Rückschritt statt Fortschritt

September 19, 2008
Papst Benedikt XVI. hat den alten Messritus wieder eingeführt, in welchem die Judenmission propagiert wird.
<strong>Ver&auml;nderungen unter Papst Benedikt XVI.</strong> Nachhaltige Irritation im Verh&auml;ltnis von Judentum und katholischer Kirche

von Rabbiner Walter Homolka

Wer die Kirchengeschichte kennt, kommt nicht umhin, die bahnbrechenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu würdigen, die das jüdisch-katholische Verhältnis erfahren hat. Die Konzilserklärung «Nostra Aetate» vom 28. Oktober 1965 über das Verhältnis der Kirche zu den nicht christlichen Religionen wies erstmals die pauschale Schuldzuweisung für Jesu Tod an das jüdische Volk zurück. Die Neubestimmung des Verhältnisses zur jüdischen Gemeinschaft ist darüber hinaus auf das Engste mit dem Pontifikat Johannes Pauls II. verbunden. Wie aber steht es um das Pontifikat Benedikts XVI. und das Klima des jüdisch-katholischen Verhältnisses? Die Wiederzulassung des Missale Tridentinum als «ausserordentliche Form» des katholischen Messformulars im Juli 2007 hatte schon schwerwiegende Fragen für uns Juden aufgeworfen. Denn die jüdische Befürchtung lässt sich nicht ausräumen, dass mit der alten Messe auch die alte Ekklesiologie und die alten Ansprüche der katholischen Kirche wiederbelebt werden sollen.

Die Folge der Wiederzulassung war eine nachhaltige Irritation im Verhältnis von Judentum und katholischer Kirche. Nach der Freigabe des alten Messritus als «ausserordentliche Form» im Juli 2007 hatten weltweit Vertreter des Judentums eine Abänderung der alten Form dieses Gebets gefordert. Auch viele christliche Organisationen baten um Klärung: dass der Bund Gottes mit seinem Volk Israel Bestand hat ohne Jesus. Das Hin und Her seit Mitte 2007, ob und wie künftig am Karfreitag für die Juden gebetet würde, liess mehr vermuten als nur einen Fehler in der Kommunikation des Vatikans. Als man im Vatikan vorstellig wurde und eine Klärung verlangte, erhielt man von Kardinal Bertone die Aussage, die Befürchtungen seien unbegründet und man sehe die Sache falsch.

Grausame Klarheit

Im Februar 2008 schaffte eine Neufassung von höchster Seite grausame Klarheit. Das eigens von Benedikt XVI. formulierte Gebet lautet: «Die Karfreitagsliturgie und das Wiederaufleben des Aufrufs zur Judenmission.» Konsequent setzten die jüdischen Gemeinschaften Italiens, Deutschlands und Österreichs die offiziellen Beziehungen zur katholischen Kirche aus. Daran änderte auch der schnell eingeschobene Synagogenbesuch in New York beim USA-Besuch des Papstes am 18. April nichts mehr. Zur Karfreitagsfürbitte fiel kein weiteres klärendes Wort, als sich Benedikt XVI. zum kurzen Fototermin in der orthodoxen Park East Synagogue Rabbiner Arthur Schneiers einfand.

Einziger Lichtblick bisher: Bei der jüdisch-katholischen Gemeinschaftsfeier des Osnabrücker Katholikentags mit dem Augsburger Rabbiner Henry G. Brandt hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, am 22. Mai erklärt, den bisherigen Kurs einer christlich-jüdischen Verständigung fortführen zu wollen. «Es wird keine Wende der ‹Wende› geben», bekräftigte der Erzbischof. Diese Geste der Versöhnung zwischen dem Erzbischof und dem Rabbiner wurde allgemein als einer der Höhepunkte des Katholikentags empfunden. Nun wird es darauf ankommen, ob sich diese Haltung auch im Alltag bewährt. Wenig hilfreich sind allerdings die deutlich sichtbaren Versuche, von vatikanischer Seite immer wieder einen einseitigen Schlussstrich unter die Debatte zu ziehen. Solange der Papst den umstrittenen Text nicht zurückzieht, sehe ich aber kein Ende der Irritation.

Bedrückte Stimmung

Die jüdische Reaktion ist weder überraschend oder überzogen. Als höhnisch müssen Juden es empfinden, wenn ausgerechnet im Umfeld von Karfreitag und Ostern die katholische Kirche wieder für die Erleuchtung der Juden bittet, damit wir Jesus als Heiland erkennen. Solche theologischen Aussagen werden in einem wirkungsgeschichtlichen Kontext getroffen, der eng verbunden ist mit Diskriminierung, Verfolgung und Tod, letztlich um unseres «Seelenheils» willen. Uns Juden geht es aber um die gleiche Augenhöhe und um die Selbstachtung gegenüber einer Kirche, die jahrhundertelang grosse Schuld auf sich geladen hat. Die Frage nach der Gültigkeit der Heilszusage Gottes an das jüdische Volk ist plötzlich durch die katholische Kirche in Frage gestellt. Beide beten denselben Gott an. Beide stützen sich auf dasselbe Buch, die hebräische Bibel. Beide erkennen die moralischen Prinzipien der Thora an und hegen eine gemeinsame Verantwortung für diese Welt als Gottes Schöpfung.

Die Furcht ist begründet, dass diese Wirkungsgeschichte des II. Vatikanischen Konzils in den Hintergrund rücken könnte. Dies prägte auch den allgemeinen Austausch auf der Jahresversammlung des International Council of Christians and Jews vom 23. bis 25. Juni in Jerusalem. Ihr scheidender Präsident John T. Pawlikowski war durchaus bedrückt. Denn die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und der jüdischen Gemeinschaft stehen durch den unfreundlichen Akt der Neufassung der Karfreitagsfürbitte schlagartig vor einer Zerreissprobe, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Vom 20. bis 24. September wird deshalb eine Delegation des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nach Rom fahren, in der Einsicht, dass weitere Gespräche nötig sind. Auf 2009 sollten sich die jüdischen Gemeinden gut vorbereiten und ihren Protest deutlich machen. Schliesslich hat auch das nächste Jahr wieder einen Karfreitag (vgl. auch tachles 08/2008).