Rückkehr nach Anatevka?
Tewjes Töchter hoffen im Musical «Anatevka», dass die Heiratsvermittlerin Jente für sie einen akzeptablen Mann findet – für Papa klug wie ein Gelehrter, für Mama reich wie ein König, für sie selber gut aussehend und sanft. Etwas anderes als ein abgesprochener «schidduch», vermittelt durch einen «schadchen», geziemt sich nicht für sittsame Mädchen im Stetl. Und doch heiraten die Töchter von Tewje und Golde aus Liebe, und zwar Männer, die sie selber ausgesucht haben.
Die Rolle des «Matchmakers», des «schadchen», des Heiratsvermittlers, soll nun der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) übernehmen (vgl. tachles 20/10). Wenn es nach der Basler Delegation geht, soll diese Rückkehr nach Anatevka sogar eine Neuerung bringen, über die an der Delegiertenversammlung (DV) in Genf gar nicht abgestimmt wurde: Ein Mitglied der Geschäftsleitung oder der Generalsekretär soll sich während 20 Prozent seiner Arbeitszeit «aktiv um Singles kümmern». Ausserdem soll nach dem Wunsch der Basler, den sich die Mehrheit der anderen Delegationen zu eigen machte, eine Kommission gebildet oder beauftragt werden, «welche die Situation der jüdischen Singles in der Schweiz (vgl. S. 31)untersucht und abklärt, ob aktiver und/oder passiver Handlungsbedarf zur Unterstützung von Singles-Aktivitäten besteht. Falls dies bejaht wird, sollen konkrete Vorschläge ausgearbeitet werden und diese nach sechs Monaten dem Centralcomité unterbreitet werden.»
Jüdische Ehen fördern
Der SIG hat dieses Thema für eine nächste Sitzung traktandiert. Aber bereits nach der DV war zu bemerken, wie wenig wohl es einzelnen Geschäftsleitungsmitgliedern angesichts dieses neuen Auftrags ist. Bereits ein halbes Jahr zuvor hatte eine gemeinsame «Koordinationssitzung» zur Eheförderungsfrage stattgefunden, die zu einer Art «memorandum of understanding» statt zu einer standortbestimmenden Strategie führte. Der «Tages-Anzeiger» titelte nach der DV von Genf: «Die Angst der Schweizer Juden vor der Selbstauflösung», zitierte aus dem wunderbaren Film «Matchmaker» von Gabrielle Antosiewicz und meldete beispielsweise, dass der Radiomoderator David Karasek, der im Film als einer der Kandidaten aufgetreten war, heute in einer gemischtkonfessionellen Beziehung lebe. In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» bestätigte SIG-Präsident Herbert Winter damals, dass sich in den letzten 50 Jahren die jüdischen Eheschliessungen in der Schweiz von 500 auf 250 reduziert haben und die interkonfessionellen Ehen mehr als 50 Prozent betragen. Das bedeute oft einen Mitgliederverlust, wird Winter zitiert. Einige jüdische Gemeinden seien sich dieses Problems bewusst und versuchten deshalb, interkonfessionelle Paare ins Gemeindeleben zu integrieren.
Einen Rahmen schaffen
Der Basler Rabbiner Yaron Nisenholz organisiert zusammen mit Esra Weill seit anderthalb Jahren unter dem Stichwort Chawerim alle paar Monate ein Treffen für junge Ehepaare zwischen 30 und 50 in einem Restaurant oder einer Bar, rein gesellschaftlich, bei Essen und Musik. Jedes Mal kämen rund 50 Leute, sagt Rabbiner Nisenholz, und die Einladung gilt auch für nicht jüdische Ehepartner. Rabbiner Nisenholz betont, er lege viel Wert darauf, dass jüdische Ehen geschlossen werden, weil das für die Zukunft der Gemeinde und für das jüdische Volk enorm wichtig sei, und deswegen engagiere er sich in diesem Bereich. «Man soll aber auch die Türe offen lassen, wenn jemand interkonfessionell verheiratet ist», sagt er. Wie anderswo dürfen auch in Basel die Kinder jüdischer Väter und nicht jüdischer Mütter, die streng genommen nicht als Juden gelten, den Religionsunterricht besuchen. In Basel gibt es eine Gruppe, die – bisher erfolglos – versucht, jüdische Ehen zu schmieden. Sie will aber gegenwärtig nicht an die Öffentlichkeit treten.
«Mir geht es nicht darum, dass jüdische Leute unbedingt jüdische Partner heiraten», sagt Jean-Claude Spira, «aber für jene, die es wollen, sollte ein Rahmen geschaffen werden.» Er habe nichts gegen Mischehen; es sollten alle auf ihre Weise glücklich werden, beteuert der Basler Frauenarzt und Leiter des Kinderwunschzentrums. Er trat als gut dokumentierter Sprecher der Basler Delegation auf, die an der DV den Antrag durchbrachte, der dem SIG die Aufgabe der jüdischen Eheförderung eintrug (vgl. tachles 18/10).
