Religionsmissbrauch?

von Gisela Blau, October 9, 2008
Die beiden orthodoxen Gemeinden Zürichs, die Agudas Achim und die Israelitische Religionsgesellschaft (IRGZ), weigern sich, die SIG-Umfrage an ihre Mitglieder zum Ausfüllen zu versenden. Diese betrübliche Tatsache steckt hinter einer harmlos verklausulierenden Formulierung im SIG-Communiqué, wie der SIG-Generalsekretär Martin Rosenfeld auf Anfrage der JR bestätigte.

Das SIG-Communiqué verschlüsselt den Boykott der vor einem Monat lancierten Umfrage: «Die Durchführung der SIG-Umfrage hat im Centralcomité zu Diskussionen über die Aussagerelevanz einer solchen Befragung geführt. Der SIG möchte auf diesem Weg in Erfahrung bringen, was die jüdische Bevölkerung von ihrem Dachverband hält, um daraus Schlüsse im Hinblick auf eine Reorganisation zu ziehen. Die Umfrage dient sozusagen als Pulsmesser. Obwohl noch nicht alle Gemeinden die Fragebogen verschickt haben, ist der Rücklauf beachtlich. (Die jüdische Presse hat die Umfrage durch einen Versand ebenfalls unterstützt.) Es zeigt sich bereits jetzt, dass viele Personen ein Bedürfnis haben, ihre Meinung über den SIG zu äussern. Die Frist zur Beantwortung und Einsendung der Fragebogen läuft noch bis zum 31. Dezember 2000.»Die beiden Zürcher Gemeinden führen halachische Gründe ins Feld, weil die - strikt nicht-wissenschaftliche - Umfrage von der Basis auch als Trendmeldung ganz zum Schluss erfahren möchte, ob die liberalen Gemeinden die SIG-Mitgliedschaft erhalten sollen oder nicht. Eine Frage sei bereits von vornherein «trejfe», lautet ein altes Sprichwort. Hier jedoch trifft dies allerdings keineswegs zu: Die Frage ist durchaus «koscher» und legitim, ob die SIG-Basis, also die Mitglieder der angeschlossenen Gemeinden, die Liberalen im SIG sehen möchte oder nicht. Wer diese Frage nicht beantworten möchte, muss dies ja nicht tun. Aber allein deswegen die freie, anonyme Meinungsäusserung der eigenen Mitglieder zu den anderen Themenkreisen der Umfrage zu verhindern und zu unterdrücken, zeugt weder von Demokratieverständnis noch von der Unterstützung der normalerweise hoch gelobten jüdischen Meinungsvielfalt.