Reformer für die Reform
Im Juni will der Dachverband des amerikanischen Reformjudentums den New Yorker Rabbiner Richard Jacobs offiziell zum Nachfolger Eric Yoffies ernennen. Dieser stand der etwa 1,5 Millionen Mitglieder starken und 920 Gemeinden umfassenden Bewegung 16 Jahre lang vor. Jacobs soll sein Amt im kommenden Jahr antreten. Er hat bereits angekündigt, dass die Reform vor einem «aufregenden neuen Kapitel» in ihrer Geschichte steht und er nach neuen Wegen suchen wird, um die Bedeutung und den Zusammenhalt der auf die zwanziger Jahre im 19. Jahrhundert zurückgehenden Strömung zu stärken. Richard Jacobs leitet seit 1991 den Westchester Reform Temple in Scarsdale. In seiner Amtszeit ist die Gemeinde in dem wohlhabenden New Yorker Vorort von 900 auf über 1200 Familien angewachsen. Mitglieder schätzen nicht zuletzt das breite Angebot des Gotteshauses für Kinder und Jugendliche.
Vielseitig und charismatisch
Hochgewachsen, schlank und eloquent, gilt Jacobs als Vertreter einer progressiven Auslegung des Prinzips «tikkun Olan». Im Namen der sozialen Gerechtigkeit trat der 55-Jährige ebenso gegen den Völkermord in Darfur ein wie für die Hilfsmassnahmen der Wohlfahrtsorganisation American Jewish World Service nach dem letztjährigen Erdbeben in Haiti. Jacobs sitzt im Vorstand der Organisation. Über globale Anliegen hat er seine engere Umgebung nicht vergessen. So hat die Gemeinde in Scarsdale ihren Tempel unter Jacobs’ Ägide nach modernsten ökologischen Standards renoviert. Als ehemaliges Mitglied und Choreograf des 1973 gegründeten Avodah Dance Ensemble ist er zudem an Kunst und Kultur interessiert.
Der vielseitige und charismatische Rabbiner versteht die Reformbewegung als «grosses Zelt», das erneut zum Schauplatz lebhafter Debatten werden soll. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Jacobs klare Vorstellungen über die Zukunft seiner Bewegung fehlen, die in den letzten Jahren Mitglieder und politisch Einfluss verloren hat. Die Reform ist dennoch weiterhin die stärkste Strömung des amerikanischen Judentums. Jacobs’ Bereitschaft, Klartext zu sprechen, wird unter anderem an seinem Engagement in der progressiven «Israel-Lobby» JStreet deutlich. Er gehört dem rabbinischen Beirat des drei Jahre alten Verbands und zudem dem Vorstand der linksliberalen Stiftung New Israel Fund an, die sich für eine Zweistaatenlösung im Palästinakonflikt einsetzt. Diese Positionen werden stets von rechten Kritikern genannt, die sich vor allem in der Blog-Sphäre über die Nominierung von Jacobs erregen und ihn als eingefleischten Feind Israels bezeichnen.
Ein Friedensstifter
Die Angriffe haben jüngst den Chefredaktor des New Yorker «Forward» J. J. Goldberg zu einer scharfen Replik veranlasst. Goldberg bezeichnete Jacobs als liberalen Zionisten, der ideologisch «im Zentrum des amerikanischen Judentums steht und Israel als demokratischen und jüdischen Staat sowie eine tiefe und reife Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora unterstützt.» Für Goldberg repräsentiert Jacobs den liberal-progressiven jüdischen «mainstream» in den USA, der sich zunehmend von der nach rechts driftenden Politik Israels brüskiert fühlt. Dabei betont der bekannte Journalist, dass Jacobs auch dem orthodoxen Think Tank Shalom Hartman Institute in Jerusalem angehört und in der Stadt einen Wohnsitz unterhält. Goldberg bezeichnet den Rabbiner als einen «Friedensstifter, den Israel noch brauchen wird». Tatsächlich sollte Jacobs’ Verbundenheit mit Israel ausser Zweifel stehen. Der Westchester Reform Temple pflegt eine Partnerschaft mit der Synagoge Kehilat Mevasseret Zion ausserhalb von Jerusalem. Der Rabbiner hat zahlreiche Reisegruppen seiner Gemeinde nach Israel geführt und sie dort mit der ganzen Bandbreite der Gesellschaft bekannt gemacht, von Siedlern bis linken Journalisten.
