Reformversuche auf die sanfte Tour
Als Nadja Gut im letzten September an eine Sitzung des Centralcomités des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) fuhr, fragte sie sich, ob es sich wirklich lohne, ihre Zeit hier zu investieren. Seit drei Jahren vertritt sie die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) im «Parlament» des jüdischen Gemeinde-Dachverbands, und es störte sie, dass sich nie etwas bewegte. In einem der Papiere, welche die Geschäftsleitung (GL) regelmässig den Mitgliedern des Centralcomités (CC) abgibt, befand sich auch ein Bericht über die zweite Hälfte der GL-Amtszeit bis 2012, und darin fiel ihr der Punkt «Prüfung und Umsetzung interner Reformen» auf, doch er war nicht konkret oder verbindlich formuliert. An dieser Dezember-Sitzung stellte sie nun anhand dieses Papiers die Frage, wie sichergestellt werden solle, dass es den SIG auch in der nächsten und übernächsten Generation noch gebe. Aufgrund von Gesprächen mit jungen Leuten wusste sie, dass es Zeit war, sich konkret Gedanken über Reformen zu machen, um auch die Jungen ins Boot zu holen. Als Mittvierzigerin war Nadja Gut die Jüngste im CC gewesen (seit Kurzem gibt es noch einen etwas jüngeren Vertreter von Biel). So stellte sie den Antrag, Änderungen in Angriff zu nehmen, und er wurde angenommen.
Aus Nadja Guts Antrag entwickelte eine vierköpfige Arbeitsgruppe, der sie auch selber angehörte, in getrennten Brainstormings mit der GL, dem CC und einer Gruppe von 20 jungen Gemeindemitgliedern aus der ganzen Schweiz Zukunftsvisionen für den SIG. Unter Leitung des erfahrenen Politexperten Iwan Rickenbacher entstand das Papier «Der SIG – bereit und offen für die nächste Generation». Dieser Bericht mit sechs Anträgen wurde den 100 Delegierten des SIG zugestellt. Wird er an der bevorstehenden Delegiertenversammlung (DV) angenommen, könnte erstmals seit 70 Jahren ein Reformvorhaben des SIG Veränderungen bewirken. «Wir wollen die Legitimierung bei den Delegierten abholen, um weitermachen zu können», sagt Nadja Gut. «Zum ersten Mal sollen Junge beteiligt werden.»
Neue Ansätze, neue Dynamik
Die anvisierte Arbeitsgruppe, die bis zur DV 2012 (ausgerichtet von der dannzumal ihren 150. Geburtstag feiernden ICZ) einen konkreten Umsetzungsvorschlag vorlegen muss, soll aus je zwei Vertretungen des CC, der GL, der Delegierten und der jüngeren Generation bestehen, die «gleich mit loslegen» können, wie Gut hofft. Die Delegierten ihrer Gemeinde treffen sich nächste Woche zur üblichen Vorbereitungssitzung vor der Delegiertenversammlung (DV). André Bollag, Co-Präsident der ICZ, sagt, er hoffe, dass die ICZ-Delegierten entscheiden, das Anliegen seiner CC-Kollegin Gut an der DV zu unterstützen.
Die sechs Anträge klingen vernünftig, aber nicht etwa revolutionär. Nadja Gut: «Wir wollen einen mehrheitsfähigen Antrag vorlegen.» Jonathan Kreutner, SIG-Generalsekretär, teilt diese Meinung. Er war Mitglied der Vorbereitungsgruppe und ist auch als Mitglied der jungen Generation persönlich begeistert von der Arbeit: «Seit den vierziger Jahren gab es im SIG immer wieder Reformbestrebungen, die zu nichts führten. Wir haben jetzt zwei ganz neue Ansätze gewählt: Erstens ist unser Papier erstmals so breit abgestützt, von der GL bis zu den Jungen, dass sich alle darin wiedererkennen. Und zweitens werden keine Statutenänderungen beantragt, denn diese sind bisher immer gescheitert. Wir gehen pragmatisch vor, um unser Ziel zu erreichen, den SIG zu renovieren. Ich spüre bereits jetzt eine ganz neue Dynamik, in der GL, in den Gemeinden. Ich hoffe, dass die DV dem Antrag die notwendige Chance gibt.»
Überraschende Übereinstimmungen
Iwan Rickenbacher strukturierte die Brainstormings, so dass keine unrealistischen Visionen, sondern machbare Vorschläge Einlass fanden. Er sei überrascht, wie vorbehaltlos sich alle drei Gremien auf die Diskussionen einliessen, sagt Rickenbacher. Und: «Bei möglichen Reformschritten gab es eine erstaunliche Übereinstimmung.» Eine Begleitung der neuen Arbeitsgruppe schliesst Iwan Rickenbacher nicht aus, sofern dies gewünscht werde. Seit Jahren arbeitet er immer wieder mit der SIG-GL zusammen, wenn eine externe Beratung oder neutrale Moderation gefragt sind. Die vier Mitglieder der Vorbereitungsgruppe befürworten Rickenbachers weitere Begleitung der Arbeiten.
