Rehabilitiert – aber nicht gewürdigt

von Gisela Blau, April 2, 2009
Ein deutscher Historiker hat das zweite Buch über den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger geschrieben.
PAUL GRÜNINGER Es dauerte über 50 Jahre bis zu seiner Rehabilitierung

Im Rückblick scheint es fast wie ein Wunder, dass Paul Grüninger doch noch rehabilitiert wurde. Von 1938 bis zu seiner Entlassung Anfang 1939 fanden Hunderte jüdischer Flüchtlinge aus Österreich dank dem Polizeihauptmann Einlass in den Kanton St. Gallen. Dafür wurde Grüninger verurteilt und bekam keine Rente. Erst der zehnte Anlauf führte zu seiner Rehabilitierung.
Die Geschichte dieser von den St. Galler Regierungen während Jahrzehnten abgelehnten Ehrenrettung liest sich wie ein Thriller, obwohl es sich um eine mustergültig aufbereitete Dissertation handelt. «Gerechtigkeit für Paul Grüninger. Verurteilung und Rehabilitierung eines Schweizer Fluchthelfers (1938–1998)» aus dem Kölner Böhlau-Verlag mit einem Vorwort von Jacques Picard wurde diese Woche durch die Grüninger-Stiftung in St. Gallen vorgestellt.

Ein spät berufener Historiker

Der Autor Wulff Bickenbach bekam für sein Werk den Doktortitel der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er ist ein spät berufener Historiker: Eben 67 Jahre alt geworden, ging er nach der Matura zur deutschen Luftwaffe, bis er 1960 als Oberst seinen Abschied nahm. Er begann, Geschichte zu studieren. 1942 geboren, fragte er als Sechzehnjähriger seine Eltern, ob sie Informationen über die Judenverfolgung gehabt hätten. Der Vater, ein Ingenieur bei Mannesmann, der nie Soldat gewesen war, sagte, er habe nichts gewusst. Aber die Mutter bestätigte, dass sie Bescheid gewusst habe. «Das hat mich tief beeindruckt», erinnert er sich.
In einer Vorlesung seiner Doktormutter Ursula Romberg-Jaschinski stiess Bickenbach auf das Thema, das ihn nicht mehr loslassen sollte. «Es war die Zeit der Schweizer Raubgold-Debatte», sagt Bickenbach zu tachles. «Ich beschloss, mich in den Fall Grüninger einzuarbeiten, und fuhr nach St. Gallen. Im Staatsarchiv wühlte ich mich durch die Dokumente – und blieb am Thema hängen.» Im Gegensatz zu Stefan Keller, der bereits 1992 seine Recherchen als Artikelserie in der «Wochenzeitung» (WoZ) und 1993 als Buch («Grüningers Fall») publiziert hat, gab es bei Wulff Bickenbach keine Widerstände gegen seine Forschung: «Jeder, den ich ansprach, stellte sich zur Verfügung», lobt er. «Ich freue mich, dass sich noch jemand des Themas angenommen hat», sagt Stefan Keller, dem noch nicht alle Quellen zur Verfügung gestanden sind.
Mehrfach und lobend erwähnt der Autor Myrthe Dreyfuss, damals Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Sie stiess 1990 durch eine Radiosendung auf das Thema, als der St. Galler SP-Kantonsrat Hans Fässler eine Anfrage an die Regierung richtete. Sein Parteikollege Paul Rechsteiner hatte schon 1984 Grüningers Rehabilitierung verlangt, war aber erst 1995 mit seinem Anliegen erfolgreich. Dreyfuss konsultierte das SIG-Archiv, fand die Recherchen von Heinz Roschewski zum Thema Grüninger und rief Fässler an. Nach der Ablehnung des Postulats wurde der Verein «Gerechtigkeit für Paul Grüninger» gegründet. Dreyfuss nahm auch an einer Unterredung mit der St. Galler Regierung teil. «Ich baute ihnen eine goldene Brücke, indem ich den
J-Stempel ins Spiel brachte», sagt sie. «Er war eine Hintertür, der einen Teil der Schuld von ihren Schultern nahm und dem Bund aufbürdete.»
Dennoch dauerte es noch mehrere Jahre, bis die Gruppe am Ziel war. «St. Galler Juden rieten mir, ich solle die Finger von Grüninger lassen, er habe einiges auf dem Kerbholz», empört sich Dreyfuss noch heute. «Nichts davon stimmte, aber sie rührten keinen Finger.» Aber sie nimmt die Gemeinde trotzdem in Schutz, weil sie 1938 nur 561 Personen zählte und dennoch für Hunderte von Flüchtlingen aufkommen musste.

«Unerbittlich feindselige Einstellung»

Bei Bickenbachs Recherchen kam ein Brief zum Vorschein, den Arie Avidor,
damals Botschaftsrat der israelischen Botschaft in Bern, am 12. September 1991 an Simon Rothschild, damals Präsident der Jüdischen Gemeinde St. Gallen, geschrieben hatte. Stefan Keller, beauftragt mit der historischen Aufarbeitung, dürfe als Redaktor der WoZ mit seiner «unerbittlich feindseligen Einstellung» gegenüber Israel keine Funktion im Verein «Gerechtigkeit für Paul Grüninger» ausüben. Der damalige Botschafter Gwir war selber als Bub mit seiner Familie aus Belgien über die Schweizer Grenze geflüchtet, erinnert sich Dreyfuss.
Arie Avidor, heute Leiter der Europa-Abteilung im israelischen Aussenministerium, konnte nicht für einen Kommentar erreicht werden, und Simon Rothschild erinnert sich nicht an den Brief. Aber daran, weshalb er als Mitglied im Verein damals zögerte, öffentlich für die Rehabilitierung aufzutreten: «Ich befand mich mitten in den Verhandlungen mit der Regierung über die öffentlich-rechtliche Anerkennung der Gemeinde St. Gallen», sagt er. «Diese wollte ich nicht gefährden. Aber hinter den Kulissen tat ich, was ich konnte.»
1993 wurde Grüninger in St. Gallen politisch rehabilitiert. Nun hing die juristische Rehabilitierung noch von einem Schuldeingeständnis des Bundes ab. Anfang Juni 1994, vor der Erklärung des Bundesrates im Parlament, rief Paul Rechsteiner Dreyfuss an und sagte, die Rede sei «Wischiwaschi». Sie sei jetzt die Einzige, die noch helfen könne. «Ich telefonierte so lange nach Bern, bis Bundesrat Koller bereit war, den Judenstempel als Unrecht zu bezeichnen und damit die Vor-aussetzungen für die Wiederaufnahme zu ermöglichen», erinnert sich Myrthe Dreyfuss. Das geschah am 13. Juni 1994. 1995 folgte der Freispruch Grüningers im gleichen Bezirksgerichtssaal wie bei seiner Verurteilung.
«St. Gallen hat Grüninger wohl rehabilitiert, aber nicht gewürdigt», sagt Bickenbach. Die erste Strasse, die seinen Namen tragen sollte, war ein schäbiger Feldweg. Die Benennung des Stadions seines Fussballclubs FC Brühl nach ihm wurde zuerst abgelehnt. Zur Einweihung des Paul-Grüninger-Platzes erschien kein Mitglied der Stadtregierung. Bickenbach wundert sich: «St. Gallen hat Grüningers Ehre wieder hergestellt, aber seinen Frieden mit ihm noch nicht gemacht.»