Ruinen und viel Enthusiasmus
Der Name Detroit löst in den USA drei Assoziationen aus. Die erste ist die Autoindustrie. Detroit war lange Zeit ein Synonym für die grossen drei: Ford, General Motors und Chrysler. Sie gaben Detroit auch den Spitznamen Motor City oder kurz Motown. Dies ist die zweite Assoziation: Motown, der 1960 gegründete afroamerkanische Musikverlag, dominierte lange Zeit die US-Hitparaden mit Künstlern wie Marvin Gaye, The Jackson Five, Diana Ross oder Stevie Wonder. Motowns Gründung fiel in die Zeit, in der sich die Autoindustrie zunehmend aus Detroit zurückzuziehen begann – und ebenso die weisse Bevölkerung. Dieser Vorgang beschleunigte sich nach den Rassenunruhen 1967. Heute, lange nachdem Motown seinen Sitz nach Los Angeles verlegt hat, ist Detroit eine schwarze Stadt mit über 80 Prozent afroamerikanischen Bewohnern und steht für das, was die Amerikaner als «urban decay», städtischen Verfall, bezeichnen.
Arm, entvölkert, gewalttätig
Die Statistiken sprechen für sich. Detroit hatte einst das höchste Durchschnittseinkommen in Amerika, heute mit 30 Prozent eine der höchsten Arbeitslosenraten. Die Immobilienpreise sind in den letzten drei Jahren um 80 Prozent und mehr gefallen. 2009 war Detroit auf der Forbes-Liste der gefährlichsten Städte der Vereinigten Staaten erneut auf Platz eins mit 20-mal so vielen Morden wie im amerikanischen Durchschnitt. Ein Drittel der Einwohner und knapp 50 Prozent der Kinder leben unter der Armutsgrenze. Knapp die Hälfte kann weder lesen noch schreiben. Einst die viertgrösste amerikanische Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern, bietet Detroit heute nur noch etwa 700 000 Menschen Heimat.
Doch all diese Statistiken bereiten einen nicht auf das vor, was man erlebt, kommt man nach Detroit. Fährt man durch die Stadt, kommt es einem vor, als sei man in einer Geisterstadt. Zwölfspurige Schnellstrassen sind so leer, dass man sie ohne Problem zu Fuss überqueren kann. Nicht selten findet man Gegenden, in denen 90 Prozent der Häuser leer stehen, darunter viele, die von einer glorreichen Vergangenheit zeugen. Etwa der heute fast komplett verlassene Brush Park, einst ein Villenvorort nördlich von Downtown.
Stadt des Zerfalls
Verlassene Wohnhäuser, aus denen Bäume wachsen, Wolkenkratzer in Downtown, deren Fenster zugenagelt sind, in Trümmern liegende Fabrikhallen – man ist von Ruinen umgeben. Der britische Filmemacher Julian Temple, der letztes Jahr die Dokumentation «Requiem for Detroit» drehte, verglich Detroit mit New Orleans nach dem Hurrikan «Katrina», nur mit dem Unterschied, «dass diese Katastrophe der Stadt von Menschenhand und über Jahrzehnte hinweg zugefügt wurde».
In Detroit hat sich ein makaberer Ruinentourismus entwickelt. Leerstehende Gebäude wie Detroits Bahnhof Michigan Central Station, der vom selben Architekten erbaut wurde wie New Yorks Grand Central Station, jedoch seit Ende der achtziger Jahre nicht mehr genutzt wird, sind heute die meistfotografierten Orte der Stadt.
Gleich drei schaurig-schöne Bildbände, die alle dieses Jahr erschienen, zeugen von der Faszination, die vom «postapokalyptischen» Detroit ausgeht. Es sind «The Ruins of Detroit» der französischen Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre, die einen Teil ihrer Bilder bereits im «Time Magazine» zeigten, Andrew Moores Serie «Detroit Disassembled», die momentan im Akron Art Museum in Ohio zu sehen ist, und «Lost Detroit: Stories behind Motor City’s Majestic Ruins» vom Historiker Dan Austin und dem Fotografen Sean Doerr.
«Renaissance»?
Detroit repräsentiert alles, was in Amerika in den letzten 50 Jahren schief gelaufen ist – der amerikanische Traum, der zum Albtraum wurde. Rettungsversuche werden seit Langem diskutiert. Einer der vielversprechendsten ist, die Stadt schrumpfen zu lassen, um die Gegend in Downtown zu einem Treffpunkt zu machen. «Renaissance» ist das Schlüsselwort, das nicht nur mit dem gleichnamigen Center in Downtown in Zusammenhang steht. Es geht darum, junge Menschen dazu zu bewegen, wieder in Detroit zu wohnen.
Teil dieses Wiederbelebungsversuchs in Downtown Detroit ist auch eine Synagoge. Genauer gesagt: Detroits letzte Synagoge. Die Isaac Agree Downtown Synagogue mit ihren bunten Fenstern sieht auf den ersten Blick gar nicht wie ein jüdisches Gotteshaus, sondern wie ein leer stehendes Lagerhaus aus. Das Gebäude am Ende der Griswold Street wurde ursprünglich als Kaufhaus erbaut und in den 1960er-Jahren zu einer Synagoge umfunktioniert. Seitdem beten hier Juden, die in Downtown arbeiten.
