Rekruten ohne Rechte
Im Staat Israel ist jeder benachteiligt – die Armen sind benachteiligt, Menschen ohne Wohnung sind benachteiligt, junge Paare sind benachteiligt, alleinstehende Eltern sind benachteiligt, Frauen sind benachteiligt, Beduinen sind benachteiligt, Ärzte sind benachteiligt und sogar die Ultraorthodoxen und die Siedler haben das Gefühl, benachteiligt zu sein.
Es gibt aber einen Sektor, der in der Meinung aller einstimmig benachteiligt ist. Die Diskriminierung dieses Sektors schreit laut und klar zum Himmel. Da die Mitglieder dieses Sektors ihren Mund aber nicht aufmachen dürfen, mokiert sich das Land über sie und beutet sie auf schändlichste Weise aus.
Wir sprechen von den Rekruten der israelischen Armee. Sie dienen dem Land – die jungen Männer drei, die jungen Frauen zwei Jahre –, gefährden ihre Gesundheit und ihr Leben und verlieren dabei wichtige Jahre der Arbeit und des Studiums. Die Armee zahlt ihnen lächerliche Summen, viel weniger, als sie eigentlich verdienen.
Der ungeschriebene Vertrag zwischen Rekrut und Armee besagt, dass der Soldat drei Jahre seines Lebens opfert und dass die Armee im Gegenzug für alle seine Bedürfnisse aufkommt. In Tat und Wahrheit erfüllt die Armee aber nur den ersten Teil des Vertrags und tritt den zweiten uneingeschränkt mit Füssen. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass ein nicht in einer Kampfeinheit dienender Soldat mit einem Monatssold von 350 Schekel (gut 87 Franken) nicht auskommen kann. Aber auch der Sold von 650 Schekel, den ein Kampfsoldat erhält, reicht nirgends hin. Vergessen wir nicht, dass es sich bei diesen Soldaten um junge Menschen handelt, die nur ein bisschen leben wollen, ab und zu etwas zum Anziehen kaufen, auswärts essen oder die Rechnung für ihr Mobiltelefon begleichen. Jeder junge Soldat, der nicht zusätzlich von seinen Eltern finanziell unterstützt wird, steckt demnach in einer traurigen und misslichen Lage.
Als Folge sehen sich viele Soldaten gezwungen, während ihres regulären Militärdienstes zu arbeiten. Die Personalabteilung der Armee erhält viele Gesuche von Rekruten, die einen Sonderurlaub beantragen, um wegen «der schwierigen Wirtschaftslage zu Hause» arbeiten zu können. Es gibt sogar Soldaten, die desertieren, um Geld zu verdienen. Nach Ansicht der Non-Profit-Organisation Hazit veoref lev echad («Ein Herz für Front und Hinterland») ersuchen jeden Monat Dutzende von Soldaten um Hilfe bei der Suche nach einer geeigneten Arbeit während des Urlaubs. Gibt es etwas Absurderes als das?
Noch ärgerlicher wird die Sache, wenn sich herausstellt, dass die ultraorthodoxen Jugendlichen, die um das Militär einen grossen Bogen machen, vom Staat bessere Konditionen erhalten als die Soldaten. Sie bekommen ein monatliches Stipendium von 900 Schekel und weitere 2500 Schekel vom «kolel» (der Talmudhochschule für verheiratete Studenten); dies aus einem Budget, das grösstenteils ebenfalls vom Staat herrührt. Junge Ultraorthodoxe erhalten in anderen Worten 3400 Schekel, verglichen mit 350 oder 650 Schekel für die Rekruten. Es gibt wohl keinen grösseren Skandal als das.
Der Staat, der sich dieser Ungerechtigkeit durchaus bewusst ist, versucht auf verschiedene Wege, die Soldaten nach deren Entlassung zu kompensieren. Er gewährt ihnen eine gewisse Steuerbefreiung wie auch Vergünstigungen und Anleihen für Unterkunft und Studien. Doch das ist eine schlechte Art, um sein Gewissen zu beruhigen. Es ist eine Bevormundung seitens der Regierung. Verschiedene Menschen haben nämlich unterschiedliche Interessen. So will einer vielleicht lieber eine Weltreise unternehmen, anstatt zu studieren.
Der einzige korrekte Weg besteht daher darin, jedem Soldaten, ob weiblich oder männlich, jeden Monat einen würdigen Lohn zu bezahlen. Und wer länger dient, soll auch mehr erhalten. Ohne Bürokratie und Bevormundung. Einfach einen fairen Lohn, der sich vom derzeit bei 4100 Schekel stehenden Minimallohn ableitet. Sollte dies aus Gründen der Budgetengpässe aber unmöglich sein, wäre ein Lohn von 2000 bis 3000 Schekel pro Monat denkbar. Diese Summe würde ein menschenwürdiges Leben während des Militärdienstes erlauben. Vielleicht lässt sich so sogar etwas Geld für die Zeit nach der Entlassung zur Seite legen.
Aufgrund der gegenwärtigen Bedingungen aber gefährden die Rekruten ihr Leben und verlieren mögliches Einkommen. Würden sie aber einen fairen Lohn erhalten, würde sich die auf ihnen lastende Bürde verringern. Ein würdiger Lohn würde den Militärdienst attraktiver
machen und den Wunsch der Rekruten reduzieren, sich um ihn zu drücken. Dabei denken wir bei Weitem nicht nur an Ultraorthodoxe.
Ein fairer Lohn hätte noch einen weiteren Vorteil. Die Armee würde nämlich einzusehen beginnen, dass Soldaten nicht einfach eine frei verfügbare Handelsware sind und dass es sich lohnen würde, die Zahl der Wehrmänner zu senken, um so Budgetgelder zu sparen. Vielleicht wird dann ein Vorschlag zur Verkürzung der Dienstzeit für junge
Männer wie für junge Frauen unterbreitet. Das wäre eine effektive Budgeteinsparung für die Wirtschaft des Landes, die im Bruttoinlandprodukt ihren Ausdruck finden würde.
Nehemia Strassler ist Wirtschaftsredaktor
bei «Haaretz».