«Reisen habe ich immer gern wollen»

December 4, 2008
Drei in den Jahren 1987 bis 1994 erschienene schmale Bände mit Erzählungen umfasst das bisher in Buchform veröffentlichte Werk der Schriftstellerin Ruth Tassoni. In den Jahren 1987 bis 1994 im damaligen Zürcher Pendo-Verlag erschienen, sind sie inzwischen längst vergriffen und die Autorin zu Unrecht beinahe wieder vergessen. Ein in mancherlei Beziehung nicht untypisches Schicksal für eine (literarische) Emigrantin.
RUTH TASSONIS LETZTE STATION BERGAMO Eine lange Reise ging hier in den fünfziger Jahren zu Ende

Ruth Domino wurde am 3. Dezember 1908 als Tochter eines preussischen Beamten und einer jüdischen Mutter in Berlin geboren. Nachdem sie zunächst noch in Berlin eingeschult worden war, verbrachte sie die Zeit des Ersten Weltkrieges mit ihrer Mutter in Norddeutschland. Nach dem Ende des Krieges liess sich die Familie in den zwanziger Jahren in Hamburg nieder, wo Ruth ihre lebenslange Freundin, die spätere Literaturagentin Ruth Liepman, kennenlernte, welche Jahrzehnte später das Erscheinen des ersten Buches von Ruth Tassoni vermitteln sollte. In Hamburg legte Tassoni ihr Abitur ab, um anschliessend zum Studium der Germanistik und Geschichte an die Universität Wien zu wechseln, wo sie mit einer Arbeit über den Expressionismus promovierte. In Wien lernte sie unter anderem Elias Canetti und dessen Freund Fritz Jerusalem (Jensen) kennen. Auch mit Elias Canetti verband sie – wenn auch mit langen Unterbrechungen durch Krieg und Emigration – eine lebenslange und nicht ganz spannungsfreie Freundschaft. In einem Brief aus dem Jahre 1971 hielt Canetti fest: «Ich habe Frau Ruth Tassoni sehr früh, ich denke es war im Jahre 1929, als Studentin in Wien kennen gelernt. Sie hiess damals mit ihrem Mädchennamen Ruth Domino und heiratet bald darauf meinen Jugendfreund Dr. Fritz Jerusalem. In der folgenden Periode bis zu ihrer Reise nach Spanien, wo sie als Krankenpflegerin am Bürgerkrieg teilnahm, war sie mit mir und meiner Frau eng befreundet. Wir sahen sie oft und nahmen tätigen Anteil an ihrer Entwicklung als Schriftstellerin und besonders Dichterin. Auf diesem Gebiet haben wir sehr Schönes von ihr gelesen.»
Den Lebensunterhalt verdiente die junge Frau in diesen Jahren durch Arbeit in einem jüdischen Waisenhaus für blinde Kinder. 1933 wurde sie durch die Heirat mit dem Arzt Fritz Jensen österreichische Staatsbürgerin. Während des spanischen Bürgerkrieges war sie als Krankenschwester bei den Internationalen Brigaden in Albacete und Murcia tätig.
Arbeit aus dem Exil 1938 emigrierte Ruth Tassoni – inzwischen von Fritz Jensen getrennt – nach Paris, wo sie nach dem Anschluss Österreichs als Flüchtling anerkannt wurde. Es folgten erste Veröffentlichungen von Erzählungen in der Exilzeitschrift «Das Wort». Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich gelang ihr 1940 die Flucht in die Vereinigten Staaten, wo sie eine Zeit lang in der Künstlerkolonie Yaddo bei Saratoga Springs Aufnahme und als Teaching Fellow am Bryn Mawr College in Pennsylvania Anstellung fand. Später unterrichtete sie am Quäker-College von Pendle Hill für Katastrophenhelfer, die nach Deutschland geschickt wurden, Deutsch. Ab 1943 gehörte Ruth Tassoni zudem zum Mitarbeiterstab der vom Arzt Wilhelm Gründorfer herausgegebenen «Austro American Tribune», einer Monatszeitschrift mit rund 2000 Abonnenten, die von 1942 bis 1948 in New York zunächst unter dem Titel «Freiheit für Österreich. Nachrichtenblatt der Arbeitsgemeinschaft für eine demokratische Republik Österreich» erschien und deren Feuilletonbeilage von der mit Günther Anders verheirateten Elisabeth Freundlich betreut wurde.
Nach dem Krieg heiratete Ruth Domino den (späteren) Philosophieprofessor Mario Tassoni, der mit den italienischen Partisanen gegen Mussolini gekämpft hatte und nach dem Krieg als Austauschstudent in die USA gekommen war. Mit ihm übersiedelte sie nach Bergamo, unterbrochen von einem längeren Zwischenstopp durch eine Anstellung von Mario Tassoni an der Universität Lausanne. Hier arbeitete Ruth Tassoni als Lektorin für den Verlag Mondadori und veröffentlichte ihre Erzählungen und Kurzgeschichten in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, darunter zunächst in «The New Yorker» in englischer Sprache, später vermehrt wieder auf Deutsch. Ruth Tassoni starb am 14. November 1994 im Alter von 86 Jahren in Bergamo, wenige Tage nach Erscheinen ihres dritten Buches und vor einer ihrer regelmässigen Reisen zu einer geplanten Lesung nach Zürich.

