Millionen Dollar zurückzuerhalten, die von Betrügernin der Organisation zwischen 1994 und 2010 unterschlagen worden sind. [AM]