«Reichtum ist wie Meerwasser»
Von Katja Behling
Ein Arbeitsloser nimmt sich das Leben, eine zahlungsunfähige Familie muss ihre Wohnung räumen, Kleinbürger ertränken ihren Kummer im Alkohol – ein paar junge Arbeiter hingegen werden aktiv und organisieren ein Sportfest, wodurch sie die Kraft der Solidarität erleben. «Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?» entstand 1932, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Gedreht im Kollektiv kommunistischer Künstler mit Revoluzzergeist, unter ihnen Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Sie zeigen eine zerrissene Proletarierklasse, deren ältere, mutlose Hälfte sich im Elend einrichtet, während die andere Hälfte, die sozialistische Jugend, sich parteipolitisch organisiert, Geist und Körper stählt und den Kampf für eine gerechtere Welt aufnimmt.
Im französischen Kinofilm «Das Geld» («L’argent») ist die Hauptfigur in Nöten: Nach hohen Aktienverlusten seiner Bank befindet sich der zwielichtige Spekulant Nicolas Saccard am Rande des Ruins. Als er Falschmeldungen über einen von ihm finanzierten Abenteuerflieger verbreitet, steigen die Kurse seiner Papiere wieder. Saccard wähnt sich und die Bank durch seine Börsenmanipulation vor dem Scheitern gerettet. Allerdings erfährt die Gefährtin des Abenteurers von den Machenschaften und verklagt Saccard wegen Aktienschwindels. Saccard landet zwar im Gefängnis, vergeudet aber keine Zeit, um einen neuen Coup zu planen… Das Drama auf der Leinwand zeigt, welch zerstörerische Wirkung Geld auf Menschen haben kann, und prangert ein Finanzgebaren an, das auf Gewinn um jeden Preis ausgerichtet ist. Gedreht wurde in der Pariser Börsenhalle, Spekulanten wuseln herum wie in einem Ameisenhaufen, immer dem neuesten Aktientrend auf der Spur. Doch dieser Spielfilm ist nicht etwa 2009 entstanden, angeregt von der globalen Finanzkrise – der Streifen stammt aus dem Jahr 1928. «Das Geld» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emile Zola (1840–1902). Der Autor erzählt darin von Börsenspekulanten und ihren grossen und kleinen Opfern und Intrigen. Zola beschreibt, wie das Spiel von Wechselscheinen, Wertpapieren, Aktien und Banknoten funktioniert und welche Folgen das Jonglieren mit den Geldern an der Börse hat: Während die Händler und Makler – trotz Spielsucht, trotz teils enormer Verluste – immer noch wohlhabend und gesichert leben können, sind die Kleinanleger und Gutgläubigen die grossen Verlierer. Die einen hecken Millionen-Geschäfte aus, die anderen haben Angst vor der Pfändung.
Geld regiert die Welt
Zwar gilt «Das Geld» als eines der Meisterwerke der Stummfilmzeit. Besser in kollektiver Erinnerung geblieben – und dabei ähnlich sozialkritisch – ist allerdings ein anderes cineastisches Highlight: «Moderne Zeiten» («Modern Times») von 1936, Charlie Chaplins legendäre Satire auf die mechanisierte, seelenlose Arbeitswelt und die Unmenschlichkeit ihrer Maschinen. Chaplin spielt einen Fabrikarbeiter: eines der Schafe der Herde. Am Fliessband einer Maschinenfabrik kämpft er gegen die Monotonie seiner Arbeit. Auch als er in ein überdimensional grosses Räderwerk gerät, dreht er weiter brav die Schrauben fest. Hinter den Maschinen steht ein menschenverachtender Kapitalismus, symbolisiert durch einen gewaltigen Überwachungsmonitor. «Moderne Zeiten» setzt sich für seine Zeit überraschend kritisch mit den sozialen Verhältnissen nach der Weltwirtschaftskrise auseinander. Und erinnert an den ein Jahrzehnt zuvor entstandenen Ufa-Stummfilmklassiker «Metropolis». Dieses Meisterwerk wurde im Januar 1927 in Berlin uraufgeführt und war bei den diesjährigen Berlinale-Filmfestspielen im Februar erstmals im vom Regisseur Fritz Lang favorisierten «Director’s Cut», einer Langversion, zu sehen: Ein Film über eine Zukunftsstadt, die an ihren sozialen Widersprüchen zu zerbrechen droht. Während die Reichen auf der Oberfläche leben, müssen die Arbeiter unter der Erde schuften und in Massenunterkünften hausen. Sowohl in Chaplins «Moderne Zeiten» als auch in Fritz Langs «Metropolis» sind die Arbeiter den sie beherrschenden Grosskapitalisten ausgeliefert, von ihnen verbraucht und buchstäblich gefressen. Und doch: Sie haben überhaupt noch einen Job.
