Rüstungsalltag trotz Durban II
Verwirrung herrscht dieser Tage, wie der Stand der Dinge beim Ausbau des israelischen Raketenabwehrsystems ist. Am Dienstag hatte die Zeitung «Haaretz» berichtet, Verteidigungsminister Ehud Barak habe sein Ministerium angewiesen, zum Schutz der Ortschaften im Süden des Landes und zur Absicherung von strategischen Einrichtungen das amerikanische System «Vulcan-Phalanx» der Firma Raytheon zu kaufen. Doch nur 24 Stunden später folgte die Retourkutsche; Offizielle Stellen des Verteidigungsministeriums bestätigten laut Zeitungsberichten zwar das grundsätzliche Interesse Israels, das System an der Grenze zum Gazastreifen einzusetzen. Zugleich hiess es aber, dass ein endgültiger Entscheid erst gefällt würde, wenn zuständige israelische Experte einem für den Sommer vorgesehenen Live-Test von «Vulcan-Phalanx» in den USA beigewohnt hätten. Das erste dieser Systeme ist seit 2006 im Irak im Einsatz, wo es vor allem zum Schutz der «grünen Zone» von Bagdad benutzt wird. In dieser Zone befinden sich die wichtigsten Einrichtungen und Büros der Alliierten sowie Botschaften und Regierungsstellen. «Vulcan-Phalanx» besteht aus einer 20-mm-Kanone, die bis zu 6000 Schuss pro Minute abgeben kann und eine Fläche von 1200 Quadratmetern abdeckt. Die Kosten für eine Einheit belaufen sich auf 25 Millionen Dollar.
Das Tauziehen um den Erwerb des Raketenabwehrsystems dürfte aber nicht viel mehr als ein relativ kurzer Zwischenhalt auf dem von Verteidigungsminister Barak schon unter Premier Olmert zielstrebig verfolgten Weg sein: die Errichtung eines mehrstufigen Raketenabwehrsystems zur Lokalisierung und zum Abfangen feindlicher Geschosse. Gegenüber «Haaretz» bezeichnete Barak ein solches System als «strategisches Ziel» für Israel. Es müsse eine Situation geschaffen werden, in der möglichst viele der gegen Israel abgefeuerten Geschosse abgefangen werden können.
Baraks Abwehrsystem im Detail
Laut Pressemeldungen – das israelische Verteidigungsministerium nimmt zunächst keine Stellung zu den Berichten – soll das mehrstufige Abwehrsystem im Detail wie folgt aussehen:
– An vorderster Front steht das selbstgesteuerte Frühwarn- und Abfangsystem «Vulcan-Phalanx». Es ist in erster Linie gegen Kassem-Raketen aus dem Gaza-streifen und andere Geschosse von kurzer Reichweite wie etwa Mörsergranaten gedacht.
– Das von der israelischen Rüstungsfirma Rafael entwickelte System «Eiserne Kuppel» ist noch nicht einsatzbereit. Es wird Verwendung gegen Raketen mit einer Reichweite von fünf Kilometern oder mehr finden.
– Gegen ballistische Raketen mit einer Reichweite von 40 bis 200 Kilometern arbeiten Rafael und Raytheon zurzeit an einem weiteren Abwehrsystem; die neuere Version des antiballistischen «Arrow»-Systems soll feindliche Geschosse mit noch längerer Reichweite unschädlich machen.
Ehud Barak ist offenbar entschlossen, die israelischen Versäumnisse der letzten Jahre im Bereich der Raketenabwehr wettzumachen – angesichts der fortlaufenden Aufrüstung der Hamas im Gazastreifen kein Luxus. Neben den Faktoren Zeit und Geld – es handelt sich hier um Milliardeninvestitionen – muss Barak vor allem gegen das Misstrauen ankämpfen, das so wichtige Stellen wie die Luftwaffe oder die Verwaltung für Waffenbeschaffung allem entgegenbringen, was nicht in israelischen Produktionsstätten entwickelt und hergestellt worden ist.
Aufrüstung im Gazastreifen
Was die Rüstungsbemühungen der Hamas angeht, fürchten israelische Stellen, dass es der Organisation trotz der Operation «Gegossenes Blei», dem internationalen Druck und den jüngsten Spannungen zwischen Kairo und der Hizbollah, dem Schutzpatron von Irans Gnaden des Gazastreifens, gelungen ist, so viele Waffensysteme in den Gazastreifen zu schmuggeln, dass das Gleichgewicht der Macht ernsthaft gefährdet sei. Derzeit werden nach Angaben israelischer Sicherheitskreise Raketen von längerer Reichweite, Antipanzergeschosse und vielleicht sogar Luftabwehrraketen durch 160 Tunnel unter der Sinai-Grenze hindurch in den Streifen gebracht. Einige der Tunnels sollen so stabil sein, dass man sogar geländegängige Fahrzeuge durch sie transportieren kann. Hinzu kommt, dass die Hamas die Reichweite ihrer im Gazastreifen produzierten Raketen inzwischen bereits auf 20 Kilometer gesteigert haben soll. Laut israelischen Stellen ist es Ägypten bisher nicht gelungen, den Fluss der Waffen wesentlich einzudämmen.
Alle Welt ist derzeit mit Durban II und den Nachwehen dieses erbärmlichen Schauspiels des internationalen Opportunismus beschäftigt, doch die genannten Entwicklungen werden über kurz oder lang dafür sorgen, dass die Aufmerksamkeit sich relativ bald wieder dem Tauziehen zwischen Israel und der Hamas zuwenden wird.