Schanghais jüdische Vergangenheit
In Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion restaurieren Philanthropen und Volontäre aus dem Westen Dutzende von historischen jüdischen Friedhöfen. Im chinesischen Schanghai hingegen gibt es keine entsprechnden Orte, die der Restaurierung harren. Die vier Friedhöfe, die einst dieser kleinen, aber wohlhabenden jüdischen Gemeinde gehörten, sind in den späten 1960er Jahren während der chinesischen Kulturrevolution verschwunden. Die Stätten wurden überbaut, und anstelle der Friedhöfe entstanden eine Fabrik, ein Park, ein Hotel und ein muslimischer Friedhof. Die Geschichte ging vergessen.
Der israelische Fotojournalist Dvir Bar-Gal versucht, das zu ändern. Zwar mögen die Friedhöfe physisch der Vergangenheit angehören, doch seit 2001 bemüht sich Bar-Gal darum, so viele ursprüngliche Grabsteine wie möglich aufzuspüren. Bisher konnte er 85 lokalisieren. Er hofft, sie für eine Erinnerungsstätte an die Vergangenheit der Juden von Schanghai verwenden zu können. Das Projekt hält ihn schon seit über sieben Jahren auf Trab, und nun wartet er auf die staatliche Genehmigung für die Errichtung des Mahnmals. Die Zeit laufe ihm davon. «In einigen Jahren werden die Gegenden, in denen ich die Steine gefunden habe, nicht mehr existieren», argumentiert er. «Die Dörfer, die ich als erste besucht habe, sind erneuert worden und gelten heute als gesuchte Wohnviertel.»
Die Hafenstadt Schanghai, heute die grösste Stadt Chinas, hat drei Wellen jüdischer Einwanderung gekannt. Die erste setzte 1845 ein, als der in Indien lebende irakische Jude David Sassoon sein Familienunternehmen nach Schanghai verlegte, damals die erste chinesische Stadt, die sich dem Westen öffnete. Zu Sassoon gesellten sich zwei weitere Bagdader Juden hinzu: Elly Kadoorie und Silas Hardoon. Parallel zum Wachstum der jüdischen Gemeinde der Stadt wuchs auch der Wohlstand von Schanghai.
Nach 1905 trafen russische Juden, die vor Pogromen und vor der Revolution flohen, in Schanghai ein. In den dreissiger Jahren sah die Stadt dann die dritte Welle: Rund 30 000 Flüchtlinge, die dem Zugriff der Nazis in Europa entronnen waren, kamen in einer Zeit in die Stadt, als andere Länder ihre Tore vor jüdischen Flüchtlingen schlossen. Schanghai als «offene Stadt» erlaubte die Immigration ohne Visa oder Reisepässe.
Japan widersetzte sich
Japan besetzte Schanghai im Zweiten Weltkrieg, weigerte sich aber, den Befehl der Nazis auszuführen und die Juden der Stadt zu deportieren oder zu ermorden. Die 20 000 staatenlosen jüdischen Flüchtlinge, die sich noch in Schanghai befanden, wurden im sogenannten Hongkew-Ghetto zusammengepfercht. Wer einen Arbeitsplatz ausserhalb hatte, durfte seiner Beschäftigung aber weiterhin nachgehen. Die jüdischen Gemeinden im Irak und in Russland sandten, zusammen mit dem American Jewish Joint Distribution Committee, regelmässig Hilfe.
Krankheit und Armut grassierten, doch den Juden von Schanghai blieben die Schrecken des Holocaust erspart. Nach dem Krieg zog fast die ganze Gemeinde weiter nach Hongkong, Australien, Nordamerika oder Israel. Bar-Gal stiess 2001 auf diese Geschichte während einer Reise zu jüdischen Moriven in Schanghai, die von seiner Landsmännin Georgia Noy geleitet wurde. Sie erzählte ihm, ein lokaler Antiquitätenhändler verkaufe zwei jüdische Grabsteine von einem der verlassenen Friedhöfe. Was wie ein geheimnisvolles Märchen begann, wurde bald schon zu einem umfassenden Projekt. Bar-Gal und Noy kauften einen der Grabsteine bei dem Händler – der andere war bereits verkauft worden.
