Rostfreie Liebe

Von Andreas Mink, December 9, 2011
Die Beschäftigung mit Gold steht an der Wiege menschlicher Zivilisation. Seither hängen Magie und Religion ebenso am Gold wie Wissenschaft und Wirtschaft. Ein historischer Streifzug mit dem Geochemiker Pieter Visscher.
DAS LATROBE-GOLDNUGGET Ein bemerkenswertes Stück Gold, das 717 Gramm schwer ist und aus deutlich entwickelten Goldkristallen besteht

Nach dem Ersten Weltkrieg hat Fritz Haber in geheimer Mission wiederholt den Atlantik überquert. Zwischen Hamburg und New York nahm der Chemiker von Passagierdampfern aus Wasserproben, um seinem geliebten Vaterland auch im Frieden zu dienen. Der Vater der Ammoniak-Synthese wollte das im Meer enthaltene Gold destillieren, um damit die deutschen Reparationszahlungen abzuleisten. Nach etlichen Reisen gab Haber (1868 bis 1934) das Projekt auf: «Er hat den Goldanteil um das Hundertfache überschätzt», erklärt Pieter Visscher im Gespräch mit aufbau. Dennoch zollt der aus den Niederlanden stammende Geochemiker und Meeresbiologe Visscher dem Nobelpreisträger Haber Respekt: «Seine Goldsuche im Meer wird gerne als lächerlich abgetan. Prinzipiell war Haber jedoch auf dem richtigen Weg – er hat nur an der falschen Stelle gesucht.»
Habers Jagd nach Gold wirft ein Schlaglicht auf die lange Liebesaffäre der Menschheit mit dem Edelmetall. In der Diskussion mit dem an der University of Connecticut lehrenden Visscher werden die Züge einer Beziehung greifbar, die auf den Beginn menschlicher Zivilisationen zurückgeht. Seither bauen Magie und Religion ebenso auf das Edelmetall wie Wissenschaft und Wirtschaft. Visscher betrachtet die Suche nach Reinheit als treibende Kraft in dieser Geschichte, deren Beginn er im alten Ägypten ansetzt. Fast unverwüstlich, relativ leicht zu bearbeiten und gleichzeitig selten erschien Gold als göttliches Material, das in purer Form einen dramatischen Gegensatz zur Vergänglichkeit menschlicher Existenz darstellte. Ein imponierendes Beispiel für diese Verehrung des Goldes als Symbol oder Medium für den Kontakt zu höheren Mächten dürften die keltischen, mit kalendarischen Ornamenten geschmückten «Goldhüte» sein, die vermutlich von Priestern getragen worden sind.
Dabei sahen die alten Ägypter noch keinen grossen Gegensatz zwischen Magie und Wissenschaft. Dennoch setzt Visscher den Beginn der Chemie als Wissenschaft auf die frühe Pharaonenzeit an: «Dort hatte sich vor 5000 Jahren eine erfolgreiche Gesellschaft gebildet, die begann, Stoffe zu färben und mit Metalllegierungen zu experimentieren. Wir verfügen allerdings kaum über Spuren dieser Versuche.» Die Ägypter haben bereits Säuren und Basen entwickelt, aber vermutlich keine systematische Forschung betrieben. Ihr Wissen wurde von den Griechen aufgegriffen und verbreitete sich nach Osten. Von einer chemischen Wissenschaft im modernen Sinne kann laut Visscher aber erst im 8. Jahrhundert die Rede sein, als der Alchemist Abu Musa Ja¯bir ibn Hayya¯n (720 bis 810 n. d. Z.) – im christlichen Mittelalter schlicht als «Geber» bekannt – im heutigen Irak erstmals die wissenschaftliche Methode anwandte, also Hypothesen mit Experimenten überprüft und deren Ergebnisse genau beobachtet hat. Ja¯bir ibn Hayya¯n (dem auch die Texte anderer Autoren zugeschrieben worden sind) hat seine Forschungsergebnisse protokolliert und damit auch europäischen Alchemisten eine Arbeitsgrundlage gegeben.

