Rettungsring für Hamas
Die Austauschaktion, die Gilad Shalit nach Hause zurückbrachte, zeigte, dass die Hamas-Bewegung nach fast vier Jahren ihr Haupt in der Westbank wieder erhoben hat. Und zwar mit der Hilfe Israels: Die Aktion hat der Hamas in mehreren Hinsichten einen Rettungsring hingeworfen.
Die Organisation, deren zivile und militärische Infrastruktur in den letzten Jahren in der Westbank fast vollständig verschwunden war und deren Unterstützung zusammengebrochen ist, konnte mit dem Gefangenenaustausch ihren ersten bedeutsamen Erfolg seit der Bildung der Hamas-Regierung im Januar 2006 in Gaza registrieren.
Eine von militärischen und politischen Misserfolgen gespickte Karriere endete am Tag von Shalits Rückkehr als der Festakt für die Gefangenen begann, von denen die meisten der Hamas angehören. Seit Juni 2007 vermeiden Anhänger der Hamas in der Westbank Kundgebungen oder Demonstrationen. Sie zögern sogar, die grüne Hamas-Flagge zu tragen.
Für israelische Zuschauer, die Hunderte von Hamas-Supportern in der Westbank verfolgten, wie sie nach vier Jahren wieder die Fahne der Bewegung schwenkten, waren die Ereignisse von Dienstag vergangener Woche alles andere als ein Grund zum Feiern.
Ein trauriger Tag, an dem eines ganz klar wurde: Trotz der relativen Ruhe in der Westbank, trotz der Schwächung der Infrastruktur der Hamas, trotz der Aktionen der palästinensischen Sicherheitskräfte gegen palästinensische Terrororganisationen und trotz der wirtschaftlichen Verbesserung in der Westbank wurde die Hamas in den Augen der Öffentlichkeit durch die Entlassung von 1027 palästinensischen Gefangenen im Austausch gegen Shalit von neuer Hoffnung beseelt.
Die meisten Israeli, welche die Live-Übertragungen verfolgten, zeigten Emotionen und wischten vielleicht sogar eine Träne weg, als der IDF-Soldat nach fast fünfeinhalbjähriger Gefangenschaft zurückkehrte. Viele Israeli aber hatten Mühe mit dem dazu gehörenden Preis: der in den Strassen der Westbank jubelnden Hamas, Menschenmassen, die gelobten, Israeli zu entführen, Lobgesängen auf den militärischen Flügel der Hamas sowie den Mengen, die schworen, den Jihad so lange fortzusetzen, bis Israel zerstört sein würde.
«Das Volk will einen neuen Shalit.» Immer wieder war dieser Refrain in Betunia in der Westbank zu hören, wo die Menge auf die freigelassenen Gefangenen wartete. Ähnliche TV-Bilder kamen aus Kairo und Gaza herein. Hochrangige Hamas-Offizielle, begleitet von gefährlichen Ex-Gefangenen, gelobten die Fortsetzung ihrer Terrorakte, ihrer Ablehnungspolitik und vor allem die Entführung weiterer Israeli, um die Entlassung zusätzlicher Gefangener zu erwirken.
Und zahllose andere Redner, allen voran der in Damaskus domizilierte Hamas-Führer Khaled Mashal, erklärten, Israel habe einmal mehr bewiesen, dass es nur die Sprache der Gewalt verstehe. Die Motivation der Palästinenser, und beileibe nicht nur der Hamas, möglichst bald noch mehr Soldaten und Zivilisten zu entführen, erreichte am Tag von Shalits Freilassung neue Höhepunkte.
Israelische Sicherheitsexperten werden anführen, die Motivation zur Entführung weiterer Israeli habe bereits existiert – und sie haben Recht. Das Problem ist jedoch, dass diese Motivation noch nie so hoch war wie jetzt. Das ist darauf zurückzuführen, dass Israel noch nie dazu bereit war, so viele Gefangene für nur einen einzelnen Soldaten freizulassen, und dass es ein solches Abkommen noch nie mit der Hamas vereinbart hat, einer Organisation, welche die Zerstörung Israels anstrebt und welche den bisherigen Partner Israels im Friedensprozess bedroht. Jetzt muss Israel sich mit der Furcht vor Entführungen nicht nur durch die Hamas, sondern auch durch andere Palästinensergruppen befassen. Sogar die Fatah ist eifersüchtig auf die Erfolge ihres politischen Rivalen.
Die Schlussfolgerung, welche das palästinensische Volk aus dem Deal gezogen hat, ist, gelinde gesagt ein Problem: Für die Palästinenser, egal, ob von der Westbank oder aus dem Gazastreifen, hat sich der Weg der Hamas als erfolgreich erwiesen und die Hamas selber als fähig, Israel zu schlagen. Die Palästinensische Behörde von Präsident Abbas dagegen war wie üblich nicht imstande, Resultate zu präsentieren. Es ist fast tragisch, aber wahr: Israel ist es mehr oder weniger gelungen, das Kriegslager der Palästinenser zu stärken und das Friedenslager zu schwächen.
Avi Issacharoff ist Redaktor bei «Haaretz».