Zu Unrecht vergessen

«Reisen habe ich immer gern wollen, nicht nur hinaus aus dem eigenen Land und nationalistischen Vorurteilen, sondern auch hinaus aus der bürgerlichen Familie mit ihrer Enge und ihren Konventionen. Vielleicht begann es schon in meiner Studienzeit mit den Reisen, als ich die Kaffeehäuser entdeckte, die mir wie ein Stück Orient vorkamen mit ihren Anekdotenerzählern, Rauchern, Kaffeetrinkern. Doch wirklich ernst wurde es in den Dreissigern, als ich eine Reise begann, die erst in den Fünfzigern mit meiner Niederlassung in Italien zu Ende kommen sollte, zu vorläufigem Ende, da ich mich, sobald ich meine mir so vertraut gewordene Strasse meiner italienischen Kleinstadt verlasse, schon wieder wie eine Reisende fühle.» Die Erzählungen – wohl stark autobiografisch «gefärbt» – sind keine Autobiografie und lassen doch so manche Station und manches Ereignis aus dem Leben der Autorin nachvollziehen. So schildert die Autorin in der kleinen Skizze «Das Grabmal» in ihrer knappen, schnörkellosen Sprache etwa folgende Begebenheit: «Nach ihrem (der Mutter) Tod zog er (mein Vater) zu seinen Brüdern in eine norddeutsche Stadt, doch sie schoben ihn bald in ein Altersheim ab, wohl wegen der Verantwortung; der Schutzkeller war zu klein für alle Hausbewohner; auch konnten sie ihm die jüdische (Ehe-)Frau nicht verzeihen, die sie für alles anklagten: Krieg, Bombardierung und Söhne an der Front. Doch das weiss ich nur aus den Erzählungen meiner Schwester. Man soll ihn verhungert im Heim aufgefunden haben; ob er die Nahrung verweigerte oder ob man ihn bei der plötzlichen Räumung des Hauses vergessen hatte, ist nicht geklärt. Ich habe ihn noch einmal gesehen – auf einer Landungsbrücke an der nord-amerikanischen Küste, aber er war nur eine Erscheinung: es war spät abends, und er hatte den Hut, jenen steifen, preussischen Hut, tief ins Gesicht gezogen. Nach den Angaben meiner Schwester müsste es sein Sterbetag gewesen sein. Danach habe ich noch sein Grabmal gesehen, einen grossen Stein mit vermutlichem Todesdatum – allerdings nur auf der Fotografie, die mir seine Brüder Jahre später aus der norddeutschen Stadt übersandten.»
Heute sind die drei Erzählungsbände vom Buchmarkt verschwunden und prominenten jüngeren literarischen «Fürsprecherinnen» und Rezensenten gewichen, wie Anna Rheinsberg oder Erich Hackl, der zu Tassonis erstem Band «Erinnerungskapsel» ebenso knapp wie treffend festhielt: «Rau und weich zugleich und etwas beunruhigend.» Bemühungen, zum bevorstehenden 100. Geburtstag der Autorin am 3. Dezember das eine oder andere (oder gar das gesamte zugängliche) Werk wieder aufzulegen, sind bisher erfolglos geblieben. Bleibt zu hoffen, dass sich gelegentlich eine Möglichkeit ergibt, die Texte dieser zu Unrecht viel zu wenig wahrgenommenen Autorin einer breiteren und jüngeren Leserschaft wieder zugänglich zu machen.