Sammler, Räuber und Gelehrte
von Monica Strauss
Romantische Vorstellungen über Archäologie lösen sich in der Regel beim ersten Besuch auf einer Grabungsstätte auf. Das Graben ist mühsam, aufwändig und geht mit grosser Sorgfalt voran. Wird ein antikes Stück entdeckt, ist die genaue Beschreibung der Umgebung des Fundes ebenso wichtig, wie die Identifikation des Gegenstandes selbst. Nur so kann ein archäologischer Fund als historisches Dokument vergangener Gesellschaften dienen. Doch leider tauchen nicht alle antiken Stücke im kontrollierten und sicheren Umfeld fachgerechter Grabungen auf. Werden sie ausserhalb einer offiziellen Grabung gefunden – oder dort gestohlen – geht ihr ursprünglicher Bedeutungszusammenhang für immer verloren. Stattdessen können sie dank ihrer Seltenheit oder den zu ihrer Herstellung notwendigen wertvollen Materialien und Kunstfertigkeiten zu ausserordentlich attraktiven Gegenständen für den Kunsthandel werden.
Profitable illegale Geschäfte
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Handel mit geraubten Antiquitäten ein solches Ausmass an, dass viele Länder die Kontrolle über ihr kulturelles Erbe und Forscher wertvolle Quellen verloren. 1970 forderte die Unesco ihre Mitgliedsstaaten schliesslich zur Unterzeichnung eines Abkommens auf, das ihren Bürgern den Handel mit Antiquitäten ohne Herkunftsnachweis untersagte, sofern diese nach diesem Jahr zum Vorschein kamen. Doch die Plünderungen gingen unvermindert weiter, auch wenn der illegale Handel nun mit grösserer Vorsicht ans Werk ging. In ihrer Gier gaben sich Händler, Auktionshäuser und Sammler mit fadenscheinigen Herkunftsnachweisen zufrieden. Selbst grosse Museen verzichteten auf ernsthaftes Nachfragen, wurden ihnen erstklassige Stücke angeboten.
So wurde in den neunzehnhundertneunziger Jahren etwa in Italien derart viel Geld im illegalen Antiquitätenhandel verdient, dass sich eine ausgereifte Arbeitsteilung entwickelt hatte. Am unteren Ende dieser Kette standen die «Tombaroli» oder Grabräuber, häufig Bauern, die nahe einer antiken Stätte lebten. Diese verkauften ihre Funde an Mittelsmänner, welche die Stücke fotografierten und verwahrten, ehe sie diese an ein Mitglied eines internationalen Händlerkonsortiums weiterverkauften. Diese verfügten über die gesellschaftlichen Beziehungen und die akademischen Titel, die es ihnen erlaubten, Sammler und Museen von der sauberen Herkunft ihrer Ware zu überzeugen.
Die «Medici-Verschwörung»
Erst aufwendige Recherchen der Kunstabteilung der italienischen Carabi-
nieri brachten dieses ausgedehnte Netzwerk um die Jahrtausendwende an den Tag. Die Fahnder nannten den Ring nach dessen Schlüsselfigur Giacomo Medici die «Medici-Verschwörung» (siehe dazu Peter Watson, Cecilia Todeschini: The Medici Conspiracy, New York: Public Affairs, 2006). Medici lagerte über 4000 Objekte in Genf, während einer der ihm verbundenen Händler über 17 000 Stücke aufbewahrte. Medicis Team lieferte einen Grossteil der Stücke an die fünf weltweit bedeutendsten privaten Sammlungen antiker Kunst. Am Ende der Untersuchung war klar, dass in Italien Woche für Woche tausende von Antiquitäten illegal den Besitzer gewechselt hatten.
Die Folgewirkungen dieser Ermittlungen halten an. Zunächst wanderten Medici und einige der bedeutendsten Händler weltweit hinter Gitter. Sogar eine Kuratorin des Getty Museums in Los Angeles wurde in diesem Zusammenhang angeklagt. Sie wartet noch auf ihr Urteil. Die schwerwiegendsten Konsequenzen hatte die Aufdeckung des Medici-Rings jedoch für die grossen Museen. Diese erklärten sich nach und nach zur Rückgabe von Stücken dubioser Herkunft bereit, die sie von den verurteilten Händlern erworben hatten. Auch die Sammler, die ihre Kollektionen häufig mit Blick auf eine prestigeträchtige Schenkung an ein Museum oder der Steuervorteile halber angelegt hatten, mussten fortan ernsthaft auf die Herkunft ihrer Objekte achten.
Von den Erfolgen der italienischen Fahnder angeregt, erhoben auch andere Staaten mit einem reichen kulturellen Erbe wie die Türkei, Ägypten und Griechenland erneut alte Ansprüche auf ihre Kunstschätze. Obwohl das Unesco-Abkommen sich auf Funde nach 1970 bezog, wurden erneut Rückgabeforderungen etwa für die Parthenon-Skulpturen, den Rosetta-Stein und die Büste der Nofretete laut. Die fraglichen Staaten entdeckten nun auch den Zugang zu archäologischen Stätten für westliche Forscher als politisches Druckmittel im Kampf um die Rückgabe.
Wem gehören Kulturschätze?
Dies brachte James Cuno, den Direktor des Art Institute of Chicago, dazu, ein Plädoyer für das kosmopolitische Museum zu veröffentlichen. In seinem Buch «Who Owns Antiquity? Museums and the Battle Over Our Ancient History» besteht er darauf, dass die von den Herkunftsländern für sich in Anspruch genommenen Kulturgüter der ganzen Menschheit gehören und nicht einem Staat allein. Zudem sei die breite Verteilung des Weltkulturerbes auch praktisch von Vorteil: An wenigen Orten konzentriert, könnten Kriege, Unruhen, Diebstahl und Naturkatastrophen zum Verlust gewaltiger Kulturschätze führen.
Da das Sammeln von Antiquitäten in grossem Stil in Cunos Augen vorüber ist, schlägt er neue Modelle vor. So könnten Leihausstellungen breiter angelegt werden und zahlreichere Orte besuchen. Zudem erscheint ihm die Wiederbelebung des alten Brauchs «Partage» denkbar: die Aufteilung von Funden zwischen Archäologen und Gastländern. Zudem erinnert Cuno die Leser daran, dass seit jeher mit Kunstgegenständen gehandelt worden ist und dies zur gegenseitigen Befruchtung von Kulturen beigetragen hat. Hätte es die Renaissance geben können ohne die Wiederentdeckung der Kunst der alten Griechen und Römer? ●
Monica Strauss ist Kunsthistorikerin und Autorin in New York.