Sabine Simkhovitch, Vizepräsidentin des SIG, war als Mitglied der Vierergruppe an zwei der drei Brainstormings dabei und betont ebenfalls, dass erstmals Reformen ohne den Antrag auf Statutenänderungen anvisiert werden: «Wir wollen den Spielraum in den bestehenden Strukturen ausnützen.» Es habe nie die sonst üblichen Spannungen gegeben, die Diskussionen seien dank Iwan Rickenbacher sehr positiv und mit guter Dynamik verlaufen, auch im CC, wo sich alle beteiligten. «Ich sehe ganz konkrete Chancen für unsere Vorschläge», sagt Simkhovitch. «Ich bin sehr optimistisch, ich hoffe, dass wir vorwärts machen dürfen, auch wenn wir nicht alles auf einmal verwirklichen können.»
Brigitte Halpern, frühere Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern und Vizepräsidentin des CC, ist begeistert von den konstruktiven Diskussionen im CC und in der Gruppe der Jungen, bei denen sie anwesend war, und beeindruckt vom Input und der Zusammenfassung durch Iwan Rickenbacher: «Ich habe den Eindruck, dass sich diesmal alles anders entwickeln kann als früher, weil keine Statutenänderungen verlangt werden, die alles blockieren würden.» Auch im CC hätten alle konstruktiv mitgemacht, von den Säkularen bis zu den Orthodoxen, das sei eine tolle Erfahrung gewesen. Überrascht war Halpern, dass sich die Anliegen der Jungen nicht so stark von jenen des CC unterschieden: «Ich bin optimistisch, dass sich jetzt wirklich etwas bewegt, damit der SIG für die Jungen attraktiver wird. Es braucht dazu auch eine gute Kommunikation zwischen dem SIG und den Gemeinden.»
SIG-Präsident erhofft Annahme
Die Beziehungen des SIG zu den Gemeinden beurteilt Herbert Winter, Präsident des SIG, positiv: «Nach innen ist die Arbeit leichter geworden. Im Gegensatz zu früher, als der SIG häufig internen Zerreissproben, auch auf personeller Ebene, ausgesetzt war, stelle ich heute fest, dass wir bei den Gemeinden grösstenteils auf gute Zusammenarbeit zählen können. Wo es Auseinandersetzungen gibt, werden diese weitgehend sachlich und konstruktiv geführt.»
Ausser dem Antrag der Arbeitsgruppe «Reformen» wird die DV so verlaufen wie meistens, am Vorabend wieder mit Israel im Fokus. Winter: «Wir möchten uns jedes Jahr neu überlegen, welches das geeignete Format für die jeweilige Delegiertenversammlung ist. In Bern wird es nicht wie in früheren Jahren ein Referat, sondern ein Gespräch zwischen einem Gast und einem Moderator geben. Israel ist eines der beiden Hauptthemen des Vorabends, das andere Hauptthema ist der Eintrag von alt Bundesrat Couchepin und unserem früheren Präsidenten Al-fred Donath ins Goldene Buch des SIG. Israel liegt uns allen am Herzen, und gerade in einer Zeit, in der die weiteren Entwicklungen im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf Israel unabsehbar sind, erschien es uns wichtig und richtig, dies zu thematisieren.»
Arbeitsprozesse optimieren
Winter betont: «Es geht darum, in einer breit abgestützten Arbeitsgruppe Ziele und Aufgabenverteilung zwischen SIG und Gemeinden zu definieren, Arbeitsprozesse zu optimieren, neue Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und in erster Linie den SIG für die jüngere Generation attraktiver zu gestalten. Gerade weil auch die in der Erarbeitung dieses Papiers involvierten Gremien, die Geschäftsleitung, das CC und die jungen Erwachsenen erkannt haben, dass es schwierig ist, kurzfristig statutarische Strukturänderungen durchzuführen, waren sich alle Gremien darüber einig, dass man einen realistischen, gangbaren Weg innerhalb der bestehenden Statuten suchen soll. Das heisst aber nicht, dass in Zukunft nicht auch die Statuten in Angriff genommen werden sollen. Weil dieses Papier auf einer breiten Basis abgestützt ist, gebe ich ihm gute Chancen. Ich hoffe, dass die darin genannten Anträge in der DV angenommen werden, und bin überzeugt, dass sich die zu etablierende Arbeitsgruppe schnell und effizient an die Arbeit macht und in einem Jahr positive Ergebnisse vorweisen kann.»
Positiv umgesetzt wurde bereits der Auftrag der letzten DV, der SIG müsse sich stärker für jüdische Eheschliessungen einsetzen. Winter: «Das Jugendressort des SIG hat im Laufe des letzten Jahres mit grossem Effort eine Reihe von Events für junge Erwachsene mitorganisiert und unterstützt. Für dieses Jahr ist zudem noch ein grösserer Event geplant.»