Russisches Fabergé, made in Jerusalem

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Die Fabergé genannte Gold- und Silberschmiede-Technik stammt ursprünglich aus Russland, doch hat sie in der Jerusalemer Judaica-Szene einen höchst erfolgreichen Anwender gefunden: Bei «Yossi’s Master’s Workshop» gegenüber dem geschichtsträchtigen King David Hotel verbindet man althergebrachte Goldschmiede-Tradition mit Fabergé und hochmodernen High-Tech-Methoden. Mit hörbarem Stolz erzählt «Yossi’s»-Marketingchef Danny Singer, dass das Unternehmen als «der Rolls-Royce unter den Judaica-Geschäften» gilt.
Präzision: Handarbeit hat ihren Preis. - Fotos Benzian Liebe zum Detail. Das Buch «Esther» auf einer Pergamentrolle in einem Silbergehäuse. Fundgrube «Yossi’s»: Erste Adresse für exklusive jüdische Kultgegenstände.

Schon von aussen strömt «Yossi’s Master’s Workshop» an der Jerusalmer King-David-Strasse Eleganz und Besonderheit aus. Beim Betreten des Ladens, der einzeln und auf Bestellung angefertigte Kunstwerke und Judaica offeriert, erlebt der Besucher eine eindrückliche Bestätigung dieses Eindrucks. Die ausgestellten Gegenstände – Chanukkaleuchter, Kidduschbecher, Hawdalah-Ensembles, Sederschüsseln usw. – unterscheiden sich zwar nicht punkto Auswahl von den Gegenständen in anderen vergleichbaren Läden Israels. Wer die Objekte aber ein wenig genauer unter die Lupe nimmt, stellt rasch fest, dass sie aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt sind, die sich mühelos auseinander nehmen und wieder zusammenfügen lassen. Im Obergeschoss des Ladens sitzen Ingenieure und Designer an hochmodernen Computern und entwerfen Schmuck und Judaica bis ins letzte Detail – auch dies ein Hinweis darauf, dass «Yossi’s» sich von landesüblichen Werkstätten unterscheidet.

In dritter Generation

«Der Besitzer Yossi Swed, selber ein Silberschmied, der das Geschäft als Vertreter der dritten Generation einer Jerusalemer Familie betreibt», erklärt gegenüber INside «Yossi’s» Verkaufs- und Marketingdirektor Danny Singer (33), der vor über 15 Jahren aus den USA nach Israel eingewandert ist, «beschloss vor 25 Jahren, die traditionelle Silberschmiede-Technik mit einem Verfahren zu kombinieren, das es erlaubt, Judaica von höchster Qualität zu produzieren. Es handelt sich um die aus Russland stammende Fabergé-Technik, die sich durch die präzise Herstellung vieler Einzelteile auszeichnet, welche dann zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Das garantiert die bleibende Qualität des Endproduktes, das man, wenn nötig, zerlegen und reparieren kann. Wir wechseln auch immer defekte Bestandteile eines Objektes aus.» Je nach Grösse kann ein Stück aus mehreren hundert Bestandteilen bestehen.

Konkurrenzlos

«Yossi’s» kennt in Israel keinen Konkurrenten, was die Fabergé-Technik betrifft. Die Firma hat im Verlaufe des vergangenen Vierteljahrhunderts eine Infrastruktur aufgebaut, zu der eine Entwicklungsabteilung mit Ingenieuren gehört, welche die modernsten High-Tech-Methoden anwenden. «Das erlaubt uns», sagt Singer, «Dinge zu offerieren, die kein anderer anbieten kann.» Die Ingenieure kommen aus der mechanischen Industrie, aber auch aus der Luftwaffe. Auf der Lohnliste der Firma figurieren rund 30 Personen; hinzu kommen Dutzende von Zulieferern.

Das Funktionale dominiert

Bei allen Stücken, die «Yossi’s» herstellt, dominiert die Funktion, dann erst der Entwurf, das Design. «Unsere Kunden sind in erster Linie am funktionalen Aspekt interessiert», erklärt Singer, der sich auf zahlreichen Reisen in aller Welt ein Bild von den Wünschen und Anregungen der Klientschaft machen kann. Über 90 Prozent ihres Umsatzes macht die Werkstätte im Ausland, wobei «Yossi’s» stolz darauf ist, seine Produkte nur an Private zu verkaufen, weder an Galerien, Geschäfte oder andere Wiederverkäufer. Neben dem Laden in der King-David-Strasse finden sich heute Zweigstellen von «Yossi’s» in zwei Jerusalemer Hotels; gute Kunden werden zudem auch in New York empfangen. An Expansionsplänen in Israel und im Ausland wird derzeit gearbeitet.
Vom Tourismus wenig beeinflusstVon der wechselhaften Entwicklung, welche der Israel-Tourismus in den letzten Jahren hinnehmen musste, blieb «Yossi’s» mehr oder weniger verschont. «Unsere Erzeugnisse sind im Wesentlichen konkurrenzlos», erklärt Singer. «Das Gleiche gilt auch für den Tourismus. Unsere Kunden kommen auch zu Zeiten, in denen andere Touristen fernbleiben, und wenn sie einmal nicht kommen, dann gehen wir eben zu ihnen.» Die Frage, ob «Yossi’s-Kunden je um den Preis eines Stückes feilschen, entlockt Singer ein Lächeln: «Sie können es ruhig versuchen.» Dann ernsthaft: «Wir gelten als der Rolls-Royce unter den Judaica-Firmen. Höchste Qualität, höchster Preis und bester Service.» Wohl aus diesem Grunde trifft man «Yossi’s» kaum an internationalen Judaica-Messen an: «Das ist nichts für uns», sagt Singer, der zugibt, dass das Preisniveau seiner Produkte für einen Auftritt an genannten Messen fast prohibitiv hoch ist.

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Jeder Verkauf erhöht den Preis

Der wachsende internationale Erfolg von «Yossi’s» ist auf die langjährige Politik zurückzuführen, von jedem Stück nur eine beschränkte Anzahl zu produzieren. Objekte werden nur auf individuelle Bestellung hergestellt; es gibt kein Lager. Jeder verkaufte Gegenstand erhält eine Nummer. Von (ge)wichtigen Objekten werden in der Regel maximal 65 Stücke angefertigt. «Das können wir so handhaben», sagt Singer, «weil wir die einzigen sind, die diese Stücke überhaupt offerieren. Wir können den Markt kontrollieren.» Damit nicht genug: Jedes verkaufte Exemplar einer Serie erhöht den Preis für die restlichen Stücke. «Das garantiert dem Käufer, oft ein Sammler, eine stetige Preissteigerung seines Objektes.» Zwischen dem Verkauf des ersten und des letzen Stückes einer Serie registriert man mindestens eine Verdoppelung des Preises. Eine Verdreifachung (oder mehr) ist aber auch keine Seltenheit. Falls ein Kunde ein Stück sucht, das nicht mehr hergestellt wird, oder wenn jemand ein Objekt verkaufen will beziehungsweise muss, tritt «Yossi’s» auf Wunsch als Vermittler auf, aber erst wenn die Serie ihre Käufer gefunden hat. Singer wehrt sich aber dagegen, einen Kauf bei «Yossi’s» als Investition definiert zu wissen.