Qualitätskontrolle «à l’israëlienne»

von Margie Schmidli, October 9, 2008
Irgendwann in nächster Zeit steht in der Knesset die Debatte darüber, ob in Israel nebst dem öffentlich-rechtlichen ersten und dem privat-kommerziell betriebenen zweiten Kanal noch ein dritter, ebenfalls privater Sender zugelassen werden soll. Vor diesem aktuellen Hintergrund sprach die JR über den Status quo und Perspektiven der TV-Landschaft Israels mit einem der Verantwortlichen und Macher der ersten Stunde, Yoachanan Zangen.
Tommy Zangen: Gute Mischung aus Wirtschaft und Journalismus. - Foto Schmidli

Yochanan «Tommy» Zangen ist C.E.O. der NCP (Network, Communication and Production), Channel 2 Israel, in Herzliya. Seit dem Abschluss seines Studiums macht der grossgewachsene, sympathische und souverän-intelligent auftretende Mann ohne jegliche TV-Tycoon-Allüren Fernsehen an vorderster Front, hat umfassende Kenntnis und tiefreichendes Verständnis für die Geschehnisse rund um die Flimmerkisten Israels. Und was er zu erzählen weiss, mag den leisen Neid des einen oder anderen Mitglieds der unqualitäts-gepeinigten und von allen Seiten qualitäts-unkontrolliert berieselten Fernsehgemeinde manch eines anderen Landes wecken!

Das Politikum TV

Am Anfang war der erste Kanal, öffentlich-rechtlich, staatlich kontrolliert und so installiert und finanziert wie fast überall. 1991 beschloss die Regierung, dass es an der Zeit wäre für einen zweiten Sender, unter anderem auch, um die Motivation von Kanal 1, gute Programme anzubieten, durch private Konkurrenz ein wenig anzukurbeln. In jedem anderen Land hätte man sich nun einfach für die Lizenzvergabe an einen geeigneten, finanzstarken und der Regierung genehmen privaten Betreiber entschieden. Nicht so in Israel - hier setzt ein ganz erstaunlicher Unterschied zu anderen Ländern ein, hier wird eine solche Frage gleich vorweg mal zum Politikum. Um nämlich zu vermeiden, dass eine einzige politische Partei zu grossen Einfluss auf einen solchen zweiten Sender hätte, um aber anderseits auch Qualitätssicherung für das angebotene Programm zu erreichen, ging man wahrhaft salomonisch vor: Man vergab die eine Lizenz an drei Firmen gleichzeitig, die sich zu je einem Drittel die Sendezeit teilen. Ebenso simpel wie genial - aber draufkommen muss man! Um erfolgreich den Tanz um das Goldene Kalb der hohen Einschaltquoten und somit der besseren Werbeetats zu bestehen, müssen alle drei unter Channel 2 sendenden Firmen sich sehr um die Qualität und Ausgewogenheit ihrer Programme bemühen, auch ist ihnen jegliche Art von kommerzieller oder produktionsbezogener Zusammenarbeit verboten. Das Publikum profitiert daraus, indem es einen ganz direkten Vergleich zwischen den drei voneinander unabhängigen Betreibern anstellen kann, ohne auch nur einmal zappen zu müssen. Beneidenswert!
Tommy Zangen, der seit Studien-Abschluss beim Ersten gearbeitet hatte, wurde 1991 die Leitung einer der Firmen angeboten, die sich um die zu vergebende Lizenz bewarben - mit Erfolg. Seit 1993 ist NCP ein Drittel von Channel 2. Die Lizenz läuft allerdings befristet, für zehn Jahre, und 2003 wird neu beschlossen werden müssen, wie es weitergeht.

Führender Anbieteer

Seit NCP auf Sendung ging, hat sie sich zum führenden Programmanbieter und Werbungsträger von Channel 2 entwickelt, und Channel 2 wiederum hat mittlerweile in der Publikumsgunst gegenüber dem ersten Programm viel Abstand gemacht und führt um Längen. Seine Arbeit für diesen «Eindrittel-Sender», sagt Tommy Zangen, unterscheide sich indessen nicht wesentlich von der in jeder Fulltime-Fernsehanstalt. Obwohl aus den Gefilden der Wirtschaftsstudien stammend, eignete er sich im Laufe der Zeit gute Kenntnisse in journalistischer und produktionsbezogener Thematik an, als Generaldirektor der Firma hat er aber vor allem zwei Ziele vor Augen: Gewinn für die Aktionäre einfahren und gute Programme machen. Mit der Konkurrenz quasi unter dem gleichen Dach ein hartes Geschäft. Hauptaktionär der NCP ist die Zeitung Yediot Achronot, weitere Aktien sind bei einem Lebensmittel- und einem Milchprodukte-Hersteller, weitere Teile werden von einer Holding, die früher einer Bank gehörte, heute in Privatbesitz ist, sowie einem Privatmann gehalten. Alle seien sie harte Business-Leute, sagt Tommy Zangen, und so wisse er genau, was er bezüglich Verkauf an Resultaten zu präsentieren habe. Die Firma unterhält einen Personalbestand von ca. 60 Leuten. Seine Erfahrungen im öffentlich-rechtlichen Sender hätten ihn gelehrt, so viel wie möglich extern zu produzieren. Private Produktionsfirmen und Produzenten liefern die Programme auf Bestellung, mit Ausnahme einer regelmässigen politischen und wegen der Sensibilität des Themas hausgemachten Sendung. Die Aufgaben von NCP sind also grösstenteils die Kontrolle über die Programme, die effektive Ausstrahlung und der Verkauf von Sendezeit. Der jährliche Umsatz der Firma beläuft sich um die 80 Millionen Dollar herum.
Die Sendezeit wird zwischen den drei Betreiberfirmen in zwei regelmässigen Tagen aufgeteilt, der Shabbat wechselt monatlich. NCP ist jeweils montags und donnerstags für 23 Stunden «on air», Werbung ist strikte auf ca. 10 Prozent limitiert, kann allerdings flexibel aufgeteilt werden. NCP deckt jede Art von Programm ab, von Entertainment über Dramen bis Kindersendungen, wobei Sport wegen der Zweitage-Regelung nur beschränkt zum Zug kommen kann. Nachrichten werden ebenfalls selbst produziert, von einer firmeneigenen spezialisierten Firma. Demgemäss können auch alle sozialen Schichten von Publikum und jede Altersgruppe angesprochen werden. Die besten Einschaltquoten hat NCP auf den Gebieten Entertainment, Drama und politische Programme. Die Prime Time wird vornehmlich aus den Sparten Entertainment und Drama abgedeckt, vor allem die Talk und Game Shows von NCP erfreuen sich grosser Beliebtheit.