Ernüchternde Bilanz
Jacobs’ Nähe zu JStreet markiert jedoch durchaus eine Differenz zu Rabbi Yoffie, der den Verband jüngst mehrfach als zu «weich» Iran und Israel gegenüber als zu kritisch bezeichnet hat. Dies dürfte jedoch nicht der einzige Reibungspunkt zwischen Yoffie und seinem Nachfolger sein. Jacobs gehört einer Gruppe von Reformrabbinern an, die sich Rabbinic Vision Initiative nennt und im Februar ein aufsehenerregendes Positionspapier über den aktuellen Zustand der Strömung publiziert hat. Die Denkschrift trägt den Titel «Urgent Change, Lasting Transformation» («Dringlicher Wandel, dauerhafte Transformation») und wirft einen ernüchternden Blick auf den Zustand der Reformbewegung und des amerikanischen Judentums insgesamt.
Das Papier fasst zunächst die Herausforderungen der Reform zusammen. Dazu gehört die abnehmende Bindung amerikanischer Juden an ihre Tradition, ihren Glauben und ihre Gemeinschaft. So gehöre nur noch ein Drittel von ihnen Synagogen an. Dies gehe mit einer grenzenlosen Ausweitung des jüdischen Selbstverständnisses und einer Aufweichung der Unterschiede zwischen den Strömungen einher. Hand in Hand damit nehme die Zahl der Mischehen und der nicht jüdischen Ehegatten in Gemeinden zu, die nicht konvertieren wollen. Speziell die 20- bis 30-Jährigen seien so weitgehend in den amerikanischen «mainstream» integriert, dass Denominationen für sie «irrelevant» seien. Dies bedeute auch, dass Israel für junge Juden zunehmend an Relevanz verliere.
Rückbesinnung und Neubeginn
An diese Bestandesaufnahme knüpft die Rabbinic Vision Initiative zunächst eine deutliche Kritik am Dachverband ihrer Strömung, der Union for Reform Judaism. Diese habe unzulänglich auf die dramatischen Veränderungen im jüdisch-amerikanischen Leben rea-giert und werde von einer veralteten, unflexiblen und den Mitgliedern fernen Organisationsstruktur behindert, die es schon aus Kostengründen zu «verschlanken» gelte. Zudem bedürfe es effektiverer Anstrengungen beim Fundraising, das jedoch nur auf Grundlage einer zukunftsfähigen Vision möglich sei. Die Rabbinic Vision
Initiative fordert eine Rückbesinnung auf die im Kern der Bewegung liegende Erziehung, auf Spiritualität und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Dies soll mit der Einführung «sozialer Medien» und anderer, zeitgemässer Kommunikationsmittel flankiert werden, um einen intensiven Dialog der Mitglieder zu ermöglichen.
Abschliessend formuliert die Denkschrift nichts weniger als einen Neubeginn aus der Rückbesinnung auf die Tradition der Bewegung: «Wir verpflichten uns der heiligen Mission des Reformjudentums, der dynamischen, ewig-veränderlichen und sich weiter entwickelnden, lebendigen Tradition jüdischen Lebens. Wir müssen gemeinsam in einen gründlichen und umfassenden Prozess der Selbstprüfung eintreten und unsere Bewegung dahin reorganisieren, dass wir auch künftig die dynamische Kraft sein werden, die unsere Vorfahren vor so vielen Jahren geschaffen haben.» Auf das «grosse Zelt» der Reformbewegung dürften damit lebhafte Zeiten zukommen.