Rabbiner und Golan
Die Golanhöhen seien ein integraler Bestandteil des Landes Israel, das «den Stämmen Israels durch göttliche Fügung übergeben worden sei, wie es in unserer heiligen Torah geschrieben steht». So lautet der Kernsatz einer Verlautbarung prominenter zionistischer Rabbiner in Israel unter Führung des ehemaligen Oberrabbiners Avraham Shapira. Ferner erklären die Rabbiner, der Golan sei zu Zeiten des ersten wie des zweiten Tempels ein jüdisches Siedlungsgebiet gewesen, und «gemäss Halacha ist es verboten, Siedlungen in Eretz Israel aufzuheben». Mit dem Argument, der Golan würde das Leben aller Israelis beschützen, rufen die Rabbiner das Volk auf, bei der möglicherweise nicht mehr allzu fernen Volksabstimmung über den Golan ein Nein in die Urne zu legen. Wie jeder Bürger im jüdischen Staate haben auch Rabbiner das uneingeschränkte Recht, ihre Meinung zu äussern und zu versuchen, das Verhalten des Volkes in dem von ihnen gewünschten Sinne zu beeinflussen. Man muss sich allerdings fragen, wie weise diese klar politisch motivierte halachische Erklärung ist. Wenn wir schon Torah und jüdische Gesetzgebung zu Hilfe nehmen, dann sollten wir auch eingestehen, dass nicht der Golan das Leben aller Israelis beschützt, sondern der göttlicheWille. Andererseits besagt ein Grundsatz, dass man sich nicht auf Wunder verlassen dürfe. Genau das tun aber Leute, die, ohne sich um das zu kümmern, was rund um sie vorgeht, am Golan festhalten wollen, weil diese Hügel, und nur diese, das Leben aller Israelis beschützen würde. Sind die traumatischen Ereignisse des Jom Kippur-Krieges von 1973 bereits vergessen, als syrische Soldaten die Israelis beinahe vom Golan heruntergeworfen hatten? Wichtiger noch erscheint hier aber, dass Gruppen, die so unmissverständlich den Wert von Boden über jenen von Menschenleben stellen, sich heute klar ins Lager der Friedensgegner stellen, und zwar auch dann, wenn sie ihre Meinung mit Torah-Zitaten garnieren. Vielleicht geschieht dies unbeabsichtigt, doch ist es deswegen nicht weniger eindeutig, und nicht weniger gefährlich. Solche Aufrufe können nämlich das Stimmverhalten jener Bürger beeinflussen, die den Worten geistiger Persönlichkeiten auch dann folgen, wenn sie deren End-Konsequenz gar nicht begreifen. Auf den Golan umge-münzt heisst das: Wer einem territorialen Kompromiss zustimmt, bekommt wahrscheinlich Frieden. Wer ihn ablehnt, muss sich über kurz oder lang auf einen Krieg vorbereiten. Und das können die Rabbiner gewiss nicht gewollt haben.