Religion im Lichte der Schrift

October 12, 2009
Eine philosophische Betrachtungsweise der jüdischen Geschichtsforschung.
BLICK ZURÜCK Um sich selber in der Gegenwart zu begreifen, muss der Mensch versuchen, das Dunkel der Vergangenheit zu erhellen

Von Rabbiner Mordechai Piron

Jede Wissenschaft, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt – sei es allgemeine politische Geschichte der Menschheit, Kulturgeschichte, Geschichte der Philosophie der Religionen –, steht vor dem grundsätzlichen Problem, eine objektive Perspektive einnehmen zu müssen, zum Verständnis und zur Erkenntnis der Vergangenheit in ihren Einzelheiten sowie ihren allgemeinen Ausmassen. Wir nehmen an, dass wir die verschiedenen Einzelheiten des Dramas der vergangenen Perioden erfassen und erkennen. Ist aber der Wissenschaftler auch imstande, aus den kleinen Steinchen des Mosaiks ein kompaktes, objektives, allumfassendes Bild herzustellen? Dies ist das entscheidende Problem. Wie haben die Menschen in den verschiedenen Epochen der Geschichte gefühlt, was haben sie gedacht, wo lagen ihre Ängste, ihre Hoffnungen, wie und worin kamen die menschlichen Beziehungen in der Familie und in der Gesellschaft zum Ausdruck? Wie sahen sie die Natur mit ihren Gaben der täglichen Nahrung und ihren Schrecken? Wie erfassten und verstanden sie das unerlässliche Phänomen des Lebens und des Todes? Was bedeutete ihnen der fromme Glaube an die göttliche Allmacht? All dies sind monumentale Fragen, welche im Rahmen der Geschichtsphilosophie aus psychologischer, soziologischer und auch metaphysischer Sicht grosse Probleme erwecken.

Bedeutende Denker und Forscher in den vergangenen Jahrhunderten haben sich mit Fragen dieser Art beschäftigt, unter ihnen Hegel, Kant, Cassirer, Huizinga, um nur wenige zu erwähnen. Um sich selber in der Gegenwart zu begreifen, muss aber der Mensch versuchen, das Dunkel der Vergangenheit zu erhellen.
Die Einstellung des Judentums zur historischen Forschung ist sowohl aussergewöhnlich wie auch äusserst tief greifend. Die Frage, welche den jüdischen Geschichtsphilosophen seit ältester Zeit beschäftigt, ist das grundsätzliche Urproblem, ob die Geschichte der Menschheit überhaupt einen Zweck hat, ob sie irgendeine Bedeutung besitzt, ob sie letzten Endes in permanenter Richtung unaufhaltbar einem Ziel entgegenstrebt.
Eine klare Position zu dieser Frage war seit alters her von vitaler Wichtigkeit angesichts grosser Kulturen der damaligen Zeiten, welche jede auf ihre Art in der Geschichte der Menschheit ein ewiges Chaos, ein immerwährendes, unlösbares «Tohuwabohu» sahen. Die Menschen in der Antike zum Beispiel sahen im Verlauf der Geschichte einen Ausdruck des ewig währenden Kampfes zwischen zwei kosmischen Kräften, der Macht des Guten gegenüber der Macht des Bösen. Die Griechen der Antike hingegen lebten nach der kosmischen Regel, wonach die Weltgeschichte sich im ewigen Kreislauf befindet, im immerwährenden, unerbittlichen Aufstieg und Rückfall. Plato sprach über 72 000 Sonnenjahre, Jahre des Aufbaus und der Produktivität, der Erneuerung und der Entwicklung, und danach über die gleiche Anzahl Jahre des Niedergangs und der Zerstörung. Auch Aristoteles war ähnlicher Meinung. Er betonte das ewig rückkehrende Einerlei ohne Sinn und ohne Ziel.

Revolutionäre Auffassung

In der jüdischen Geschichtsphilosophie hingegen kommt eine Ansicht zum Ausdruck, die eine der grundlegendsten Ideen des Glaubens im Lichte der Thora ist – die absolute Gewissheit, dass «Er», der Schöpfer und Herr des Weltalls, auch Herr der Geschichte ist, dass die göttliche Allmacht in den verschiedenen Begebenheiten und entscheidenden Ereignissen sichtbar und erkennbar ist und durch «seine Hand» das Schicksal der Menschheit geleitet und entschieden wird.
Die Idee, dass die göttliche Allmacht der Begebenheit der Geschichte für alle Zeiten Sinn, Bedeutung und Zweck verleiht und das menschliche Sein linear und deterministisch zu einem endgültigen Ziel führt, kommt schon in der Heiligen Schrift klar zum Ausdruck. Die Propheten, aber nicht nur sie, vernehmen in der Geschichte aller Völker und nicht nur der Juden die göttliche Lenkung als absolute Macht.

