Reiz und Fremde jüdischer Kultur

von Heinz Roschewski, October 9, 2008
Das 150-Jahr-Jubiläum der jüdischen Gemeinden des Kantons Bern war vor zwei Jahren Anlass zu zahlreichen kulturellen, sozialen, religiösen und politischen Veranstaltungen, auch von nichtjüdischen Institutionen. Nachdem die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Bern bereits ihre Vorlesungs- und Diskussionsreihe über den kirchlichen Antijudaismus in einem wichtigen Buch publiziert und der Jüdischen Gemeinde Bern gewidmet hatte, ist noch eine weitere Publikation zu melden. Die kulturhistorischen Vorlesungen 1998/99 im Rahmen des Collegium generale der Universität Bern unter dem Titel «Reiz und Fremde jüdischer Kultur» sind, herausgegeben von den Professoren Georg Eisner und Rupert Moser, nunmehr gedruckt erschienen.

Darin behandelt beispielsweise der führende deutsche Antisemitismusforscher Prof. Wolfgang Benz (Berlin) den «Mythos vom mächtigen und reichen Juden». Die Ausführungen von Prof. Axel Knauf-Belleri (Bern) sind dem Hebräischen als Sprache der Bibel gewidmet, diejenigen von Prof. Michael Graetz (Heidelberg) der Renaissance jüdischer Kultur im 20. Jahrhundert. Weitere Themen der publizierten Vorlesungsreihe: «Das Wesen des Menschen, ausgedrückt durch die jüdischen Festtage» von Rabbiner Tovia Ben-Chorin (Zürich), «Musikkultur der Synagoge» von Kantor und Musiker Marcel Lang (Basel), «Jüdische Literatur aus Galizien» von Dr. Irmgard Wirtz Merki und «Antisemitische Vorurteile gegen Einstein» von Prof. Armin Hermann (Stuttgart). Einschlägige Besonderheiten der seinerzeit bemerkenswert fortschrittlichen Universität Bern werden weiter behandelt in den hier publizierten Vorlesungstexten von Prof. Urs Boschung (Bern): «Zwischen Öffnung und Abwehr: Hundert Jahre Berufungs- und Beförderungspraxis an der medizinischen Fakultät der Universität Bern» und von Dr. Franziska Rogger (Bern): «Jüdisches Universitätsleben in Bern: Zwischen Sozialismus und Zionismus, Antisemitismus und Nationalsozialismus»; Bern war ein grosser Anziehungspunkt für jüdische Studenten und besonders auch Studentinnen aus dem zaristischen Russland und dem übrigen antisemitischen Osteuropa, so dass vor dem Ersten Weltkrieg die Berner Universität spöttisch; Russische Mädchenschule» genannt wurde. In die schweizerische, jüdische und Weltgeschichte eingegangen ist in der Neuzeit Bern als Ort des Prozesses um die «Protokolle der Weisen von Zion» in den schweren Jahren 1933-1937; darüber berichtet Dr. Erwin Marti (Basel).

Reiz und Fremde jüdischer Kultur. 150 Jahre jüdische Gemeinden im Kanton Bern. Kulturhistorische Vorlesungen 1998/1999. Herausgegeben im Auftrag des Collegium generale der Universität Bern von Georg Eisner und Rupert Moser. Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern, 2000, 199 S.