Restaurant mit Gerüchteküche

von Gistela Blau, July 9, 2009
Noch nie war hier eine GV so rasch zu Ende wie jene vom vergangenen Montagabend. Ein Zeichen für die Effizienz der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich und für Disziplin und Wohlwollen der Mitglieder.
ERNEUTER WECHSEL Die Besitzverhältnisse des Restaurants im Gemeindehaus der ICZ sollen sich schon wieder ändern

Kaum begonnen, war die GV der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) auch schon wieder zu Ende. Eine gute halbe Stunde hatte genügt, um alle Traktanden samt Jahresrechnung zu erledigen.
Zu Beginn begrüsste Co-Präsident André Bollag «eine sommerliche Anzahl» von 114 Mitgliedern. Er gedachte des kürzlich jung verstorbenen Kantors Marcel Lang, zu dessen Ehren sich die Versammlung erhob. Bollag erwähnte lobend, dass für ein Gebet zugunsten schwer erkrankter Gemeindemitglieder auf eine spontane Einladung des Rabbinats hin trotz Sommerhitze die Synagoge an einem Sonntagabend randvoll gewesen sei, laut Bollag ein Zeichen dafür, «wie wir als Gemeinde zusammenstehen können».
Die Ruhe, die in der ICZ weitgehend eingekehrt ist, betrifft nicht den Mieter der Gemeinde, das Restaurant, das seit einigen Monaten eight25 heisst. Nachdem der Vertrag des langjährigen Pächters Chaim van Dijk durch den vorherigen ICZ-Vorstand nicht verlängert worden war, kam es zu Turbulenzen. Jener Vorstand führte das Restaurant kurze Zeit im Prinzip in eigener Regie, als einziger wirklich aktiver Aktionär der Besitzerin Hadar AG. Der neue Vorstand machte endlich kurzen Prozess, weil die von aussen diktierten Kosten längst aus dem Ruder gelaufen waren. Die Hadar AG musste Konkurs anmelden, und das Restaurant stand längere Zeit leer. Als Klas Rittri, bekannt von der Buchhandlung Books & Bagels an der Zürcher Waffenplatzstrasse, die Pacht mit vielen hochfliegenden Plänen von hochstehender koscherer Küche übernahm, brach im ICZ-Vorstand geradezu Euphorie aus. Doch das Restaurant kam nicht zur Ruhe, und die Gerüchte jagten sich. Die Rede war von einer Schliessung, von gekündigten Mitarbeitenden, von hohen Verlusten des Pächters durch die Madoff-Affäre.

Der neue Pächter ist bereits der alte Pächter

Eine mit Spannung erwartete Mitteilung André Bollags zu Beginn der GV betraf denn auch das eight25. Weil das Restaurant «für die koschere Küche und nicht für die Gerüchteküche» zuständig sein sollte, verlas Bollag einen Brief von Klas Rittri an die Gemeinde. Fazit: Der neue Pächter ist bereits der alte Pächter. Aber von einer Schliessung des Restaurants und einer Kündigung des Personals könne eigentlich nicht die Rede sein, lässt Rittri verlauten. Der Mietvertrag galt bisher zwischen der ICZ und Books & Bagels, schreibt er. Rittri habe jedoch einsehen müssen, dass der Betrieb eines Restaurants und die Führung einer Buchhandlung «nur wenig gemein» hätten. Auch habe er feststellen müssen, dass ihm das «dringend notwendige Gastro-Wissen fehlt». Deshalb würden die Aktivitäten des Restaurants und der Buchhandlung getrennt.
«Zusammen mit einem starken Partner, der über entsprechendes Wissen und Gastronomieerfahrung verfügt», will Rittri ein Unternehmen gründen, welches der neue Mieter des Restaurants im ICZ-Gemeindehaus sein werde und das sich ganz auf das Restaurantgeschäft konzentrieren würde. Weil dieses Unternehmen ein neuer Arbeitgeber sein würde, seien die Arbeitsverträge der Mitarbeitenden aufgelöst worden. Sie würden aber neue Verträge erhalten. Das Restaurant werde tatsächlich geschlossen, aber nur, so betonte Rittri in seinem Brief an die ICZ-Mitglieder, «vom 22. bis 30. Juli».
Klaus Rittri wollte den Namen des «starken Partners am Dienstag (noch) nicht herausrücken, weil noch nichts unterschrieben sei. Er habe sich trotzdem mit dem Brief an die ICZ-Mitglieder keineswegs zu stark aus dem Fenster gelehnt, sagt er: «Es gibt mündliche Abmachungen, und wir haben Absichtserklärungen ausgetauscht.» Rittri erklärt, es handle sich nicht um einen Schweizer, aber auch nicht um einen Israeli, sondern um einen Europäer, der die Schweiz gut kenne und auch hierher übersiedeln werde. In der munter weiter brodelnden Gerüchteküche heisst es, er sei Deutscher.