In den folgenden Jahrhunderten wurden diese historischen Konzepte von den Kanaiten und Amoräern vertieft und dabei auch neue geistige Dimensionen entwickelt. Wie in der Literatur der Talmudim und Midraschim bis ins sechste Jahrhundert zu ersehen ist, betonten unsere Weisen die allumfassende Idee, dass eigentlich die Geschichte der Juden in der Beziehung zum alles überragenden ewigen Bündnis zwischen Israel und seinem Gott zu verstehen sei. Wobei das Befolgen von Verpflichtungen oder das Versagen als alleiniger Grund aller historischen Entwicklungen stehe. Zusammenfassend soll die revolutionäre Auffassung der Philosophie der Geschichte im Judentum gegenüber allen anderen geistigen Richtungen betont werden. Die Glaubenskultur jüdischer Denker wurde zum Träger einer inhärent optimistischen Weltanschauung, welche für die ganze Menschheit Sinn und Bedeutung und daher auch Hoffnung und Zuversicht für Gegenwart und Zukunft verleiht.
Eine Reihe von Texten in der talmudischen und midraschischen Literatur bezeugt die vorherrschende Auffassung der Gelehrten bei ihren historischen Untersuchungen. Lassen wir uns eine Quelle von vielen hier zitieren, welche eine klare Anschauung eines historischen Determinismus betont: «Der Bestand der Welt – 6000 Jahre, 2000 Jahre – Chaos, 2000 Jahre – Thora – 2000 Jahre messianische Zeiten und wegen unseren vielen Sünden geschah, was eben geschah» (Babilonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 97, a, b). Dieser Text zeichnet ein rigides, starres historisches Schema mit festen Umrissen und unrüttelbaren Zeitgrenzen für die jüdische Eskatalogie. Viele Texte bezeugen ähnliche Richtungen.

Hoffnung auf Erlösung

Falls wir Genaueres über das Leben und Schicksal der Juden während diesen vielen Jahrhunderten erfahren wollen, müssen wir uns vorerst an die Annalen und Aufzeichnungen der Könige sowie der örtlichen Herrscher der damaligen Zeit halten. Wir finden Urkunden und Erlässe bezüglich der Erlaubnis der Niederlassung der Juden in den verschiedenen Ortschaften, gerichtliche Zeugnisse über Landerwerb oder geschäftliche Transaktionen, manchmal auch Urteile von Gerichtsverhandlungen mit Juden. In kirchlichen Urkunden gibt es unter anderem Anklagen gegen die Juden religiöser Art – der Hass gegen die Juden im Mittelalter wurde von der Kirche geschützt.

Wir müssen aber auch die Literatur der Responsen der grossen Gelehrten dieser Jahrhunderte überprüfen, als eine äusserst wichtige Quelle zum Erforschen von zentralen religiösen und sozialen Problemen im Leben der jüdischen Gemeinden. Vieles können wir bei der Prüfung von Manuskripten und jüdischen Aufzeichnungen aller Art erfahren, wie sie heute in verschiedenen Sammlungen zu finden sind, darunter auch der wertvollen Sammlung der Familie René und Susanne Braginsky.
Wollen wir nun als Beispiel eines von vielen Manuskripten prüfen, mit ausserordentlich interessantem Inhalt. Im folgenden der Inhalt des Schriftstückes, aus dem Hebräischen übersetzt: «Ich, Jitzchak Bar Dorbelo, sah in Worms ein Schreiben, welches Menschen aus dem Rheinland im Jahre 960 nach Eretz Israel sandten und die Gemeinden in Eretz Israel fragten: Ein Gerücht haben wir vernommen, dass der Maschiach gekommen sei; und ein Auswuchs im Herzen (eines Tieres – sircha), was ist eure Meinung über all dies? Über die Frage des Kommens des Maschiach sollten wir euch gar nicht antworten. Glaubt ihr denn nicht an die Worte unserer Weisen und deren Zeichen? Und die Zeichen sind noch nicht erschienen. Und der Wuchs im Fett des Herzens, wir vom grossen Sanhedrin und kleinen Sanhedrin, wir essen davon.» Die Schrift ist unterschrieben mit «Rabbi Jaakov, Sohn des Rabbi Mordechai, das Oberhaupt der Jeschiwa von Mata Mechassje, und alle mit ihm. Wisset in Wahrheit, dass wir nicht versäumen am Ölberg an allen Festtagen zu beten (…) und Schalom an alle, die uns Gutes wünschen.»
Dieses Manuskript ist trotz einiger Probleme als alt und echt anerkannt und enthält somit die sensationelle Bestätigung, dass schon im Jahre 960 Juden im Rheinland in Worms lebten, wahrscheinlich in kleiner Anzahl. Die beiden Fragen, die gestellt wurden, sind in ihrer Gegenüberstellung ergreifend und aufwühlend. Einerseits die fast banale Frage über ein Speisegesetz, natürlich wichtig im halachischen Sinne, aber sicherlich keine Lebensfrage, und dem gegenüber die «Frage aller Fragen», die Kardinalfrage der Existenz des Volkes, der Traum der Erlösung, der Anfang und das Ende alles Sehnens und Denkens. Die Fragenden nahmen scheinbar voll Angst an, dass der Messias sie in aller Eile «vergessen» habe oder dass solch eine kleine Zahl von wenigen Juden im fernen, abgelegenen Lande es nicht Wert sei, dass der Messias sie persönlich besuche. Einerseits das feste, treue Beharren auf die Grundsätze der Thora – andererseits die ewige Hoffnung auf die Erfüllung des Traumes der Erlösung, und all dies in einem kleinen Schriftstück.
Je besser wir unsere jüdische Vergangenheit erkennen und verstehen, desto besser können wir unsere jüdische Gegenwart erkennen, verstehen und stärken.   

Mordechai Piron war Oberrabbiner der israelischen Streitkräfte und später der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Heute ist er Vorsitzender des Merkaz Sapir für jüdische Kultur und Erziehung sowie Vorsitzender des Instituts für interreligiöse Beziehungen Israels.