Rotkäppchen und der Wolf

April 30, 2008
Yuval Steinitz zum Bericht der amerikanischen Geheimdienste

Der Bericht der amerikanischen Geheimdienste über Iran, welcher zum Schluss gelangt, Teheran habe Abstand genommen von seinen Plänen, Atomwaffen zu entwickeln, lässt sich treffend mit dem Rotkäppchen-Märchen vergleichen: Auch Rotkäppchen will nicht begreifen, dass sich im Bett der Grossmutter ein Wolf verbirgt, obwohl es dessen grosse Augen und Ohren doch genau gesehen hat.

Die neue Debatte über die Gültigkeit der Schlussfolgerungen – neue Daten der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) haben dazu geführt – gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich der Schaden begrenzen lässt. Im Folgenden wollen wir die logischen und psychologischen Überlegungen analysieren, die einer der fehlerhaftesten geheimdienstlichen Einschätzung der jüngeren Geschichte zugrunde liegen.

Der Pendeleffekt: Der Hauptunterschied zwischen der neuen Geheimdienst-Einschätzung und der vorhergehenden liegt nicht in den Details, sondern in der Logik, die den Schlussfolgerungen zugrunde liegen. Die jüngste Einschätzung bestreitet nicht die Tatsache, dass im Falle von Iran der Wolf schon fast völlig sichtbar ist: Die Fabriken für die Umwandlung und Anreicherung von Uran in Isfahan und Kashan, der Schwerwasserreaktor in Arak sowie die Raketen des Typs Shihab, Ashura und BM 25.

Der Bericht zögert aber, die Teile des Puzzles zu einem Bild zusammenzusetzen: Nichts könne mit Sicherheit beweisen, dass die sichtbaren Teile des Wolfes einen ganzen Wolf ergeben. Können wir mit Sicherheit behaupten, dass am Ende dieses Projektes eine Bombe steht?

Die Verfasser des neuen Berichts haben sich offenbar vom Sprichwort «ein gebranntes Kind scheut das Feuer» leiten lassen. Nach dem Geheimdienst-Fiasko im Falle der chemischen Waffen in Irak – eine Panne, in die sich alle westlichen Geheimdienste teilen, auch der israelische – beschloss man, künftig ein hohes Mass an Vorsicht walten zu lassen. Hatten die Geheimdienste im Falle von Irak auf der Basis bruchstückhafter Informationen, die sich letztlich als falsch erwiesen haben, lautstark vor dem Wolf gewarnt, wird nun bei Iran der Wolf zuerst seine Zähne tief ins Fleisch versenken müssen, bevor er als solcher erkannt werden wird. Die Geheimdienstexperten haben einen Standard der mathematischen Genauigkeit etabliert, der sich nicht eignet für Bereiche, die auf Prognosen angewiesen sind. Die geheimdienstliche Arbeit ist ein solcher Bereich.

Die Schlussfolgerungen des Berichts sind umso erstaunlicher, als das Treffen mit Teilen des Biestes – genau wie bei Rotkäppchen – nicht das erste Treffen war. Rotkäppchen sah den Wolf im Wald, doch liess es sich später dennoch zur Illusion verleiten, unter der Decke liege ihre Grossmutter. In seinem Buch «The Uses of Enchantment» erklärt der Psychologe Bruno Bettelheim, Rotkäppchen habe es vorgezogen, die Bedrohung zu verdrängen und stattdessen in der Inszenierung des Wolfes mitzuspielen, da es nicht wusste, wie es sich der Bedrohung gegenüber zu verhalten habe.

Der amerikanische Geheimdienst hat den iranischen Wolf schon vor 2003 gesehen. Der jüngste Bericht zitiert sogar die unmissverständliche Schlussfolgerung, dass das iranische Nuklearprogramm bis dahin der Entwicklung einer Bombe gegolten habe. Gemäss dem Bericht sind die iranischen Bemühungen zur mechanischen Entwicklung der Bombe unlängst von den Radarschirmen der US-Geheimdienste verschwunden. Und da nicht mehr alle Teile des Projektes sichtbar sind, verschwand aufgrund der neuen Standards auch die Fähigkeit, die Anwesenheit des Wolfes zu bestimmen.

Die Art und Weise, wie sich der amerikanische Geheimdienst in dieser Sache verhalten hat, ist ein drastisches Beispiel für den sogenannten Pendeleffekt, der die Einschätzungen der Geheimdienste zwischen einem Pol der «Überreaktion» und einem der «Unterreaktion» hin- und herschwingen lässt. Eine Überreaktion wie im Falle von Irak löst Kritik aus, was beim nächsten Mal zur Unterreaktion führt – und umgekehrt.

Absurde Implikationen: Ein psychologisches Trauma und ungenaue Logik können zu absurden Schlussfolgerungen führen. Die Absurdität des neuen Berichts rührt speziell von der Bedeutung her, die der Investition in Ressourcen durch iranische Entscheidungsträger beigemessen wird. Der Bericht behauptet im Wesentlichen, dass die Iraner 2003 zwei sich widersprechende Entscheidungen getroffen hätten: Die Bombe aufzugeben, gleichzeitig aber weiter Milliarden in Fabriken zu investieren, die der Produktion genau dieser Bombe dienen! Sollten die Autoren des Berichts nicht aufgefordert werden, beispielsweise eine Erklärung für die enormen Investitionen in Kashan, der grössten unterirdischen Zentrifugenfabrik der Welt, vorzulegen? Oder haben die Verfasser des Berichts etwa herausgefunden, dass die Iraner eine Methode zur Verbesserung von Erdnüssen in Zentrifugen entwickelt haben?

Ähnliche Fragen stellen sich bezüglich der Raketen. Experten sind sich darin einig, dass ballistische Raketen mit einer Reichweite von über 1000 Kilometern nur zum Transport nichtkonventioneller Sprengköpfe hergestellt werden. Das ist schon alleine wegen der exorbitant hohen Entwicklungs- und Produktionskosten dieser Geschosse so. Die von Iran seit 2003 entwickelten Raketen haben eine Reichweite von mehreren 1000 Kilometern und decken den ganzen Nahen und Osten und Teile Europas ab. Kürzlich verkündeten sie zudem die Entwicklung eines «Vehikels zum Transport von Satelliten». Darunter versteht man eine für die USA bestimmte interkontinentale Rakete. Sollte der Plan, diese Geschosse mit nuklearen Sprengköpfen auszurüsten, tatsächlich fallen gelassen worden sein, bleibt die Frage, warum die immensen Investitionen in die Raketen andauern.

Der frühere Irrtum des Geheimdienstes – die übertriebene Einschätzung der chemischen Waffen in Irak – führte zu einem blutigen Krieg. Der gegenwärtige Geheimdienst-Irrtum, das untertriebene Urteil über den Stand des iranischen Atomprogramms, untergräbt die Bemühungen, die Welt davor zu bewahren, dass ein fundamentalistisches Regime dereinst Nuklearwaffen besitzt.

Dass sich die Geheimdienste irren, ist unvermeidlich. Was beim neuen «National Intelligence Estimate» vor allem Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um einen reinen Irrtum handelt, sondern um eine unvernünftige Leugnung der Bedrohung – genauso wie es bei Rotkäppchen der Fall war.