Scharfer Rückgang in den USA
Richard Heideman, der amtierende Präsident von Bnai Brith International (BBI), gewann die Wahl gegen seinen Herausforderer Daniel Frank mit 236:111 Stimmen. Alleine die Tatsache aber, dass es erstmals in der 157jährigen Geschichte dieser grössten jüdischen Dienstleistungsorganisation der Welt zu einer Kampfwahl um das Amt des Präsidenten kam, zeigt, dass intern die Unzufriedenheit über gewisse Zustände gewachsen ist.
In den letzten zwei Jahren hat Heideman, ein Anwalt aus Washington, vor allem durch scharfe Budgetkürzungen von sich reden gemacht. Alles in allem strich er den Haushalt von BBI um 4 auf 13,5 Mio. Dollar zusammen und reduzierte das Personal von 275 auf 225 Mitarbeiter. Sein wichtigstes Ziel, die Errichtung einer Partnerschaft zwischen der Bnai Brith Youth Organisation (BBYO, Jugendorganisation des BBI) und den Jüdischen Gemeindezentren Nordamerikas, erreichte er allerdings nicht.
Gegenkandidat Daniel Frank, einer der fünf Vizepräsidenten der Organisation, bezeichnete seinen Schritt als einen «Ruf von der Basis zur Spitze». BBI ist in über 150 Ländern weltweit tätig, doch während in anderen Staaten die Mitgliederzahl in etwa stabil gehalten werden kann, sinkt sie in den USA scharf. Heute liegt sie bei knapp über 100 000, weniger als ein Drittel im Vergleich zur Situation vor 20 Jahren.
Bnai Brith wurde 1843 als eine zunächst geheime Loge für Männer gegründet, deren erstes Ziel die Beschützung jüdischer Mitbürger vor rassistischen und antisemitischen Übergriffen war. Schon bald aber kamen die Freiwilligenarbeit und die Mobilisierung von Geldern für wohltätige Zwecke hinzu. Organisationen mit einem so vielfältigen thematischen Angebot scheinen aber je länger desto mehr ausser Mode zu geraten. «Die erfolgreichsten Organisationen in den letzten Jahrzehnten waren solche mit einer einzigen, konkret umschriebenen Zielsetzung», meint Jonathan Sarna, Professor für amerikanisch-jüdische Geschichte an der Brandeis-Universität. Als Beispiele nennt er das Simon Wiesenthal-Zentrum und das «American Israel Public Affairs Committee» (AIPAC). Hier wüssten die Leute, wofür sie ihr Geld ausgeben. BBI demgegenüber wird oft mit einem Vater verglichen, dessen Kinder das elterliche Heim längst verlassen haben. So sind etwa die Anti-Diffamationsliga und Hillel, die Campus-Organisation für Studenten, Produkte von BBI, doch beide Organisationen haben längst ihre Unabhängigkeit erreicht.
Möglicherweise wird es Bnai Brith International nie wieder gelingen, die Glorie früherer Zeiten wieder zu beleben, doch die Organisation steuert bewusst einen Wiederbelebungskurs. Mit einem nun ausgeglichenen Budget, der Berufung jüngerer Leute an Spitzenpositionen sowie zahlreichen neuen Programmen sollen neue Mitglieder rekrutiert werden. Es wurden neue Kategorien geschaffen, wie Amateur-Sportler, junge Paare, Alleinstehende, ehemalige Mitglieder von BBYO und der jüdischen Bruderschaft Alpha Epsilon Pi. Auch soll das viele Jahre vernachlässigte Reiseprogramm reaktiviert werden. Der wiedergewählte Präsident Heideman ist optimistisch: «Natürlich kann man Bnai Brith als alt und veraltet darstellen», meint er, «doch in den letzten zwei Jahren haben wir viel erreicht. Noch bleibt viel zu tun, doch wir sind auf dem richtigen Weg.»
JTA