Rothschild vs. Nachama

von Igal Avidan, October 9, 2008
Obwohl er vergangene Woche von drei moslemischen Jugendlichen angegriffen wurde, plant der liberale Rabbiner Walter Rothschild weiterhin in Berlin zu bleiben und sogar für den Vorsitz der grössten jüdischen Gemeinde in Deutschland zu kandidieren. Überraschend verkündete auch der jetzige Vorsitzende, Andreas Nachama, zu den Wahlen am 18. März anzutreten, vorerst für zwei Jahre.
Schillernde Figur: Rabbiner Walter Rothschild. - Foto KY

Rabbiner Rothschild wurde kurz nach dem Angriff am vergangenen Mittwoch aus dem Krankenhaus entlassen. Er wurde an seinem linken Auge verletzt. Der mutmassliche Täter, ein 15-jähriger Iraker, und seine zwei gleichaltrigen Begleiter, ein Libanese und ein Türke, wurden vorläufig festgenommen. Beide sind der Polizei bekannt.
Rabbiner Rothschild war gegen 22 Uhr aus der U-Bahn im Zentrum Berlins ausgestiegen, gerade als die drei Jugendlichen den Zugführer beschimpften. Er versuchte, sie zu beruhigen. Als er gefragt wurde, ob er Jude sei, antwortete er «natürlich». Daraufhin sagte der Jugendliche: «Ich hasse alle Juden.» Als Rothschild ihn fragte, wie viele Juden er kenne, riss einer der Täter den Hut von Rothschilds Kopf und schlug ihm ins Gesicht.
Der Gemeindevorsitzende Nachama verurteilte den Angriff scharf und forderte die Behörden auf, «nach Wegen zu suchen, um solche Vorfälle zu vermeiden». Innensenator Eckart Werthebach warnte davor, den Nahost-Konflikt in Berlin fortzusetzen. Und die Berliner Ausländerbeauftragte, Barbara John, appellierte an arabische Eltern, ihre Kinder zur Gewaltfreiheit zu erziehen.
Der Anschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf sowie Steinwürfe auf eine Synagoge in Essen wurden von arabischen Jugendlichen verübt. Ein Araber wird auch verdächtigt, Steine auf eine Synagoge in Berlin im vergangenen Oktober geworfen zu haben. Vor kurzem wurden einige anti-jüdische Vorfälle in Berliner Schulen bekannt, bei denen es sich um arabische Schüler handelte. Experten wiesen darauf hin, dass besonders fundamentalistische Türken in Berlin stark anti-jüdisch sind.
Rabbiner Rothschild verkündete, dass er in Berlin bleibe und auf der Liste «Jüdisches Leben» für mehr jüdische Inhalte und mehr Kompetenz der einzelnen Synagogen sorgen will. Der 46-jährige britische Rabbiner stammt aus einer deutschen Familie. Sein Grossvater wurde 1938 im KZ-Dachau eingesperrt und floh kurz danach in die Schweiz, wo Rotschilds Vater bereits in einem Internat studiert hatte. Der Grossvater ist in der Schweiz verstorben und die Rothschilds flohen 1939 nach England. 1988 kam er nach Berlin, wo er bald wegen seiner kontroversen Auftritte und offenen Kritik an die Gemeindeführung in Ungnade fiel und vor kurzem sein Amt verlassen musste.
Bei den kommenden Wahlen kandidiert auch Nachamas Stellvertreter, Moische Waks. Falls Nachama gewählt wird, soll er in zwei Jahren das Amt des Rabbiners übernehmen.