Reklame für Hitler

von Katarina Holländer, October 9, 2008
Die unkommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers «Mein Kampf» in der Tschechischen Republik ist heftig umstritten. Der Verleger wurde von der Polizei verhört, die Auflage ist beschlagnahmt worden. Jedoch gerade solche Massnahmen sowie die sie begleitende Medienaufmerksamkeit erwiesen sich als absatzfördernd – man spricht von einem Bestseller.
«Mein Kampf» auf tschechisch: Unerwünschtes Aufsehen verursacht. - Foto Keystone

In der Juli-Ausgabe von «Rosch Chodesch», dem monatlich erscheinenden Organ der Jüdischen Gemeinden in Böhmen, Mähren und der Slowakei, wird die Vermutung geäussert, es sei die umfangreichste öffentliche Debatte der letzten Jahre, die sich in Tschechien einem nicht politischen Thema widme: Die europaweit erste unkommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers «Mein Kampf» (vgl. JR Nr. 14) hat seit ihrem Erscheinen am 21. März in der tschechischen Öffentlichkeit Hunderte von Kommentaren und heftige Diskussionen hervorgerufen.Die Debatte zielt in verschiedene Richtungen, in Frage gestellt werden unter anderem die Moral von Verlegern und Buchhändlern, die Gesetzwidrigkeit solcher verlegerischer Taten, der Status des Buches (handelt es sich um «Quellenmaterial»?) mit und ohne Kommentar, die Unterschiede nazistischer und kommunistischer ideologischer Schriften, Gesetze, die solche Publikationen verhindern können und sollen, Aufgaben von Polizei und Staat, Fragen der Zensur, Grenzen liberaler Gesinnung und die Rolle der Medien. Im Grunde geht es aber um ein zentrales Thema, das in einer sich erst demokratisch ordnenden Gesellschaft besonders heikel ist: um die Freiheit des Wortes. Die Verfechter der Meinungs- und Äusserungsfreiheit argumentierten gegen die Hüter der Inhalte an. Ein Publizist trieb die Sache auf die Spitze und fand, Hitlers Buch sollte zur Pflichtlektüre an Schulen erhoben werden, andere erinnerten daran, dass Hitler selber eine Übersetzung ins Tschechische verboten hätte. Zwischen diesen Polen aber ging und geht es um die wichtige Frage der Zensur. Gerade dieser Fall zeigte deutlich, dass das Interesse steigt, je ausdrücklicher die Frucht verboten wird. Denn wer sich das Buch beschaffen will, kann es bekanntlich auch ohne diese neue Ausgabe. Während David Irvings pseudohistorische Schriften in aller Stille und unangefochten auf tschechisch herauskommen, hat «Mein Kampf» etwas von einem Reizwort an sich, das unmittelbar zu wirken scheint. Der Verlag hat wohl aus diesem Grund auch darauf verzichtet, den Titel zu übersetzen. Seine Spekulation war «richtig». Auch die Medien bissen an. Und das war zur Steigerung des Absatzes zweifellos das Wichtigste. Hatte der Verleger Michal Zítko beim Erscheinen des Titels auf dem Markt nach eigenen Angaben mit 800 verkauften Exemplaren gerechnet, so kann er nun zufrieden sein. Mehr als 20 000 Bücher sollen über den Ladentisch gegangen sein, bevor die Polizei im Juni eingriff und die Restauflage des Verlags «Otakar II.» einzuziehen begann. Dennoch verkauft sich «Mein Kampf» weiter, und das bis zu dreimal so teuer wie ursprünglich.
Es hat elf Wochen gedauert, bis sich die tschechische Polizei entschloss, einzuschreiten. Vom Hardcover-Hitler wurden nur schon bis Anfang Juni 12 500 unverkaufte Exemplare beschlagnahmt. Auch wenn sich Zítko anfangs in Understatement geübt haben sollte - ohne die Aufmerksamkeit der Medien wäre der Verkaufsschlager wohl gar nicht entstanden, und seine Erwartungen wären vermutlich nicht allzu unrealistisch gewesen. Denn «Mein Kampf» erscheint nicht zum ersten Mal auf tschechisch, und das kaufende Publikum war daher abzuschätzen. Die Neugier vieler Käufer ist aber gerade durch die Diskussionen in allen Medien geweckt worden.
Dem Herausgeber, der nun offiziell von mehreren Personen sowie Organisationen beschuldigt wird, eine strafbare Tat begangen zu haben, droht eine bis zu achtjährige Haftstrafe. Offen bleibt, ob es möglich sein wird, ihm eine solche nach tschechischem Gesetz nachzuweisen. Das wird in Fachkreisen zum Teil bezweifelt. Man muss sich auch fragen, was es eigentlich ist, was die Diskussion so erhitzt hat. Wie weit wirkt das Faszinosum Hitler auf alle Beteiligten, wie weit unterliegen sie ihm? Denn wenn es um die Verurteilung von handfesten Taten geht, die beispielsweise Skinheads - meistens an Roma - begehen, reagiert die tschechische Öffentlichkeit kaum je mit solcher Intensität. Und diese Skinheads propagieren Faschismus hier und heute viel effektiver, als Hitlers Programmschrift. - Die Untersuchungen sind noch in Gang; die Diskussion sollte nun, da das Buch aus den Buchhandlungen verschwindet, nicht abbrechen, sondern erst recht beginnen.