Der Verlust hält sich in Grenzen

Der künftige «starke Partner» wolle sich finanziell beteiligen, sagt Rittri und vor allem als Vollzeitmanager im Restaurant permanent präsent sein, was er selber nicht könne: «Wie wichtig diese stete Anwesenheit ist, habe ich wie so vieles andere unterschätzt.» Es gebe keine Verluste wegen Madoff, betont der Buchhändler und Jurist, und die Neuausrichtung erfolge nicht aus finanziellen Gründen, die Kündigungen des Mietvertrags und der Mitarbeiterverträge seien eine reine Formsache. Das Restaurant solle auch während des Umbaus geöffnet bleiben, aber vollständig umgebaut werden. Die Finanzierung der Umgetsaltung erfolge weitgehend durch das noch zu gründende Gastrounternehmen.
Ein anderes nahrhaftes Thema der GV war die Jahresrechnung 2008, der 146. Abschluss seit Gründung der ICZ. Quästor Eli Eyal erläuterte, dass die Rezession auch vor der ICZ nicht Halt gemacht habe, dass sich die Auswirkungen und der Verlust jedoch in Grenzen hielten. Das Rechnungsjahr schliesst mit einem Ausgabenüberschuss von knapp 208 000 Franken. Dieses Defizit muss laut Statuten in drei Jahren ausgeglichen werden. Eyal dankte den Mitgliedern, die insgesamt pünktliche Steuerzahler seien.
Die Mehrausgaben gegenüber dem Budget erklärte Eyal mit kurzen Ausführungen. Beispiel: Im Hinblick auf den neuen Staatsbeitrag dank der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der ICZ sei der Steuerfuss der Gemeinde um drei Prozent gesenkt worden. Der Beitrag sei jedoch erst 2009 eingetroffen. Der grosse Verlust durch die Hadar AG konnte nur durch Auflösung der Rückstellung kompensiert werden. Es wurde jedoch eine neue Rückstellung vorgenommen. Im ersten Halbjahr 2009 habe sich, so konnte der Quästor versichern, der Verlust gegenüber 2008 bereits um 20 Prozent verringert. Die Jahresrechnung und die Verbuchung der Mehrausgaben wurde angenommen und dem Vorstand Décharge erteilt, jeweils einstimmig.

«Abbruchparty» am 31. Oktober

Alain Gut, Präsident der Schulkommission, konnte vermelden, dass 60 Kinder für das Kindergartenangebot im neuen Schuljahr angemeldet seien, zehn davon für die Ganztagesbetreuung; das entsprechende Personal hierfür sei bereits engagiert. Den Religionsunterricht werden 30 Kinder besuchen. Jonathan Kreutner als Präsident der Jugendkommission verabschiedete Claudia Lifschitz nach sieben Jahren engagierter Mitarbeit und begrüsste das bereits tätige Neumitglied Jonathan van Gelder. Dessen Vater Max van Gelder, Präsident der Mitgliederkommission, bedankte sich bei der ausscheidenden Gabriella Rabner und hiess neu Nicole Okmian willkommen. Beide wurden durch Akklamation gewählt.
André Bollag hatte berichtet, dass die Baubewilligung für den beschlossenen Umbau ohne Einsprachen genehmigt worden sei und nun die Detailplanung samt Provisorien für die Verwaltung beginne. Die Baukommission werde demnächst die Mitglieder informieren. Im Oktober gehe es richtig los, und auf den 31. Oktober sind die Gemeindemitglieder in den Grossen Saal zur fröhlichen Abbruchparty eingeladen.