Quantensprung zum Jubiläum

Von Peter Abelin, October 28, 2011
Mit einem neuen Direktor kann die Schweizer Technion-Gesellschaft im Jahr ihres 30-jährigen Bestehens einen «Quantensprung» in ihrer Entwicklung vorweisen.
100-JAHR-MARKE Mit dieser Briefmarke wird demnächst an die Grundsteinlegung des Technion vor 100 Jahren erinnert werden

Gleich zweimal lieferte das Israel Institute of Technology in Haifa, bekannt unter dem Namen Technion, in den letzten Wochen positive Schlagzeilen: Mit dem Chemienobelpreis für Dan Shechtman und dem Abschluss eines Zusammenarbeitsvertrags mit Microsoft im Bereich der Forschung für
E-Commerce-Technologien.
Die Grundsteinlegung des Technion erfolgte 1912, die ersten Vorlesungen fanden 1924 statt. Seither hat die weltweit renommierte Hochschule über 90 000 Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mathematiker, Architekten und Ärzte ausgebildet, welche massgeblich zum Aufbau der Infrastruktur Israels beigetragen haben. Heute zählt die Hochschule rund 13 000 Studierende und 620 Dozenten in 42 Forschungsinstituten und zwölf angeschlossenen Spitälern.
Von Anfang an wurde das wissenschaftliche Aushängeschild Israels durch Freundschaftsgesellschaften in aller Welt unterstützt. Die erste Technion-Gesellschaft wurde 1924 durch Albert Einstein in Deutschland gegründet, nachdem das Jahrhundertgenie schon ein Jahr zuvor durch die Pflanzung zweier Palmen vor dem ersten Campus-Gebäude in Hadar seine Verbundenheit mit dem Vorhaben dokumentiert hatte. Ihm wird auch die Aussage zugeschrieben, dass Israel seinen Überlebenskampf nur gewinnen könne, wenn es technologisches Expertenwissen entwickle. Heute bestehen weltweit
16 Technion-Gesellschaften, davon gleich zwei in der Schweiz; die eine hat ihren Sitz in Genf, die andere in Zürich.
Letztere wurde 1981 von Alfred Bär mitbegründet, kurz nachdem zwischen der ETH Zürich und dem Technion ein Austausch von Professoren, Assistenten und Studierenden vereinbart worden war. Bär blieb bis vor wenigen Jahren an der Spitze der Schweizer Technion-Gesellschaft. Vor drei Jahren übernahm dann der in der Informationstechnologie tätige und kürzlich mit dem Business Angel of the Year ausgezeichnete Daniel Gutenberg das Präsidium. Unter seiner Führung wurde auf Anfang dieses Jahres in der Person von Eduard Rosenstein ein sogenannter National Development Director angestellt, der sich in einem 50-Prozent-Mandat professionell mit dem Fundraising und anderen Aktivitäten befasst. Damit werde ein «Quantensprung» gemacht, bestätigt Gutenberg im Gespräch mit tachles: «Wir sind von einer Hobby- zu einer Profiorganisation geworden.» Dadurch könnten mehr Aktivitäten organisiert werden, und die gegen 100 Mitglieder hätten eine Ansprechperson. Ob sich der Mehraufwand unter dem Strich auch finanziell rechnet, könne erst in ein bis zwei Jahren beurteilt werden, sagt Gutenberg. Bisher sei jedenfalls schon viel ins Rollen gekommen, und er sei «sehr zufrieden».

