Retter und Geächteter

von Toby Axelrod, October 9, 2008
Die Entdeckung von Dokumenten des berühmten Oscar Schindler in einem alten Koffer in Hildesheim ist eines der Zeichen dafür, dass der Holocaust noch längst kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte ist. Die Papiere vermitteln eine weitere Botschaft: Sie zeigen, wie ein Mann, der für die Rettung von Juden bekannt war, von seinen Zeitgenossen nach dem 2. Weltkrieg geächtet und zurückgewiesen worden war.
Schindler-Dokumente: Werfen neues Licht auf schillernde Persönlichkeit. - Foto Reuters

«Für die heutigen Deutschen ist Oskar Schindler ein sehr positives Beispiel», sagt Stefan Braun, ein Reporter der «Stuttgarter Zeitung», die dieser Tage mit der Veröffentlichung einiger der Dokumente begonnen hat. «Nach dem Krieg aber hatten die Menschen kaum Interesse an seiner Geschichte. In einem seiner Briefe schrieb er 1948 von einem aus dem Osten her kommenden Neo-Nazismus. Nichts habe sich geändert; es sei alles noch schlimmer. Der Koffer mit den Schindler-Dokumenten wurde schon letztes Jahr gefunden, doch erst jetzt erhielt die Öffentlichkeit davon Kenntnis. Schindler hatte über 1000 jüdische Männer und Frauen vor dem Tode gerettet, indem er ihnen in seiner Fabrik im polnischen Krakau Arbeit verschaffte. Es gibt mehrere Kopien von Listen mit den Namen der Geretteten. Eine davon fand man in dem Koffer. Solche Zusammenstösse mit der Geschichte sind in Deutschland nichts Seltenes. So entdeckten letzte Woche Arbeiter, die in Berlin eine Strasse bauen, einen Teil des Bunkers, in dem vor 54 Jahren Hitler und seine Geliebte Eva Braun in den Freitod gingen. Wie andere ähnliche Stätten wird auch diese eingeebnet werden, um zu verhindern, dass sie sich zu einem Wallfahrtsort für Neo-Nazis entwickelt. Im September fanden Bauarbeiter in Hamburg eine riesige Bombe der Alliierten. Hunderte von Einwohnern und Arbeiter mussten damals evakuiert werden, und der öffentliche Verkehr wurde stillgelegt.
Angesichts der jüngsten Zunahme rechtsextremer Gewalttaten in der ehemaligen DDR muss man sich fragen, ob die junge Generation aus der Vergangenheit gelernt hat. Vor diesem Hintergrund erhalten Schindlers Warnungen aus dem Jahre 1948 etwas Prophetisches. Während des ganzen letzten Jahres haben die Reporter Stefan Braun und Claudia Keller die Existenz des Koffers geheimgehalten. Zu den wenigen, die Einblick in den Inhalt erhielten, gehörte der israelische alt-Oberrichter Moshe Bejski, der zu Schindlers Geretteten gehörte. «Zuerst hatten wir das Gefühl, angesichts der Fülle von Briefen, Bildern, Zeitungsausschnitten usw. gar nicht zu wissen, wo wir anfangen sollten», sagte Braun. «Abend für Abend sassen wir zuhause und lasen Briefe. Die Veröffentlichung sollte nicht zu rasch geschehen.»
Zu den Dokumenten zählte ein Briefwechsel zwischen den 40er und 60er Jahren, eine Kopie der Liste, sowie eine Rede, die Schindler bei Kriegsende hielt und in der er die Juden seiner Fabrik bedrängte, keine Rache zu üben. Gemäss dem Wunsch der Familie, die das Material bei sich hatte, wird alles der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem übergeben werden. Die «Stuttgarter Zeitung» beschloss, anlässlich des 25. Todestages von Oskar Schindler eine Serie unter dem Titel «Schindlers Koffer» zu veröffentlichen. In dieser Serie werden vor allem Schindlers Beziehungen zu seinen deutschen Zeitgenossen untersucht, seine Probleme mit Alkohol und Frauen und seine Kontakte zu Israel und zu den deutschen Juden.
Auch wenn Experten von Yad Vashem meinten, möglicherweise sei die Liste nicht die originelle, so handelt es sich bei den Brief klar um Originale. Möglicherweise vermitteln sie, so Braun, einen wertvollen Einblick in das Leben eines komplizierten Mannes. «Da ist einmal der Mann, der nach dem Krieg das sein wollte, was er während des Krieges war - der Boss einer grossen Firma. Dann zeigen die Briefe zweitens, wie er nach dem Krieg erfahren musste, dass die Deutschen kein Interesse an dem hatten, was geschehen war. Sie waren auch böse auf ihn, weil er einen guten Eindruck auf Israel gemacht hatte. 1962, nachdem er von Israel geehrt worden war, löste sein deutscher Geschäftspartner die Verbindung mit ihm auf, weil er, ein alter Nazi, nicht mit einem Freund der Juden zusammenarbeiten wollte.
Michel Friedman, Mitglied des Vorstandes des Zentralrates der Juden in Deutschland, hält die Briefe für wichtig, weil sie beweisen würden, dass Schindlers Wirtschaftslage nach dem Krieg sehr schlecht war. «Nur die Juden halfen ihm», sagte Friedman, dessen Eltern von Schindler gerettet worden waren, «nicht aber die deutsche Regierung, die alten Nazis Pensionen auszahlte». Schindler sei ein Ehrengast an seiner Barmizwa gewesen, sagte der Anwalt Friedman. Seiner Meinung nach könne man Schindlers Geschichte «in der guten Bedeutung des Wortes» benutzen, um junge Menschen anzuhalten, Zivilcourage zu zeigen und um ihnen zu beweisen, dass es sich lohne, zu reagieren.
«Als ich den Inhalt des Koffers las», meinte Braun, «bekam ich das Gefühl, eng mit jemandem bekannt zu sein, den ich nie gesehen hatte. Schindler war sehr offen und sprach frei von der Leber weg. Er schwankte hin und her zwischen grosser Hoffnung und tiefer Verzweiflung.» Schindler starb 1974 im Alter von 66 Jahren in Frankfurt und wurde, seinem Wunsche entsprechend, in Israel begraben.