Radical Jewish Culture
Die Anfänge der Musikrichtung Radical Jewish Culture finden sich im Art Projekt 92 in München, bei welchem John Zorn, Musiker aus New York, einen Programmteil beisteuerte, den er als Festival for Radical New Jewish Culture benannte. Zorn lud Musiker unterschiedlicher Genres aus der New Yorker Untergrundszene ein und veranstaltete später weitere Festivals in New York und 1997 in Berlin.
Historisch-musikalische Auseinandersetzung
Auf dem Festival entschlossen sich John Zorn und Musiker wie David Krakauer, Marc Ribot oder Anthony Coleman dazu, sich in ihrer Musik mehr mit ihrer jüdischen Identität auseinanderzusetzen. Mit dieser historisch-musikalischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Tradition wollten die Musiker zu bewusst jüdischen Musikern werden. Eine Ausstellung des Musée d’art et d’histoire du Judaisme in Paris, welche sich mit Radical Jewish Culture beschäftigte, wurde nun im Jüdischen Museum Berlin in acht Kapitel umgestaltet. Die Ausstellung ermöglicht es den Besuchern, vollkommen in die Musik einzutauchen.
Den Anfang der Ausstellung macht die grösstenteils in Osteuropa entstandene jüdische Volksmusiktradition mit ihren regionalen Einflüssen, die von jüdischen Emigranten in die USA gebracht wurde und Einfluss auf den Swing der Zwanziger-jahre hatte. Nach anfänglicher Ablehnung als «Ghettomusik» wurde diese Stilrichtung als Verbindung von Klezmer, Jazz, Funk, Rock und Blues wieder belebt. Im Mittelpunkt der Ausstellung in Berlin steht das Art Projekt 92, bei welchem ein Manifest verfasst wurde, mit dem auch ein Signal gegen den aufkommenden Antisemitismus in Deutschland und Osteuropa gesetzt werden sollte.
Aussenseitertum
John Zorn, 1953 in New York geboren, ist Komponist, Bandleader und Inhaber des Plattenlabels Tzadik. Er lernte während seines Studiums am Webster College Saxofon, brach die Ausbildung ab und konzentrierte sich mehr und mehr auf die Musikszene in Downtown Manhattan. In den Neunzigerjahren lebte er in New York und Tokio und komponierte musikalische Sequenzen aus verschiedenen Musikgenres.
In dem Manifest von 1992 schrieb er unter anderem: «Mir wurde klar, dass ein Jude jemand ist, der naiv glaubt, dass er, wenn er selbstlos zu seiner Gastkultur beiträgt, akzeptiert werden wird. Aber wir sind Aussenseiter der Welt. Das ist es, was mich anzog – die Kultur des Aussenseitertums.» Die Ausstellungskapitel beleuchten die Entwicklungen der Musikszenen im New York des 20. Jahrhunderts. Das kompositorische Mammutprojekt «Masada», das Zorn in den Jahren 1993 bis 2006 schuf, ist für ihn Sinnbild seiner kulturellen Identität. In Anlehnung an die Zahl der Gebote in der Thora komponierte er 613 einzelne kurze Musikstücke. Mit einem umfangreichen Begleitprogramm ist die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin noch bis zum 24. Juli zu sehen und vor allem zu hören.