Erste Elixiere

Auf die aristotelische Lehre von den Elementen – Feuer, Erde, Wasser und Luft – aufbauend, suchte Geber nach Katalysatoren oder «Elixieren» (aus dem arabischen «al-ikseer» für wirksames Rezept) zur Umwandlung etwa von Metallen. Dabei kamen die angeblichen elementaren Qualitäten von Materialien ins Spiel, also heiss, kalt, feucht und trocken. Laut Visscher bestand die Alchemie im Wesentlichen in der Identifizierung dieser Eigenschaften und deren Manipulation durch Elixiere, wobei der griechische Gott Hermes als Symbol des Wandels eine Patenrolle einnahm. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Suche nach dem «Stein der Weisen», den Adam angeblich einst von Gott empfangen hat. Laut Visscher verstanden Alchemisten wie Albertus Magnus (1200 bis 1280 n. d. Z.) darunter nicht etwa ein bestimmtes Mineral, sondern ein System von Stoffen und Methoden, mit dessen Hilfe etwa pures Gold aus Gestein oder aus Verbindungen mit anderen Elementen herausgelöst werden kann. Dafür hat Ja¯bir ibn Hayya¯n etwa erstmals «aqua regia», Königswasser, aus Salz- und Salpetersäure gemischt. Seine Suche nach dem «Stein der Weisen» führte ihn überdies zu medizinischen Erkenntnissen und dem ersten Gesetz der Thermodynamik, laut dem die Energie eines geschlossenen Systems sich nicht mit der Zeit ändert, so Visscher.
Der auf den ersten Blick abergläubische, aber auf lange Sicht wissenschaftlich ausserordentlich fruchtbare Gedanke eines «Steins der Weisen» gelangte vom arabischen Raum und Persien rasch nach Indien und China, fand aber auch im mittelalterlichen Europa begeisterte Aufnahme. An die naturgegebenen Elemente heranzutreten und diese umzuformen war sicherlich ein radikaler Schritt, der als Magie oder Überschreitung göttlicher Tabus empfunden wurde. Dabei liegen zwischen den Versuchen, andere Metalle wie Blei in Gold zu verwandeln und den chemischen Ausfällen des Edelmetalls aus Gestein letztlich keine grossen Unterschiede. So weist Visscher auf die technisch heute durchaus mögliche Umwandlung von Elementen auf molekularer Ebene hin, die jedoch ausserordentlich teuer und aufwändig sei. Dass Elemente aus Atomen bestehen hat als Erster der griechische Philosoph Demokrit im fünften Jahrhundert v. d. Z. behauptet, für Visscher ein Beispiel für die erstaunliche Kreativität der antiken Denker und Alchemisten an der Wiege von Wissenschaft, Philosophie und Religion.
Auf den von nahöstlichen Alchemisten wie Geber gewiesenen Pfaden wandelten spätere Pioniere wie der Brite Robert Boyle (1627 bis 1691), für Visscher eine transformative Figur am Tor zu einer modernen Chemie als Wissenschaft. Auch Boyle hat sich mit Gold und der Umwandlung von Elementen befasst. Aber er bestand auf Experimenten und akribischer Beobachtung. Für Visscher hat diese Methodik den Grundstein unseres modernen Wohlstandes gelegt, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der Chemie zu verdanken sei.
Doch das Gold beschäftigt Naturwissenschaftler bis heute. Visscher erwähnt einen aktuellen Aufsatz in der Fachzeitschrift «Nature», der einen Nachweis für die These führt, wonach ein Grossteil des bislang geförderten Goldes erst während des «letzten grossen Bombardements» durch Meteoriten in die bereits härter gewordene Erdkruste eingebracht worden ist. Dies hat sich vor 4,1 bis 3,8 Milliarden Jahren abgespielt. Das «Bombardement» hat vermutlich auch Kohlenstoff und andere für die Entstehung des irdischen Lebens notwendige Elemente auf unseren Planeten gebracht. So könnten Gold und Leben zumindest im übertragenen Sinne Hand in Hand gehen. Aufgrund der «siderophilen Eigenschaften» des Goldes hatte sich das bereits vorhandene Edelmetall zuvor im flüssigen und stark eisenhaltigen Erdkern angesammelt. «Siderophil» bedeutet «Eisen liebend». Der Begriff wurde vom in Zürich geborenen Geochemiker Victor Goldschmidt (1888–1947) zur Klassifizierung der Elemente entwickelt, den Visscher als einen seiner Helden bezeichnet.

