Provokative Kampagne

June 11, 2009
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe setzt mit ihrer Kampagne zum Tag des Flüchtlings 2009 auf Provokation. Ziel ist eine öffentliche Diskussion über Vorurteile, denen Flüchtlinge täglich ausgesetzt sind.
PROVOKATIV Die Plakate zum Flüchtlingstag sollen zu Diskussionen anregen

Ungewohnte Fragen sind derzeit schweizweit auf Plakaten zu lesen: «Alles Lügner?», «Alles Profiteure?», «Alles Dealer?» steht da in gelber Schrift auf schwarzem Untergrund. Es handelt sich dabei um die aktuelle Kampagne der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zum diesjährigen Tag des Flüchtlings, der am 20. Juni begangen wird. Die provozierenden Fragen sollen die Passanten zum Nachdenken anregen und eine öffentliche Diskussion hervorrufen. «Wie ist es möglich, dass Millionen von Flüchtlingen aus Ländern wie Somalia, Eritrea, Irak, Afghanistan oder Sri Lanka, deren Schicksal wir in den Medien täglich mit Betroffenheit und Anteilnahme verfolgen, plötzlich zu Lügnern, Profiteuren und Dealern werden, kaum klopfen sie an unsere Tür?» fragt Beat Meiner, Generalsekretär der SFH, rhetorisch. Die Antwort und folglich die Motivation für die diesjährige Kampagne liegt für Meiner darin, dass «die natürliche Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen, zunehmend durch – teilweise sogar bewusst geschürte – Ängste und pauschale Vorurteile behindert wird.»

Vorurteile widerlegt

Um das Vorurteil zu entkräften, dass sich Asylsuchende das Recht auf Asyl durch Lügen erschleichen, verweist Meiner auf die Statistik des Bundesamts für Migration, das im vergangenen Jahr zum Schluss kam, dass in zwei Dritteln aller Fälle die Betroffenen zu Recht den Schutz der Schweiz gesucht hätten. Zudem müsse, so Meiner, berücksichtigt werden, dass es vielen Flüchtlingen schwerfalle, über erlebte Folter oder Vergewaltigung Auskunft zu geben. «Die Behauptung, alle Asylsuchenden, insbesondere aus Afrika, seien Drogendealer und Kriminelle, ist sachlich falsch und für die Betroffenen verletzend und entwürdigend.» Auch entbehre die Anschuldigung, dass Asylsuchende in die Schweiz kämen, um Sozialleistungen zu kassieren, jeglicher sachlicher Grundlage. Die vollständige Argumentation und weiterführende Informationen zum Thema Vorurteile stehen auf der SFH-Website bereit.

«Steter Tropfen höhlt den Stein»

«Machen wir uns nichts vor», warnt Michele Galizia, Leiter der Fachstelle für Rassismusbekämpfung. Begriffe würden so lange negativ aufgeladen («Judenfrage», «Asylanten», «Scheinehen» etc.) oder gar neu geschaffen («Ausländerkriminalität», «Sozialschmarotzer», «Scheininvalide»), «bis bereits deren blosse Verwendung als Beweis» gilt. Es sei dieser Sprachgebrauch, so Galizia weiter, der im Parlament Mehrheiten schaffe und als «Rechtfertigung immer schärferer Gesetzesbestimmungen zur Lösung von Problemen dient, die so nicht existieren oder nicht gelöst werden können». Pauschale Vorurteile würden zur Problembeschreibung und zur vermeintlichen Problemlösung herangezogen, statt dass man sich mit dem konkreten Einzelfall auseinandersetze.Hans Lunshof vom Hochkommisariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen bewertet die provokative Kampagne der Flüchtlingshilfe zwar als mutig und gut, sie sei aber auch mit einem Risiko verbunden. Beat Meiner ist sich dessen bewusst: «Wir treffen damit einen wunden Punkt.» Galizia bezeichnet die Kampagne als einen ersten Schritt einer notwendigen Informationspolitik, die Vorurteilen entgegenwirken soll. Zudem bekräftigt Galizia, dass diese Kampagne «von weiteren, weitergehenden, differenzierteren Kampagnen begleitet werden muss und wird».

www.fluechtlingstag.ch