Rückblick auf kühne Aufsichten
Dazu trägt mit rund dreissig Originalabzügen - meistens so genannte «Vintage gelatin silver prints» - bis zum 28. Februar die an der Stockerstrasse 33 gelegene Galerie für Kunstphotographie «Zur Stockeregg» in Zürich auf umso interessantere Weise massgeblich bei, als die deutsch-amerikanische Fotografin jüdischer Herkunft mit charakteristischen Werkgruppen aus Frankfurt, Paris und New York, ihren wichtigsten Lebensstationen, vorgestellt wird. Entstanden sind die drei Jahre nach ihrem Tod bereits sehr kostspieligen Exponate, deren Preise sich in der Zürcher Retrospektive zwischen 9000 und 50 000 US-Dollar bewegen, in der das Hauptwerk umspannenden Zeit von 1929 («Stilleben mit Blatt») bis 1952 («Dach mit Antennen und Kirche»). Kaum hatte Ilse Bing 1957 die mit einer Leica, dann mit einer Rolleiflex betriebene Schwarzweissfotografie mit Arbeiten in Farbe vertauscht, gab sie schon zwei Jahre später ihre fotografische Tätigkeit auf, um sich Gedichten, Collagen und Zeichnungen zuzuwenden. Bevor sie 1993 mit der Verleihung des «First Gold Metal Award for Photography») des National Arts Club in New York geehrt wurde, erinnerte das Museum Ludwig in Köln 1987 in der Ausstellung «Deutsche Lichtbildner» an die bedeutende Fotokünstlerin.
Als Tochter des Kaufmanns Louis Bing und dessen Gattin Elli Katz in Frankreich am Main zur Welt gekommen, wandte sich Ilse Bing erst mathematischen und physikalischen Studien zu, wechselte zur Kunstgeschichte hinüber, schrieb eine Dissertation über den Architekten Friedrich Gilly und begann 1929 als Fotografin mit Reportagen hervorzutreten. Schon 1932 konnte sie an einer Gruppenausstellung der Julien Levy Gallery in New York teilnehmen, 1937 heiratete sie den Musikologen und Pianisten Konrad Wolff, mit dem sie 1940 ins Lager Gurs deportiert wurde. Im folgenden Jahr gelang dem Paar die Ausreise in die USA, wo sie bis in die späten fünfziger Jahre vor allem als Porträtistin tätig war. In den letzten Jahren veröffentlichte sie das Buch «Three Decades of Photography» (1985) und Lyrik, um auch mit Vorträgen in der Alten und in der Neuen Welt in Erscheinung zu treten.
Mit ihren ebenfalls in Deutschland geborenen Berufskolleginnen Marianne Breslauer und Germaine Krull teilte sie zu Beginn der dreissiger Jahre die vom «Neuen Sehen» beeinflusste Neigung zu Aufsichten, die sie teilweise mit akzentuierter Diagonalität dynamisierte. Bekannt wurde Ilse Bing in jener Zeit des Experimentierens mit ausdrucksvollen Schattenspielen, ungewohnter Perspektive und mit gestalterisch kühnen Spiegelungen durch das Frontal- und Seitenansicht kombinierende «Selbstporträt in Spiegeln» (1931), das seines Pioniergeistes wegen den Umschlag der Monographie «Self-Portrait in the Age of Photography» (Houston 1986) ziert. Anknüpfungen an László Moholy-Nagys steilen «Blick vom Berliner Sendeturm» (um 1928) verringern den künstlerischen Wert des «Marsfeldes vom Eiffelturm aus» von 1931 keineswegs. Diese Kombination von rasterartiger Metallkonstruktion und verwegener Aufsicht zählt zusammen mit der gewissermassen an die «Neue Sachlichkeit» anknüpfenden Szene «Frankfurt. Telegraphe pole» (1929), mit den «Quatre Balayeurs» (1947) mit hartem Bildanschnitt sowie mit «Chair, Paris» (1931) zu den klarsten Ausprägungen von Ilse Bings fotokünstlerischem Anliegen, ihrer jeweiligen Umgebung mit präzisen Ausschnitten gerecht zu werden, denen eine kühle Poesie nachgerühmt werden kann. Ihre Vielfalt im Umgang mit dem Medium Fotografie bewies die in Paris von «Le Monde», von «Vu» und weiteren Modezeitschriften beschäftigte «Queen of the Leica», wie sie später genannt wurde, mit diskreter Anwendung von malerischen Sfumato-effekten in nächtlichen Stadtszenen, zu denen der strukturbetonte «Flugzeugpropeller, Paris» (1933) in der «A grand old lady’s vision» überschriebenen Einzelausstellung seiner scharfen Schrägsicht wegen den grössten Kontrast bildet.
Öffnungszeiten: Montag-Freitag, 9-18 Uhr.