Ratternde Maschinen und Fliessbänder wurden zur Metapher einer Ära. Modernität hiess: Kapitalismus. Mit Fabrikdirektoren auf der einen und kleinen Leuten auf der anderen Seite. Erich Kästner thematisierte diese Verhältnisse nicht nur in seiner Kindergeschichte «Pünktchen und Anton». Sein Roman «Fabian. Die Geschichte eines Moralisten» erschien 1931 und gilt als eine der brillantesten Satiren auf die Zustände während der grossen Weltwirtschaftskrise um 1930.
Im Jahr 2009 war Bodo Kirchhoffs Roman «Erinnerungen an meinen Porsche» einer der ersten, dessen Story zur aktuellen Finanzkrise passte. Gegenwärtig kommentiert etwa der Schriftsteller Kristof Magnusson die Finanz- und andere Krisen. In dessen Buch «Das war ich nicht» geht es um einen Derivatehändler – jung, erfolgshungrig –, der an seinem Zocker-Terminal aus Versehen mit ein paar Mausklicks zur falschen Zeit eine Katastrophenlawine auslöst. Auch das Fernsehen befasste sich Anfang 2010 mit dem Thema Finanzspekulation. In der Hochstapler-Komödie «Gier» spielt Ulrich Tukur einen Anlagebetrüger im Investitionsrausch. «Reichtum ist wie Meerwasser. Je mehr man davon trinkt, umso durstiger wird man», sagt der joviale Selfmademan im Film breit lachend – als er noch nicht als Beutelschneider entlarvt worden ist. Andererseits benutzt keiner seiner Anlage-Kunden angesichts aberwitziger Renditeversprechen den Verstand, jeder drückt dem Blender noch mehr Geld in die Hand, ja eifert noch danach, zu seiner Entourage zu gehören. Und auch die Banken spielen eine traurige Rolle in diesem abgekarteten Spiel um den Traum vom schnellen Geld.
Flucht in die Illusion
Nicht nur Film und Literatur haben die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen thematisiert. Auch die Musik. In der kaleidoskopischen Welt der Weimarer Republik um 1930 waren Sänger wie die Comedian Harmonists beliebt und international berühmt. Auch die Operette, einschliesslich Tonfilmoperette, befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Auf die Weltwirtschaftskrise und den Sound der Depression bezogen sich die wenigsten erfolgreichen Unterhaltungskünstler. Nur vereinzelt thematisierten zeitgenössische Liedtexter die sich verdüsternden Zeiten. Das Kabarett tat es.
Auch David Weber mit dem «Lied der Arbeitslosen. Stempellied» von 1929. Hinter dem Namen verbarg sich der berühmte jüdische Operetten-Librettist Robert Gilbert («Ein Freund, ein guter Freund»), der seine sozialkritischen Arbeiterlieder unter diesem Pseudonym herausbrachte. Vertont wurde das «Stempellied» von Hanns Eisler. Es traf den Nerv der Zeit, in der Millionen von Arbeitslosen «stempeln» gingen. Doch viele Menschen sehnten sich weniger nach sozialkritischen Tönen als danach, ihr tagtägliches Elend zeitweise vergessen zu können. Revuen waren gut besucht, Operettentheater freuten sich über ausverkaufte Häuser, Schellackplatten gingen zu Hunderttausenden über die Ladentische. Die wichtigste Rolle bei der Flucht aus dem Alltag aber spielte – neben dem häuslichen Rundfunkempfänger – tatsächlich das Kino. Auch und gerade in den Jahren der grossen Krise besuchten Millionen von Menschen wöchentlich das Lichtspielhaus. Der schöne Schein auf der Leinwand machte die Zuschauer, wenn auch nur für Stunden, die triste Realität vergessen: Dem Eskapismus im Zuschauerraum stand die Wirklichkeit hinter den Kulissen und auf den Strassen gegenüber. Die Traumfabrik spielte während der Weltwirtschaftkrise eine wichtige psychologische und ideologische Rolle. Liebesfilme, Western und Gangster-Geschichten waren beliebt. Auf der Höhe der Weltwirtschaftskrise wurde der Humor zur Waffe, auch um die Werte der Mittelschicht – die im Abstieg begriffen war – zu konterkarieren. Was für die einen die durch Spannung, Romantik, Erotik oder Humor bewirkte Flucht aus dem harten Überlebenskampf war, darin sahen die anderen Opium fürs Volk: Die einlullende Traumwelt auf Zelluloid dämpfe die Tatkräftigkeit der (trägen) Massen. Und deren Radikalität. Vermutlich hat in der Zeit der Grossen Depression und politischer Unruhen infolge der Weltwirtschaftskrise kaum ein Medium mehr zur Erhaltung von Durchhaltemoral beigetragen, mehr Zuversicht und Hoffnung geschenkt, als das Kino. Der Traum vom schnellen Geld hat überlebt. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.