Rund um das Berner Münster
Sidney Weill von der Eventagentur Open Hearts blickt befriedigt auf die «Kundgebung für die Opfer des Krieges in Gaza und Israel» zurück, zu der sich – trotz kurzfristiger Ankündigung – gegen 300 Personen, darunter zahlreiche Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Bern, im Berner Münster versammelt haben (vlg tachles 2/09): «Diese Veranstaltung hat uns die Möglichkeit gegeben, die einseitigen Veranstaltungen gegen Israel in Frage zu stellen.» Als noch wichtiger erachtet Weill das grosse Medienecho: Das Schweizer Fernsehen war mit einer Live-Schaltung in der Sendung «Schweiz aktuell» dabei, Radio DRS widmete dem Anlass einen Beitrag in der Mittagssendung «Rendez-Vous», und die Zeitungen berichteten schweizweit über den Versuch, «ein ausgewogenes Zeichen der Versöhnung» zu setzen. Die Kundgebung fand absichtlich vor der nationalen Anti-Israel-Demonstration vom Samstag statt.
Nicht alle hielten sich an die Vorgaben
Der erste Teil des Anlasses stand im Zeichen der Geistlichkeit: Münster-Pfarrer Jürg Welter, der Berner Rabbiner David Polnauer sowie der Aargauer Imam Muris Puric trugen Gebete vor. Polnauer verglich Kriege mit Epidemien, «die plötzlich ausbrechen», und gab der Hoffnung auf eine zukünftige Versöhnung Ausdruck. «Einseitige Demonstrationen bringen nichts» begründete Sidney Weill im Gespräch mit Moderator Jüri Christen vom Lokalradio Capital FM seine Initiative, worauf Rolf Bloch, früherer Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), ein «Rating der Friedensarbeit» in der Region anregte. Die Berner EVP-Grossrätin Marianne Streiff hob das Leiden der Frauen im Krieg hervor, der in Bern lebende Palästinenser Idris Sulaye beschrieb in gefassten Worten seine Sorge um die Angehörigen in Gaza. Nur der Luzerner SP-Nationalrat Hans Widmer hielt sich mit einem politischen Votum nicht an die Vorgaben. «Gebete genügen nicht», rief er aus, sondern es bedürfe auch des konkreten politischen Handelns. So verlangte er vom Bundesrat ein Ende der «einseitigen militärischen Begünstigung Israels», und er forderte, die «Kriegsverbrecher hüben und drüben» sollten vor ein internationales Gericht gestellt werden. Nach einer Stunde klang die Veranstaltung musikalisch-versöhnlich aus: Mit einem gemeinsamen Trommelkonzert des Palästinensers Tony Majdalani, des Israeli Omri Hason und des Schweizers Matthias Schiesser, mit dem Gesang des Liedes «Dona nobis pacem» sowie mit einem Orgelspiel.
Vorwurf des Völkermords
7000 Personen beteiligten sich gemäss Polizeiangaben zwei Tage später in Bern an der dritten israelkritischen Demonstration seit Beginn des Krieges, zu der rund 50 politisch links stehende Organisationen aufgerufen hatten. Nach den Exzessen vom 2. Januar vor der israelischen Botschaft bemühten sich die Veranstalter diesmal um eine gewisse Mässigung. So wurden einige Parolen vom eigenen Ordnungsdienst unterbrochen, und der grüne Nationalrat Jo Lang erklärte auf dem Münsterplatz, jedes Menschenleben habe gleich viel Wert. PdA-Nationalrat Joseph Zisyadis sprach dennoch von «Völkermord» und forderte die Ausweisung des israelischen Botschafters aus der Schweiz. Viel Applaus erhielt Guy Bollag von der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina, was der «Bund» in seinem Bericht als «ermutigend» bezeichnete. Er forderte sowohl den sofortigen Stopp der israelischen Militäraktionen wie auch des Raketenbeschusses auf israelische Ortschaften durch palästinensische Militante und zeigte sich schockiert vom Hamas-Aufruf, israelische Menschen weltweit anzugreifen.
Morgen Samstag findet nun – ebenfalls auf dem Berner Münsterplatz – die «Kundgebung für Israel» statt, zu der die Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) aufruft und die vom SIG und der Plattform der Liberalen Juden der Schweiz unterstützt wird. Als Referenten angekündigt sind GSI-Zentralpräsidentin Vreni Müller-Hemmi, GSI-Vizepräsident Rolf Bloch sowie die Nationalratsmitglieder Martine Brunschvig Graf (Liberale, Genf), Jean-Pierre Graber (SVP, Bern) und Markus Hutter (FDP, Zürich). Gemäss Demonstrationsaufruf geht es um die «Solidarität mit dem Staat Israel und seiner Bevölkerung» sowie ein Ende von «Terror, Gewalt und Leid».