Respekt vor Andersdenkenden
TACHLES: Thomas Wipf, 23 Jahre lang waren Sie Gemeindepfarrer in Schönenberg. Doch schon in jener Zeit und vor allem in den letzten zwölf Jahren beschäftigten Sie sich mit Kirchenpolitik.
THOMAS WIPF: Ich war froh, dass ich die Kirchenarbeit als Pfarrer von der Basis her erfahren durfte. Die reformierte Kirche funktioniert von unten nach oben. Aber es war mir auch wichtig, dass die Kirche und ihr Auftrag öffentlich gemacht werden, dass Religionsgemeinschaften einen Beitrag leisten zu friedlichem und gerechtem Zusammenleben der Menschen.
Was hat sich seit Ihrer Übernahme des Kirchenbundspräsidiums verändert?
Bleiben wir bei dem, was gleich geblieben ist: dass Menschen immer Fragen stellen, die Grundfragen des Lebens, woher komme ich, was ist der Sinn meines Daseins, wohin gehe ich? Anders ist, dass diese Fragen weniger an Institutionen gerichtet werden, obwohl diese immer noch wichtig sind. Noch immer haben wir 2,4 Millionen Mitglieder, aber sie sind distanzierter. Sie gehen weg von festen, dogmatischen Glaubenssystemen, suchen sich individuelle Formen eines persönlichen Ausdrucks im Glauben.
Es gibt immer mehr Polarisierung, Fanatisierung, Radikalisierung im gesamten religiösen Bereich, andererseits gibt es leere Gotteshäuser.
Verhärtungen gehen quer durch die Welt der Religionen. Rechthabereien und falsch verstandene Dogmatik entsprechen allerdings keiner Religion. Wir sollten deshalb mehr auf die grosse Mehrheit statt auf die Extreme achten. Die institutionalisierte Religiosität geht allerdings zurück. Vor allem müssen alle Religionsgemeinschaften immer wieder die Formen der Weitergabe des Glaubens überdenken. Vielleicht geht dies eines Tages gemeinsam, denn es ist der gleiche Gott, der uns erschaffen hat, uns Orientierung und Trost gibt. So sollten wir uns gemeinsam auf den Weg machen für die junge Generation, in religiösen Dimensionen, für die auch junge Juden, Christen, Muslime ansprechbar sind und die sie in ihrem eigenen Glauben bestärken. Es braucht Einheit in versöhnter Verschiedenheit. So lautet auch das Motto der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), und dafür engagiere ich mich.
Dem Christentum steht das Judentum als älterer Bruder wohl näher als der jüngere Bruder Islam?
Das Bild der Verwandtschaft wird von jüdischen Freunden unterschiedlich interpretiert. Es gibt hier aber eine einmalige Zusammengehörigkeit von Judentum und Christentum. Wir wissen, wo wir verwurzelt sind, wir sind auf verschiedenen Wegen unterwegs, aber ich denke, dass die Wiederentdeckung dieser Verbindung eine der grossen Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts in der evangelischen Theologie war, neben der feministischen und der Befreiungstheologie.
Weshalb gründeten Sie 2006 den Rat der monotheistischen Religionen?
Äusserer Anlass war der Vorabend des Irak-Krieges, als die Religion durch die Politik instrumentalisiert wurde. Mir lag daran, ein Zeichen zu setzen. Auch wenn wir uns politisch nicht einig waren, so einte uns doch der Wunsch nach Frieden. Erstmals in unserem Land gab es ein interreligiöses Friedensgebet, und ich fand, wir müssten uns regelmässig sehen, einander kennenlernen. Wichtig war mir, dass wir Verantwortlichen von unseren Gemeinschaften dazu mandatiert wurden.
Die Suche nach einem gemeinsamen Nenner muss eine Sysiphusarbeit sein.
Im Theologischen, in Fragen der Gottsuche, des Wissens, wer uns erschaffen hat, ist es nicht schwierig, da gibt es sogar grosses Interesse und viel gegenseitige Neugier. Erst wenn es ans Politische geht, zu kulturellen Unterschieden oder wenn die Religionen in¬strumentalisiert werden, wird das interreligiöse Gespräch zur Knochenarbeit.
Vor allem der Dialog mit dem Islam dürfte nicht einfach sein.
Ich habe bereits 2007, zwei Jahre vor der Minarett-Abstimmung, klare Fragen an die Muslime gestellt. Ich gehe von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung aus. Ich will mich nicht erheben über andere, erwarte das Gleiche aber auch von den anderen. Ich fragte die Muslime, die in unserem Land leben, wie sie zur Schweiz als demokratischem Rechtsstaat stehen, ob sie anerkennen, dass dies ein Land mit klaren Wurzeln ist, christlich, aus der jüdisch-christlichen Tradition entstanden, dass hier Mann und Frau Partner sind. Meine Fragen haben grosse Diskussionen ausgelöst. Ich erwarte, dass unsere Werte akzeptiert und respektiert werden, und ich bin überzeugt, dass nur der Dialog und das tägliche Zusammenleben uns weiterbringt.