Bakterien für Goldabbau

Dass das bislang geförderte Gold tatsächlich ein «Geschenk des Himmels» war dürfte keltische und ägyptische Priester ebenso begeistert haben wie die Alchemisten. Die Theorie wurde in den 1960er Jahren entwickelt, jedoch erst in jüngster Zeit durch die Forscher Matthias Willbold, Tim Elliott und Stephen Moorbath durch die Untersuchung der Isua-Formation an der Südspitze von Grönland erhärtet. Das dortige Gestein wurde nicht von dem «Mantel» aus Meteoritenmaterial überzogen. Dies gilt ansonsten nur für einige wenige Formationen im südafrikanischen Transvaal und in Australien. Obwohl er den Schlussfolgerungen von Willbold, Elliott und Moorbath nicht vorbehaltlos zustimmt hält Visscher die «Bombardement»-Theorie für zutreffend. Diese erklärt auch, dass Goldvorkommen meist nur sehr kleine Anteile von Muttergestein bilden.
Die bislang geförderte Goldmenge von 170000 Tonnen wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein vor allem in einstigen und zeitgenössischen Flussbetten gefunden. Dort liess das Wasser aus dem Gestein ausgewaschenes Gold zurück. Diese 170000 Tonnen haben bekanntlich die Grösse eines Würfels mit einer Seitenlänge von 20,6 Metern. Ein Kilo Gold ist nicht grösser als ein Golfball. Erst seit der Neuzeit stehen der Menschheit jedoch die technischen – und chemischen – Methoden zur Verfügung, Gold in grossem Massstab auch aus Gestein zu lösen. Diese Methoden sind häufig stark umweltschädlich. Visscher hat bei seinen Forschungsaufenthalten in Australien die dortigen Tagebau-Minen im Südwesten besucht, die gigantische Ausmasse haben. Dabei hat er notiert, dass der Abraum etwa in Kalgoorlie sehr sorgfältig in der Wüste gelagert wird: «Auch dieses Gestein enthält noch geringe Spuren von Gold. Dessen Gewinnung ist selbst bei den hohen Preisen unserer Tage noch nicht wirtschaftlich.» Aber der Wissenschaftler setzt hier auf die Entwicklung neuer Techniken – nicht zuletzt den Einsatz bestimmter Bakterien, die als eine Art lebender Stein der Weisen Gold aus Schwefelverbindungen in Staub und Geröll lösen könnten.  
Wird in dem Gespräch mit Visscher deutlich, welche bedeutsame Rolle Gold als «Elixier» für die Entwicklung der Wissenschaft gespielt hat, so bleibt der enorme Aufwand, der zur Goldgewinnung getrieben wird, doch schwerer verständlich. Obendrein trägt es doch Züge einer kollektiven Halluzination, dass die Menschheit sich anscheinend schon vor Jahrtausenden darauf geeinigt hat, Gold als den Inbegriff von Wert und den Massstab für die Bewertung aller anderen Güter zu verehren. Für diesen «Goldkult» wurden etwa in den USA an Tempel erinnernde Anlagen wie Fort Knox errichtet. Aber Visscher weist auch auf den Nutzen des Goldes für die Menschheit hin. Obwohl es in industrieller Anwendung inzwischen durch andere Elemente wie Palladium ersetzt wird, gibt Visscher dem gelben Edelmetall auch als praktisch hilfreichem Stoff eine grosse Zukunft. So eigne sich Gold exzellent für den Einsatz in der Nanotechnologie. Visscher vermutet, dass Goldatome etwa Krankheitserreger binden könnten, die gegen Medikamente resistent sind: An Gold quasi «angeklebt» würden Mikrowellen dann die Erreger zerstören.
Angesichts der sinkenden Erträge aus dem konventionellen Abbau kann sich Visscher überdies vorstellen, dass Minenkonzerne irgendwann einmal die Idee von Fritz Haber aufnehmen – immerhin enthalte das Meer 15000 bis 45000 Tonnen Gold. Zum Vergleich: Die USA halten derzeit mit 9000 Tonnen den grössten staatlichen Goldschatz weltweit. Doch statt auf der Meeresoberfläche zu verweilen, sollten die «Goldgräber» der Zukunft in die Tiefen der Ozeane vorstossen. Dort treten aus Rissen Stoffe aus dem Erdinneren aus, die auch Gold enthalten. Daneben ist das Edelmetall ebenfalls stark in den Manganknollen am Meeresboden präsent, so Visscher. Der wahre Goldschatz wird der Menschheit jedoch niemals zugänglich sein: Die weitaus grössten Vorkommen liegen im flüssigen Kern der Erde, sagt der Wissenschaftler: «Dort dürfte 800 Millionen Mal mehr Gold existieren als im Erdmantel.» Diese gigantische Menge von 1000 Billionen Tonnen dürfte den Hunger der Menschheit nach Gold zumindest theoretisch stillen. Aber dann wäre Gold auch nicht mehr Gold, sondern nur ein Element neben vielen anderen.    ●


Andreas Mink ist Redaktor bei der JM Jüdische Medien AG und lebt in den USA.