Die Isaac Agree Downtown Synagogue ist nicht die einzige jüdische Gemeinschaft im heutigen Detroit. Eine Gruppe von Juden, die dem Reconstructionist Movement angehört, trifft sich in einer privaten Wohnung im Lafayette Park östlich von Downtown. Doch die Downtown Synagogue ist das letzte noch als solches genutzte Synagogengebäude.
Synagoge mit Symbolcharakter
Die Isaac Agree Memorial Society wurde 1921 gegründet, um Juden die Möglichkeit zu geben, im Geschäftsviertel von Downtown zu beten. Die meisten Synagogen Detroits waren weiter nördlich angesiedelt, wo die Mehrheit der Juden lebte. Auch nach den Rassenunruhen von 1967 behielt die Synagoge ihre Funktion bei. Einst hatte Detroit Dutzende von ihnen. Viele der Bauten, wie etwa Temple Beth El an der Woodward Avenue oder Shaarey Zedek am Chicago Boulevard, beide vom berühmten Architekten Albert Kahn erbaut, sind heute zu Baptistenkirchen umfunktioniert. Sie zeugen vom einstigen Reichtum der jüdischen Gemeinden Detroits.
Im Vergleich zu diesen Prachtbauten ist die Downtown Synagogue eher ein bescheidenes Gebäude. Doch da es Detroits letzte genutzte Synagoge ist, hat sie Symbolcharakter. Dass in der Synagoge nach wie vor Gottesdienste abgehalten werden, sehen viele als ein Wunder an. Denn als Rabbi Noah Gamze 2003 verstarb, befürchteten viele das Ende der Gemeinde. Früher, erzählt man nostalgisch, kamen Hunderte, die in Downtown arbeiteten, zu den Gottesdiensten. Heute findet man lediglich 20 bis 30 Besucher an einem normalen Schabbatgottesdienst.
Jung und kreativ
Niedrige Mieten und eine generelle Anarchie, die es vor allem Künstlern erlaubt, zu experimentieren, haben in den letzten Jahren viele junge Menschen aus allen Teilen der USA in die Stadt gebracht.
«Es gibt hier eine unglaubliche Energie», erklärt Courtney Smith, deren Website Dead Pigeon Syndicate sich mit Detroits urbaner Kultur auseinandersetzt, ihre Motivation in Detroit zu leben.
Das Detroit von heute hat mehr mit der Atmosphäre Berlins nach der Wende gemeinsam als mit dem Detroit der Wunderjahre, als die Autoindustrie der Stadt einen scheinbar niemals endenden Reichtum bescherte. Unter den Rückkehrern sind auch Kinder derjenigen, die in den sechziger und siebziger Jahren die Stadt in Richtung Vororte verliessen. «Man kann in Detroit positive Veränderungen erkennen», erklärt der 36-jährige Jay Bassin, der vor zwei Jahren aus den Suburbs nach Detroit zog und nun Mitglied der Synagoge ist.
Smith und Bassin sind zwei von vielen jungen Juden, die in den letzten Jahren nach Detroit zogen und sich nun in der
Synagoge engagieren. «Als vor zwei Jahren die Gemeindewahlen anstanden, kandidierten viele von uns», erzählt die 27-jährige Smith, die damals in den Vorstand gewählt wurde.
Vom Vorort in die Stadt
Die Wahlen wurden zu einer kleinen Revolution. Der gesamte Gemeindevorstand besteht heute aus neuen Mitgliedern, die fast alle unter 40 sind, darunter ein Fahrradkurier, ein Rechtsanwalt und ein Dokumentarfilmer. «Unsere grösste Herausforderung ist, die Leute aus den Vororten dazu zu bewegen, die Stadt neu zu entdecken», meint Bassin. Fast ein Jahrzehnt nach den Rassenunruhen geboren, teilt er die Ängste seiner Eltern nicht.
Schätzungsweise 75 000 bis 100 000 Juden leben in den Vororten Detroits, in der Stadt selbst lediglich ein paar Hundert; 400 Adressen sind im Verteiler der Gemeinde, darunter jedoch nur 150 bis 175 zahlende Mitglieder. An den hohen Feiertagen rechnet man mit einem vollen Haus, an einem normalen Samstagmorgen findet man 20 Menschen beim Gottesdienst. Vor allem die alten Gemeindemitglieder bleiben skeptisch, ob Detroits letzte Synagoge gerettet werden kann. Das Gebäude ist baufällig, und eine Renovierung würde schätzungsweise gegen eine halbe Million Dollar kosten.
Smith bleibt trotzdem optimistisch: «Detroit ist einzigartig. Wenn man hier lebt, hat man das Gefühl, dass man wirklich etwas bewegen kann», schildert sie den Enthusiasmus ihrer Generation. «Und es geht uns nicht nur darum, die Synagoge zu retten, sondern auch ein Treffpunkt für junge Leute zu sein, die in die Stadt zurückkehren.»
«Speramus meliora; resurget cineribus» – zu Deutsch: «Wir hoffen auf bessere Dinge; sie sollen aus der Asche emporsteigen» – so lautete das Motto, das Detroit nach dem Grossbrand von 1805 aufnahm. Es ist so aktuell wie nie zuvor. Für die jungen Aktivisten geht es darum, und um «tikkun olam», die Welt in Ordnung zu bringen; erst die Synagoge, dann Downtown und am Ende ganz Detroit.