Reeder und Mäzen
Anfang Juni starb Sammy Ofer, der als reichster Mann Israels galt, im Alter von 89 Jahren in Tel Aviv. Sammy Ofer und sein Bruder Yuli machten aus ihrer Reederei-Firma Israels bedeutendstes Privatunternehmen. Das Vermögen der Ofer-Brüder, die sich auch auf dem Öl-, Chemie-, Finanz- und Medienmarkt engagierten, die Einkaufszentren, Hotelketten und einen beträchtlichen Anteil an der israelischen Bank Mizrahi Tefahot hielten, wird auf zehn Milliarden Dollar geschätzt. Anders ausgedrückt: «Forbes» setzte Ofer auf Platz 109 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt. Begonnen hatte der Aufstieg mit einer kleinen Schiffsagentur in Haifa.
Vom Boten zum Reeder
Ofer wurde 1922 als Shmuel Hershkovitz in Rumänien geboren und emigrierte 1924 mit seiner Familie nach Haifa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Sammy und sein Bruder Yuli Hershkovitz änderten später den osteuropäischen Familiennamen und nannten sich Ofer. Sie bauten das Familiengeschäft, die Schiffsagentur, zu einem international einflussreichen Firmengeflecht aus. Der junge Sammy, der im Zweiten Weltkrieg im Mittelmeerraum in der Royal Navy und 1948 in der israelischen Marine gedient hatte, begann nach der Schule als Bote einer Reederei. Am Anfang seiner eigenen Karriere als Reeder soll er von dem Wunsch getrieben gewesen sein, einmal selbst ein Boot zu besitzen – es wurde eine ganze Flotte, Kreuzfahrtschiffe inklusive. 1950 kaufte Ofer sein erstes Schiff. In den fünfziger Jahren – und bis zuletzt – widmete Sammy Ofer sich mit seinem Bruder der Expansion des Familienunternehmens, das als Mischkonzern in vielen Feldern erfolgreich ist. In den sechziger Jahren zog Ofer nach London und führte sein Business von dort aus. Sein Geld investierte er in Israel, wohin er, nach Jahren in Monaco, vor wenigen Jahren endgültig zurückkehrte. Sein Sohn Eyal M. Ofer, der unter anderem Architektur studierte, ist Chef der Immobilieninvestmentfirma Ofer Global Holdings und anderer Immobilienunternehmen wie Carlyle M.G. und Miller Global. Miller Global realisierte zahlreiche Grossprojekte – Hotels, Wohnungen, Industriebauten – in osteuropäischen Ländern wie Polen, Bulgarien, Lettland, Georgien, Tschechien und der Türkei, ist aber auch in Amerika und Deutschland aktiv. Auf der Webseite der deutschen Immobilien- und Staatsfinanzierungsbank Eurohypo ist Eyal Ofer zudem als Mitglied des internationalen Beirats aufgeführt.
Kurz vor seinem Tod Anfang Juni geriet der Konzernherr Sammy Ofer in die internationalen Schlagzeilen. Die Ofer-Brüder sollen, dies gab ein Sprecher des US-Aussenministeriums Ende Mai bekannt, das Embargo gegen den politischen Feind Iran unterlaufen und der staatlichen iranischen Reederei (IRISL) im vergangenen Herbst über eine Tochtergesellschaft namens Tanker Pacific unter anderem ein Öl-Tankschiff für rund 8,6 Millionen Dollar verkauft haben. Weil das israelische Schifffahrt-Konglomerat damit gegen das Verbot von Handelsbeziehungen mit Iran verstossen habe, kündigte US-Aussenministerin Hillary Clinton Sanktionen gegen das Firmen-Konsortium der Ofer-Brüder an – mögliche Sanktionsinstrumente wären Verweigerung von Export-Lizenzen oder Krediten bei US-Banken. Ein Anwalt der Beschuldigten bestritt die Vorwürfe. Spekulationen israelischer Medien, wonach der Auslandsgeheimdienst Mossad in den so komplizierten wie heiklen Tanker-Deal verstrickt sein könnte, sind nicht verstummt. Wie der «Spiegel» berichtete, waren die verbotenen Geschäfte womöglich nur Tarnung: Laut der britischen «Sunday Times» sollen die Frachter des Schiffsmagnaten Spione, Spezialeinheiten und militärisches Gerät nach Iran gebracht haben, um an Informationen über dessen Atom-Programm zu kommen.
Lebensthema Seefahrt
Mag der Name Ofer zuletzt auch Schlagzeilen wie in einem Agenten-Thriller gemacht haben, so wird er doch vor allem mit seinem philanthropischen Engagement in Erinnerung bleiben. Die Ofer-Brüder an der Spitze des mittlerweile von Sammys Sohn Idan Ofer geleiteten Familienkonzerns zeigten sich mehrfach als grosszügige Mäzene insbesondere für israelische Institutionen. Ofer soll insgesamt rund 100 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke, etwa Krankenhäuser in Israel, gespendet haben. Eine beabsichtigte Spende in Höhe von 20 Millionen Dollar für das Kunstmuseum Tel Aviv zog Ofer zurück, nachdem die Absicht des Museums, den dadurch ermöglichten Bau nach dem Mäzen zu benennen, für Unmut bei anderen Förderern gesorgt hatte. Etwa diese Summe ging nach London, bestimmt für die Erweiterung des National Maritime Museum in London: Der Schifffahrt-Tycoon unterstützte das Haus generös, mit 20 Millionen Pfund allein die Errichtung eines Flügelanbaus, den nach dem Förderer benannten Sammy Ofer Wing. Das historische National Maritime Museum, Teil des Unesco World Heritage Center, ist das grösste seiner Art weltweit. Pro Jahr besuchen weit über 1,5 Millionen Besucher die Einrichtung. Der neue Anbau wird das Museum noch besser und grosszügiger an den Greenwich Park anbinden, die Exponate und Installationen selbst – von denen viele noch nie zu sehen waren – noch publikumswirksamer inszeniert. Das Museum lädt den Betrachter zur Interaktion ein, wenn er sich audiovisuell in die britische Seefahrtsgeschichte, ihre Erfolge und Tragödien vertieft und Näheres über ihre Helden wie Sir Francis Drake und über Piraten erfährt – und über Themen wie Emigration, Seehandel und Küstenwache.
Der Sammy-Ofer-Flügel stellt dem Haus über 7300 weitere Quadratmeter Fläche zur Verfügung, bietet Platz für Sonderausstellungen, Bibliothek und Archiv sowie einen gastronomischen Bereich. Eingedenk seines Kriegsdienstes bei der britischen Royal Navy und der maritimen Branche, der er seinen immensen Reichtum verdankte sowie in Anbetracht seiner engen Verbindung zu London, von wo er seine Tanker-Flotte über lange Jahre befehligte und wo ihm 2008 die Ehre des Ritterschlages für seine Verdienste um die englische Schifffahrt und das Museum zuteil ward, verwundert es nicht, dass Ofer sich als Grossspender für das dortige National Maritime Museum engagierte. Die Realisierung seines letzten Projektes zu erleben, war Ofer nicht mehr vergönnt: Am 14. Juli wird der Sammy-Ofer-Flügel des Maritime Museum in London feierlich eröffnet.