Religionen, ihre Legionen und die Wirtschaft

June 13, 2008
Zur Eröffnung der ersten Kollegsperiode des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik wurde der Öffentlichkeit die hochkarätige, internationale Forschergruppe vorgestellt, welche über zwei Jahre periodisch in Basel ein gemeinsames Forschungsprojekt bearbeitet.
<strong>Weltreligionen im Blick </strong>Fragestellungen aus dem Blickwinkel der Wirtschaft

Von Joël Hoffmann

Das neu gegründete Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) untersucht die Stellung der Religion in Wechselwirkung zu politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Aus diesem Grund soll eine stärkere Vernetzung der betreffenden wissenschaftlichen Disziplinen stattfinden. Nebst einem Masterstudiengang (tachles berichtete) soll nun ein Forschungskolleg Beiträge zur interdisziplinären Forschung leisten.

Am Anfang war Religion

Unter dem von Josef Stalin inspirierten Titel «Wie viele Legionen haben die Religionen? Zur Macht des Glaubens in Politik und Wirtschaft» begann Ende Mai an der Universität Basel die erste Kollegperiode mit einer Podiumsdiskussion. Das Forschungskolleg diskutierte über aktuelle Aspekte der Thematik. «Soziologisch gesehen ist alles problematisch», so der Bonner Soziologe Werner Gephart. Er sieht für die interdisziplinäre Zusammenarbeit unzählige Definitionsprobleme. Vor allem sei es heikel, eine Definition von Religion aufzustellen. Des Weiteren, so der Soziologe, müsse geklärt werden, ob die Macht der Religion auf institutioneller, symbolischer oder normativer Ebene untersucht werden soll. In Anlehnung an die Äusserung des Soziologen Emile Durkheim, «am Anfang war alles Religion», sei für Gephart die soziale Welt von einem Glauben durchzogen. Denn wirtschaftliches Handeln sei ohne einen Grundglauben nicht möglich, so Gephart weiter. Der Zürcher Ökonom Emil Inauen arbeitet mit dem ökonomischen Modell der sogenannten «rationalen Wahl», wonach auch religiöse Menschen nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül handeln. Nach weiteren Gemeinsamkeiten von Religion und Wirtschaft sieht Inauen in den bewährten und stabilen Organisationen, wie Klöstern, gar Vorbilder. Denn die Klöster seien, so Inauen, Spezialisten in der internen Kontrolle, was dazu führe, dass es weniger strikte Kontrollen von aussen brauche.

Die Religion erlebt ein Hoch

Dem Aspekt der Macht der Darstellungen des Religiösen in den Medien widmet sich die Berliner Religionswissenschaftlerin Susanne Lanwerd. Der Begriff der Bilderpolitik geht bei Lanwerd mit der Frage einher, wie wir über Bilder aufgefordert werden, religiöse Differenzen wahrzunehmen. «Wer sind die Legionäre? Und welches Mass an Einfluss der Religion ist in einer Demokratie wünschbar?» fragt Dorothée de Nève, Politikwissenschaftlerin aus Halle-Wittenberg. Die aktuelle Politikwissenschaft sieht die Kirchen mit ihrer Kontroll- und Mobilisierungsfunktion als Akteure in der Zivilgesellschaft, so de Nève. «Bekennende Legionäre» wie der Nationalrat der Eidgenössischen Demokratischen Union, Christian Waber, seien für de Nève keine Legionäre mehr, die ihren Dienst für die Heimat (Kirche) in der Fremde (Staat) täten, da es für sie diese Grenze von Religion und Staat nicht gebe. Eine Analyse der Religion mit Fokus auf die einzelnen Akteure und deren Wirkung sei für den Soziologen Gephart aber zu schlicht, es sei produktiver, einen offenen Religionsbegriff zu verwenden. Hingegen gilt des Berliner Theologen Rolf Schieders’ Augenmerk dem Interesse, welches hinter der Benutzung der Religion steht. Warum wurden beispielsweise aus den Millionen «Türken» in Deutschland auf einmal Millionen von «Muslimen», fragt der Theologe. Ein interessanter Aspekt ist Schieders These, dass durch die Globalisierung die Macht der Staaten stetig abnehme und so die Weltreligionen die eigentlichen Globalisierungsgewinner seien.

Ob die Religion nun der Gewinner der Globalisierung ist oder einfach ein mächtiger Partner – die Religion erlebt zurzeit eine akademische und mediale Hochzeit. Die fachspezifischen Betrachtungs- und Herangehensweisen der Forscher in einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen, ist sinnvoll. Inwiefern dieses Potenzial auch genutzt werden wird, wird sich im Laufe der nächsten zwei Jahre zeigen.