Rechtsextreme Publikation feiert Jubiläum
Das Schlimmste für die sogenannten «weissen Völker» wäre der Tod durch Fäulnis, die sich schon seit Langem eingenistet habe – mit dieser ebenso rassistischen wie pessimistischen Bemerkung endet Gaston Armand Amaudruz seinen Schlusskommentar in der Nummer 500 seines Blättchens «Courrier du Continent». Aber zuerst beschäftigt sich der Lausanner Altnazi mit dem «politischen Beben», das die Schweiz erschüttere, da den Leuten die «Schweinetour» gegen die SVP überhaupt nicht behage. Doch der Kritik an den SVP-Kritikern folgt umgehend die Kritik an Christoph Blocher, verbunden mit dem Vorurteil über die jüdische Geheimmacht. Blocher sei, so Amaudruz, nach seiner Kritik an der Rassismus-Strafnorm von jüdischen Organisationen kritisiert worden, und folglich habe dessen Abwahl nicht mehr überrascht. Amaudruz schliesst daraus, dass Blocher nun die Volksinitiative der Schweizer Demokraten (SD) für die Abschaffung der Rassismus-Strafnorm unterstützen müsse. Quasi als Busse für einen alten Fehler. Amaudruz seinerseits setzt sein ambivalentes Verhältnis fort. Noch immer wirft er dem SVP-Primus vor, dass dieser 1994 durch seine Ja-Parole die Annahme der ungeliebten Strafnorm erst ermöglicht habe. Dabei hatte Amaudruz schon 1989 einige Hoffnungen in Blocher gesteckt: «Endlich ein Systempolitiker, der die Augen aufmacht.»
«Ethnische Zerstörung» der Schweiz
Das Blättchen «Courrier du Continent» erschien erstmals 1946. Anfang der 1950er Jahre übernahm Amaudruz das Heft und amtete fortan an Redaktor und Verleger, nachdem er bereits 1941 erstmals als Na-tionalsozialist aufgetreten war. Während Jahrzehnten war «Courrier du Continent» das offizielle Organ der Nouvelle Ordre Européen (NOE), einer rassistischen Kleinorganisation, zu deren wichtigsten Exponenten Amaudruz selbst gehörte. Das Blatt umfasst jeweils zwölf Seiten und wird an einige hundert Adressen versandt. Der Inhalt bleibt seit Jahren gleich, in einem ersten Teil «Bloc-Notes» veröffentlicht Amaudruz Zitate aus Zeitungen, gelegentlich mit hämischen Kurzkommentaren versehen. Die «Bloc-Notes» bringen auch Hinweise (samt Bezugsadressen) auf neu erschienene rechtsextremistische Hefte und Bücher, das Heft leistet daher Vernetzungsarbeit.
Dazu kommen regelmässige Rubriken unter dem Titel «Kriminalität» oder «Lois-Baillons» (Knebel-Gesetze) – wie Amaudruz Strafartikel gegen Rassismus und Holocaust-Leugnung zu nennen beliebt. «Courrier du Continent» publiziert weiter Texte von Mitarbeitenden wie beispielsweise des italienischen Anwaltes Edoardo Longo, der über einen Prozess gegen Mitglieder einer italienischen Naziskinhead-Organisation berichtet, bei dem er als Verteidiger auftrat. Andere Mitarbeiter argumentieren eher auf Stammtisch-Ebene: In der Jubiläumsnummer ereifert sich Yann Woltering über die Niederlage der Schweizer Fussballmannschaft gegen Deutschland (0:4). Aber das sei ja auch kein Wunder, meint er, seien doch neun Spieler eingebürgert worden. Nicht nur in dieser Domäne sei die «systematische ethnische Zerstörung» der Schweiz offensichtlich.
Leugnung des Holocaust
Amaudruz, der bis zum Inkrafttreten der Rassismus-Strafnorm selbst einschlägige Literatur vertrieben hat, berichtet regelmässig über Prozesse gegen Holocaust-Leugner. Diese verschwindend kleine Minderheit, so lobt der Altnazi, würde «sich grössten Gefahren aussetzen», dies im Bestreben «Gerechtigkeit dem Deutschen Volk» anzugedeihen zu lassen, und dies wegen dem «grössten Verbrechen, das es nie gegeben habe». Damit verletzt Amaudruz auch in der Jubiläumsnummer die Rassismus-Strafnorm. Zwar ist eine solche Widerhandlung ein Offizialdelikt, doch die Strafverfolgungsbehörden werden erst nach entsprechenden Anzeigen von zivilgesellschaftlichen Akteuren aktiv. Amaudruz ist bereits zweimal wegen Holocaust-Leugnung verurteilt worden. Aus ersehnten öffentlichkeitswirksamen Solidaritätsaktionen wurde allerdings nichts. In seinem Heft bemüht sich Amaudruz allerdings weiter um Solidarisierung. In der Jubiläumsnummer macht er bekannt, dass sich für einen verurteilten französischen Holocaust-Leugner ein Unterstützungskomitee gebildet habe, erreichbar über eine einschlägig bekannte Postfachadresse in Montreux.
Das Heftchen «Courrier du Continent» hat zwar nur eine kleine Auflage, wohl irgendwo zwischen 300 und 500 Exemplaren. Aber auch die 500. Ausgabe will am internationalen Netz für Rassisten, Rechtsextremisten und Holocaust-Leugnern weiterweben, wohl solange bis dem bald 88-jährigen Herausgeber die Kräfte versagen.
Hans Stutz