Der Grabstein führte Bar-Gal zu Dutzenden weiteren. Viele spürte er in Dörfern ausserhalb der Städte auf. Einige wurden als Treppenstufen benutzt, während andere in Gartenmauern integriert waren, zum Brückenbau benutzt oder einfach in die Flüsse geworfen worden waren. Einige Dorfbewohnerinnen benutzten die Steine zum Waschen, wobei die Buchstaben durch das jahrelange Schrubben allmählich verblichen.
Viele Grabsteine mussten gekauft werden
Unterstützt durch ein Stipendium des sino-judaistischen Instituts der Universität Stanford engagierte Bar-Gal Arbeiter, deren Aufgabe es war, die Grabsteine an den ungewöhnlichen Orten auszugraben, an denen sie zur «letzten Ruhe» gelangt waren. In vielen Fällen musste er die Steine von Dorfbewohnern kaufen, die behaupteten, diese gehörten ihnen. – Die Inschriften dokumentieren die Geschichte der Juden von Schanghai, angefangen beim Stein von 1874 eines britischen Matrosen namens Lazarus bis hin zum Grabstein von 1958, der Charles Perceval Rakuzen gehört hat, einem in Grossbritannien geborenen Ophthalmologen, dessen Schwes¬ter heute in England lebt.
Bar-Gal richtete eine Website ein mit Fotografien und Informationen über die Grabsteine, die er fand, sowie mit Interviews, die er mit überlebenden Familienmitgliedern geführt hat.
Warten auf die Genehmigung
Zwanzig der von Bar-Gal entdeckten Grabsteine werden von der Regierung in einem buddhistischen Friedhof gehalten, bis ihr Schicksal geklärt ist. Fünf weitere Steine waren zu schwer für eine Ausgrabung. Die 60 Steine, die Bar-Gal besitzt, wurden im Laufe der Jahre in vier Räumlichkeiten untergebracht. Bar-Gal wartet auf die staatliche Erlaubnis für den Bau einer jüdischen Gedenkstätte in einem kleinen Park mitten im ehemaligen Ghetto. Schon heute befindet sich im Park eine Tafel aus Granit, die an die Juden des Ghettos erinnert. Die Tafel ist in der Nähe der kürzlich restaurierten Synagoge Ohel Moshe, die eine Ausstellung über die Geschichte der Juden der Stadt enthält. «Touristen, denen etwas an der jüdischen Geschichte von Schanghai liegt, kommen zum Park, der ein natürlicher Standort für ein solches Mahnmal wäre. Dieses würde eine Brücke zwischen der jüdischen und der chinesischen Kultur bilden. Gleichzeitig würde die Stätte auf die beidseitige Not hinweisen, die wir in den dunkeln Tagen des Zweiten Weltkriegs durchlebt haben», sagt Bar-Gal, Bisher haben die chinesischen Behörden erst einmal auf die Bitten Bar-Gals reagiert: «Sie sagen, es bringe Unglück, Grabsteine in einem von Lebenden benutzten Park aufzustellen.»
Schanghai, eine 26-Millionen-Stadt, wächst rasch. Die Gegend von Hongkew, zu der auch das Ghetto gehörte, soll umgebaut werdenwerden. Der Bezirks-Bürgermeister war vor sechs Jahren einverstanden, die Baupläne für eine Summe von 700 Millionen Dollar auf die lange Bank zu schieben, doch meldeten sich keine Käufer. Bar-Gal betont, dass die 700 Millionen in erster Linie für die Umsiedlung der 16 000 Einwohner der Gegend benötigt würden. Für den Erhalt von Hongkew als Touristenzone würde man viel mehr Geld brauchen. Bisher sind Bar-Gals 60 Grabsteine in einem Warenlager untergebracht, das teilweise dem Jewish Center gehört. «Sie liegen irgendwo zwischen sauren Gurken und Matzot», meinte Bar-Gal leicht sarkastisch.
www.shanghaijewishmemorial.com