Eine zentrale Koordination
Früher heiratete man mit etwa 20 Jahren und hatte spätestens mit 25 das erste Kind. Heute beträgt das statistische Durchschnittsalter einer Frau in der Schweiz beim ersten Kind 31 Jahre. «Es ist schwierig, jemand Jüdischen in der Schweiz kennenzulernen. Genau wie die Karriere sollte auch das Privatleben geplant werden», meint Spira. «Es gibt im jüdischen Rahmen vom SIG unterstützte Treffen für Jugendliche und Studierende, aber im entscheidenden Alter läuft nichts mehr.» Der SIG sei zwar ein politischer Dachverband, aber er habe auch subsidiäre Aufgaben. Er sei geeignet, dafür zu sorgen und zentral zu koordinieren, dass jemand aus Basel jemanden aus Zürich kennenlernen könne. Singles, die ernsthaft darüber nachdenken, mit jüdischen Ehepartnern eine Familie zu gründen, aber niemand Passenden kennen, gehen ganz selbstverständlich ins Internet. Auf «J-Date» sind einige Hunderttausend Singles online, aber das Feld erstreckt sich vor allem auf Israel und Amerika.
Konflikt mit der Tradition
Daniel Gerson ist im Rahmen des Nationalen Forschunsprogramms 58 «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» unter dem Titel «Religionswandel und gesellschaftspolitische Orientierungen der Juden in der Schweiz» für ein Projekt über jüngste Entwicklungen im Schweizer Judentum zuständig. Das Thema umfasst sowohl Polarisierungstendenzen und Pluralisierungen auf Gemeindeebene als auch individuelle Veränderungen des jüdischen Selbstverständnisses. Das Judentum in der Schweiz, fand Gerson heraus, definiert sich heute nicht mehr so stark über die Gemeindezugehörigkeit und die Religionspraxis, sondern mehr über andere Faktoren wie Geschichte, Kultur und Herkunft. Die Zahl der statistisch erfassten Juden nehme zwar seit den siebziger Jahren kontinuierlich ab, doch entstanden ausserhalb der etablierten Gemeinden zahlreiche Gemeinschaften, die Judentum auch in religiösen Formen pflegen und versuchen, Möglichkeiten zu finden, die den vielfältigen Bedürfnissen gerecht werden sollen.
Der Wissenschaftler fragt sich, ob heute, da für Frauen und Männer, die einen jüdischen Partner oder eine Partnerin suchen, zahlreiche diskrete Möglichkeiten des Kennenlernens weltweit via Internet zur Verfügung stehen, der SIG in dieser Hinsicht der gewünschte Ansprechpartner sei, und diese neue Aufgabe nicht an den Bedürfnissen vorbeiziele. «Die freie Partnerwahl ist ausser in orthodoxen Familien auch für junge jüdische Erwachsene eine Selbstverständlichkeit», so Gerson, sie liessen sich nur noch ungern beeinflussen, wen und ob sie überhaupt heiraten sollen. Jüdisch zu heiraten sei für viele ein Aspekt der Partnerwahl, aber nicht zwingend.
Aktuell sei heute die Frage des Umgangs mit «Mischehefamilien». Wenn die Gemeinden, wie Daniel Gerson feststellt, verstärkt auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder eingingen, könnten Austritte tendenziell verhindert werden: «Es müsste eine gesellschaftspolitische Diskussion einsetzen, doch das ist schwierig, weil dann auch halachische Argumente ins Spiel kommen.» Nehme man sich die Freiheit, zu heiraten, wen man wolle, drohe oft ein Konflikt mit der Tradition, die jahrhundertealten, kollektiven Normen folgt. «Aber die jüdische Geschichte zeigt auf, dass auch halachisch immer wieder Möglichkeiten gefunden wurden, mit zeitgenössischen Phänomenen konstruktiv umzugehen», meint Daniel Gerson.
«Keine gute Idee»
Die Zürcher Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus war an der Nationalfondsstudie beteiligt. Sie ist «befremdet und irritiert» darüber, dass der SIG jüdische Ehen fördern soll: «Es ist keine gute Idee», sagt sie, «es ist extrem einfallslos, denn wer jüdische Ehepartner will, findet selber Mittel und Wege. Ich bedaure, dass der SIG keine andere Antwort findet als die alte Strategie der innerjüdischen Eheschliessungen, die für einige absolut gut sind, für andere aber keine Möglichkeit darstellen. Stattdessen sollte sich der SIG überlegen, wie er die Menschen davon überzeugen kann, sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen.» Dass über dieses Thema abgestimmt wurde, findet Madeleine Dreyfus bedauerlich: «Es gibt Dinge, über die man nicht abstimmen kann. Über die Realität kann man nicht abstimmen.» Sie findet es positiv, dass der SIG weiterhin Geld in jüngere Leute investiert. «Aber Matchmaking ist nicht Aufgabe des SIG und eine altmodische Antwort. Sie zeugt von Hilflosigkeit und Unsicherheit.»
Die Frage sei doch, so Dreyfus, wie man die Leute dazu bringen kann, sich für die Identifikation mit der jüdischen Gesellschaft und mit jüdischen Werten zu interessieren, selbst wenn sie nicht damit aufgewachsen sind: «Auch Männer trauen sich zu, jüdische Haushalte zu führen und Kinder jüdisch zu erziehen, ohne dabei zwingend auf eine jüdische Gattin angewiesen zu sein.» Der SIG sollte sich mehr mit dem Judentum und seinem Reichtum auseinandersetzen und vermitteln: «Es gibt auch innere Werte, die über den Glauben hinausgehen.»