Den gemeinsamen Nenner der Zuschauer finden

Praktisch alles wird in Hebräisch und in Israel produziert, nur wenige Programme werden - vorwiegend aus den USA - zugekauft. Hier betont Tommy Zangen die Wesentlichkeit dieses Umstands gerade in Israel, einem Land, in dem eine Vielfalt von Kulturen aufeinanderstossen. Die praktisch einzigen gemeinsamen Faktoren der multikulturellen Bevölkerung des Landes sind die jüdische Abstammung und Tradition und die mehr oder weniger umfassende Kenntnis der hebräischen Sprache, und Tommy Zangen sieht die Aufgabe eines Fernsehsenders nicht in der Betonung der Unterschiede durch Ausstrahlung von auf einzelne Gruppen zugeschnittenen Sendungen, sondern im Gegenteil im Anbieten von Programmen mit Inhalten und in Formen, die den gemeinsamen Faktor aller potenziellen Zuschauer ansprechen (dasselbe gilt übrigens für die verschiedenen religiösen Schattierungen). Der Sender versucht, die Assimilierung aller Arten von Einwanderern auf diese Weise zu unterstützen, obwohl dies keine leichte Aufgabe sei. Zugekaufte Programme werden denn auch in aller Regel untertitelt oder - speziell bei Kindersendungen - synchronisiert. Die Mehrheit der Zuschauer schätzt dies, und ausländische Sender, die über Satellit empfangen werden können, fristen offenbar eher ein Schattendasein.

Tendentiell liberal

Im Speziellen auf politische Sendungen angesprochen, erzählt Tommy Zangen, dass die Ausrichtung der Station tendenziell liberal, in jedem Fall aber eher regierungskritisch sei, egal, wer regiere. Sendungen werden nur dort zensuriert, wo sie wirklich an verteidigungsstrategisch sensible Limiten stossen. Es gibt demgemäss keine politische Zensur, sondern lediglich eine militärische, und auch diese werde nach logischen Gesichtspunkten und sensitiv angewendet. NCP verfügt zwecks Beschaffung von relevanten Informationen über Korrespondenten zum Beispiel in Jordanien und Ägypten. Auf die Frage, wie der Sender auf die dereinst mögliche Gründung eines Staates Palästina reagieren würde, sagt Tommy Zangen, dass dort dann eben auch ein guter Korrespondent und der Austausch von Informationen und Partnerschaften mit Fernsehanstalten gesucht würde.
Zur bevorstehenden Knesset-Entscheidung über die Erteilung einer zweiten kommerziellen Sendelizenz meint Tommy Zangen, dass dies zwar grundsätzlich bad news für die bestehenden Firmen sei und er eher zur Meinung tendiere, dass der Markt bezüglich Verkauf von Sendezeit nicht gross genug sei, um weiteres Volumen zu absorbieren. So werde die Konkurrenz noch einmal verhärtet, und man werde sich entsprechend wappnen und kämpfen müssen, um zu überleben. Ob dies der Qualität der Programme zuträglich sei, bleibe abzuwarten, er sehe dies eher negativ. Wenn weniger Geld reinkomme, könne auch weniger für gute Sendungen ausgegeben werden.

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Yochanan Zangen

Yochanan «Tommy» Zangen wurde 1950 als Sohn von Esther Zangen-Cohn, Tochter des berühmten und geachteten Basler Rechtsanwaltes Dr. Marcus Cohn s.A., als dessen erster Enkel in Haifa geboren, wo er auch aufwuchs. Nach Absolvierung des Militärdienstes studierte er Wirtschaft und Business Administration an der Hebrew University in Jerusalem. Danach begann er beim damals noch einzigen Fernsehsender Israels, dem öffentlich-rechtlichen Ersten Kanal, zu arbeiten, bis 1991 die Regierung die Zulassung eines zweiten, privaten und kommerziellen Kanals beschloss. Tommy Zangen leitet seither als Generaldirektor erfolgreich die NCP in Herzliya, eine der Firmen, die damals die Sendelizenz gemeinsam erhielten. Er ist verheiratet, hat drei Kinder im Alter von 26 bis 19 und lebt privat in Jerusalem. Dank der Schweizer Abstammung seiner Mutter Esther Zangen und den bestehenden familiären Wurzeln verbindet ihn heute noch vieles mit der Schweiz.