Qasr al-Yahud erwacht zu neuem Leben
Im Winter des Jahres 2003 stand Saar Kfir, Direktor der Taufstelle Qasr al-Yahud, nicht weit vom anschwellenden Jordan: «Der Jordanfluss dehnte sich um Hunderte von Metern aus und überflutete und zerstörte den Pilgerpavillon auf dem Hügel und dazu noch einige neuere Gebäude, die wir errichtet hatten. Renovationspläne wurden auf Eis gelegt und wurden erst ein paar Jahre später wieder belebt. Trotz der Frustration aber werde ich jene verrückte Flut nie vergessen. Sie war wunderschön.»
Es sah tatsächlich wunderschön aus, doch die stetig ansteigenden Wasser verursachten beträchtlichen Schaden am umfassenden Plan zur Verbesserung und Ausweitung der östlich der Stadt Jericho gelegenen Stätte. Dort hat laut Überlieferung Johannes der Täufer Jesus getauft. Das ursprünglich im Vorfeld der Millenniumsfeierlichkeiten bewilligte Projekt, das zuerst wegen der Intifada und dann wegen der Überschwemmungen des Jahres 2003 in Rückstand geraten war, kann nun wieder von christlichen Pilgern als drittwichtigste Stätte des Christentums in Israel nach Belieben besucht werden: an jedem Tag der Woche, ohne vorherige Koordination und ohne militärische Begleitung, wie es in der Vergangenheit möglich war.
Qasr al-Yahud («die jüdische Festung») ist laut Überlieferung die Stelle, an der die Israeliten den Jordanfluss überquert hatten, wo der Prophet Elija zum Himmel aufstieg und wo Jesus die Taufe empfing. Am 18. und 19. Januar beging die Orthodoxe Kirche das Dreikönigsfest an der Stätte in Erinnerung an die Erscheinung Jesu vor den drei Königen aus dem Osten. «Das ist eines der wenigen authentischen Feste, die in diesem Land geblieben sind», sagt Udi Izak, Vorsteher des Schulbezirks des Regionalrats Megillot in der Gegend des Toten Meeres.
Gleich neben der Taufstätte liegt das «Land der Klöster», eine Gegend voller verlassener Kirchen und Klöster, die in der byzantinischen Periode von verschiedenen christlichen Sekten erbaut wurden. Vor und während der jordanischen Herrschaft lebten hier Mönche, und Tausende von Pilgern kamen jedes Jahr an die Stätte und vollzogen diverse religiöse Riten. Nach der Eroberung der Stätte durch Israel im Sechstagekrieg infiltrierten palästinensische Flüchtlinge das «Land der Klöster» und Terroristen versteckten sich hier auf ihrem Weg nach Israel, wo sie Anschläge verübten.
Potenzial erkannt
In den siebziger Jahren beschloss die israelische Armee, die Gegend zu sichern, nachdem sie im westlichen, für die Allgemeinheit unzugänglichen Teil einen Zaun errichtet und Landminen angebracht hatte. Infolge der Bodenerosion wanderten die Minen im Laufe der Jahre. Sollte heute beschlossen werden, sie zu entfernen, könnte man sich daher nicht mehr auf die Minenkarte der israelischen Armee verlassen. Bis 1980 war die Gegend, wie Kfir erklärt, geschlossen und verlassen und es gab keine Zeremonien an der Taufstätte. Von 1980 bis 1999 wurden am Dreikönigstag und an Ostern Zeremonien abgehalten. Im Jahr 2000 landete Papst Johannes Paul II. dort mit einem Helikopter und hielt ein persönliches Gebet ab. Darum ist nach Ansicht der Zivilverwaltung die israelische Stätte und nicht die am anderen Ufer liegende jordanische Stätte den Christen heilig.
Nach der Papstvisite begriff Israel, welches Potenzial der Ort barg. Man beschloss daher, ihn in Kooperation mit der Naturschutz- und Parkbehörde und der Zivilverwaltung zu öffnen. Unter anderem errichtete man einen steinernen Pavillon, Treppen bis zum Fluss hinunter, Tribünen mit Sitzplätzen und ein ins Wasser führendes Geländer. In den letzten Monaten baute man an einem Parkplatz und Umkleideräumen, in denen die Pilger nach der Taufzeremonie duschen können. Demnächst sollen auch Überwachungskameras angebracht werden und das umständliche Prozedere der Voraus-Koordination und der militärischen Begleitung soll geändert werden.
Grosse Investitionen
Nach Schätzungen von Ofer Meital, der bei der Zivilverwaltung für Grenzübergänge zuständig ist, wurden seit dem Jahr 2000 rund sieben Millionen Schekel in die Stätte investiert. An der Finanzierung haben sich bis jetzt vor allem das Tourismusministerium und das Ministerium für regionale Kooperation beteiligt. Am Anfang waren laut Meital die Chancen der Finanzierung gleich Null. Links und rechts der Stätte gab es Landminen und einen Sicherheitszaun, zudem tobte die Intifada. In den letzten Jahren aber, als die verschiedenen Behörden die Entwicklung der Stätte mitverfolgen konnten, wurden Gelder freigegeben.
Die neue Regelung wird nach Ansicht von Yariv Avraham, Direktor der Feldschule Ein Gedi, dem Tourismus in der Region wieder Aufschwung geben, während Izak vom Regionalrat Megillot vor allem an die Pilger denkt: «Die meisten von ihnen sind arme Leute aus Osteuropa und Afrika, weshalb ich voller Bewunderung bin für die Gremien, die sich für die Rehabilitierung der Stätte einsetzen. Ihnen ist es zu verdanken, dass schon bald ärmere Touristen, die vielleicht zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben ihre Heimat verlassen, die Taufe an dem Ort empfangen können, an dem ihrem Glauben nach der Erlöser sie empfangen hat. Und zwar ohne Angst davor, dass die Tore des Sicherheitszauns sich plötzlich schliessen.»