Internationaler Austausch

So fanden sich Ende August gegen 80 Personen zu einem Lunch-Meeting zum Thema «Technion und ETH an der Spitze der Innovationen» ein. Mit Mauro Dell’Ambro­gio, Staatssekretär für Bildung und Forschung, ETH-Präsident Ralph Eicher und Daniel Weihs, Chef-Wissenschaftler am Ministerium für Wissenschaft in Israel, waren hochkarätige Referenten mit dabei. «Der internationale Austausch wird sehr unterstützt», blickt Eduard Rosenstein zurück. Und diese Woche begann bereits ein weiterer Event: Unter der Bezeichnung «Trilogie Tech-Talk» fand der erste von drei Frühabendanlässen zu wissenschaftlichen Themen statt, wobei alle Referenten Absolventen des Technion Haifa sind und zurzeit an der ETH Zürich wirken (vgl. Kasten). «Mit diesen Anlässen versuchen wir, den Namen Technion in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen», umschreibt Rosenstein die Zielsetzung. Wenn auch im Zusammenhang mit den «Tech-Talks» kein Fundraising stattfinde, so hoffe man natürlich darauf, an Kreise zu gelangen, die man später zur Unterstützung von Projekten oder um allgemeine Spenden angehen könne.
Wie viel Geld die Schweizer Technion-Gesellschaft jährlich nach Haifa überweisen kann, wollen die Verantwortlichen nicht öffentlich machen: «Dies könnte so oder so als Argument gegen eigene Spenden ausgelegt werden», findet Eduard Rosenstein. Zu erfahren ist immerhin, dass die Unterstützung sowohl von Privatpersonen als auch von Stiftungen kommt und dass sowohl jüdische als auch nicht jüdische Kreise angesprochen werden. «Vom Netzwerk her ist es einfacher, zunächst an jüdische Kreise zu gelangen, da dort auch mehr Verbundenheit mit Israel vorhanden ist», präzisiert Rosenstein. Dass die Bestrebungen der Gesellschaft anderseits aus politischen Gründen bekämpft werden könnten, wie dies zurzeit das Kulturfestival Culturescapes erlebt, war bisher kein Thema. Dass er um Gegenargumente nicht verlegen wäre, hat Eduard Rosenstein schon vor Monaten in einem NZZ-Leserbrief als Reaktion auf Boykottaufrufe gegen israelische Produkte gezeigt: «Verzichten all jene, die ihren Unmut über die israelische Politik derart zum Ausdruck bringen, auch auf Computer, die mit Intel-Prozessoren ausgestattet sind, auf Facebook, Twitter, Skype und USB-Sticks? All diese Dinge wurden in Israel entwickelt.»

Synergien nutzen

Die Schweizer Technion-Gesellschaft sucht nach den Worten von Eduard Rosenstein primär allgemeine Mittel, über deren Verwendung dann in Haifa gemäss den aktuellen Prioritäten entschieden wird. Oft gehe es um die Erneuerung oder den Neubau von Gebäuden und Laboratorien oder die Finanzierung konkreter Forschungsvorhaben. Es sei aber auch möglich, bestimmte Vorhaben zu unterstützen, wie dies kürzlich seitens einer wohltätigen Organisation geschehen sei; ihr wurden mehrere Projekte unterbreitet, die derzeit evaluiert würden.
Ein hoher Stellenwert wird auch dem Austausch zwischen Studierenden und Dozenten des Technion und der ETH Zürich beigemessen, wie Präsident Daniel Gutenberg betont. Die Technion-Gesellschaft habe eben erst ein hochrangiges Treffen zwischen den beiden Hochschulen organisiert, an dem eine Verstärkung in diesem Bereich in Aussicht genommen wurde. So könnten Synergien genutzt werden, ergänzt Eduard Rosenstein: «Und wenn man eins und eins zusammenzählt, gibt es manchmal in der Summe mehr als zwei». Einen Austausch gibt es übrigens auch zwischen den internationalen Freundesorganisationen. So arbeite man etwa im Bereich von Publikationen zusammen oder organisiere koordinierte Auftritte von Referenten, sagt Daniel Gutenberg. Das 30-Jahr-Jubiläum ist für den Präsidenten nur eine Etappe. Auf die Zukunft der Technion-Gesellschaft angesprochen, setzt sich Gutenberg ambitiöse Ziele: «Wir wollen in der Schweiz massiv mehr Werbung machen, den Austausch weiter verstärken und für das Technion mehr finanzielle Mittel beschaffen.»