Welche Einstellung haben Sie zu Kopftüchern und Kruzifixen in Schulzimmern?
Zur Religionsfreiheit gehört es auch, die Zugehörigkeit zu zeigen. So wenig man die Kippa verbieten darf, so sorgfältig sollte man über Kopftücher sprechen, sofern sie das Gesicht frei lassen. Verbote machen das Tragen erst recht reizvoll. Bei Lehrpersonen wäre ich vorsichtiger. Mit Pragmatismus sind wir bisher gut gefahren.
Wie weit kann die Religion Einfluss auf die Politik nehmen? Die Religionsgemeinschaften plädierten – vergeblich – gegen das Minarett-Verbot und für den Gegenvorschlag der Ausschaffungs-Initiative.
Wir wollen uns für Menschen einsetzen, für Barmherzigkeit und solidarische Gemeinschaft auch mit Menschen am Rande. Das können wir nicht nur Politik und Wirtschaft überlassen, da müssen wir mitreden. Wir äussern uns nicht überall, aber immer, wo es um Grundfragen des Lebens geht, vom Lebensbeginn bis zum Lebensende, also von Schwangerschaftsabbruch bis Sterbehilfe, auch über den Umgang mit Fremden. Das Echo ist überwiegend sehr gut, man erwartet, dass sich die Religionsgemeinschaften einbringen.
Sie besuchten das Wirtschaftsgymnasium in Zürich, studierten dann aber Theologie. Steht das nicht im Widerspruch?
Kirche und Glauben sind keine Gegenwelt, in die man sich zurückzieht. Wir alle sind Teilnehmende der Wirtschaft. Aus evangelischer Sicht haben wir uns erst kürzlich zur Wirtschaftskrise geäussert, zum abgehobenen Teil der Wirtschaft, der Augenmass und Proportionen verloren hat. Ich hätte mir auch ein Studium der Volkswirtschaft vorstellen können, aber schon im Gymnasium fand ich, dass zu wenige Fragen gestellt wurden. Deshalb wandte ich mich der Theologie zu, behielt aber immer Kontakt mit der Wirtschaft. Wenn nötig, redete ich immer Klartext. Ich bin kein Polterer, ich hätte noch direkter sein können.
Aber Sie haben vor bald zehn Jahren das Open Forum Davos gegründet, als Gegenpol zum World Economic Forum (WEF).
Das Open Forum dämonisiert das WEF nicht. Mittlerweile ist es sehr etabliert, es zieht viele junge Menschen an, und es hat viel zur Öffnung und Transparenz des WEF beigetragen. Aus kirchlicher Tradition braucht es Orte, an denen alle Leute am offenen Mikrofon diskutieren können.
Ihre Frau war bis vor Kurzem als evangelische Pfarrerin tätig, da muss man Sie wohl erst gar nicht nach der Gleichberechtigung der Frauen in religiösen Ämtern fragen.
Es gibt keinen biblischen oder theologischen Grund, weshalb nicht Mann und Frau im ordinierten Dienst gleichgestellt werden sollten. Dies gehört schon lange zur evangelischen Tradition; früher oder später werden auch andere Religionsgemeinschaften diesen Weg gehen. In anderen Kulturen mit patriarchalischen Traditionen wurde das Fernhalten der Frau von der Ordination nachträglich mit der Religion begründet. In unserer Kultur braucht es jedoch Frauen, die in ihrer eigenen Kompetenz diesen Platz einnehmen. Sicher wurde ich auch durch meine Frau bestärkt, die diese Grundsätze immer gelebt hat.
Für einen Rücktritt beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund sind Sie noch nicht alt genug.
Ich wurde dreimal für vier Jahre gewählt, und wir haben viel erreicht. Nun habe ich selber entschieden, aufzuhören. Ich bleibe aber Präsident der GEKE. Es ist mir ein Anliegen, vor allem kleine evangelische Kirchen in Europa zu stärken. Und ich habe daneben noch viele andere Interessen kultureller Art. Ich pflege gerne Kontakte mit Künstlern und Filmschaffenden, war auch verantwortlich für die Unterstützung des ökumenischen Filmpreises am Filmfestival Locarno.
Sie treten auch vom Präsidium des Schweizerischen Rats der Religionen zurück, den Sie gründeten und prägten. Ist es nicht schwierig, diese Funktion abzugeben?
Doch, sicher. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir Herbert Winter als Nachfolger gewinnen konnten. Er war mein Wunschkandidat, erstens als Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, aber auch als Persönlichkeit. Ich bin sicher, dass es dank ihm und seiner aktiven, überlegten Gelassenheit gut weiter gehen wird, auch im Gespräch mit den Bundesbehörden.