Proteste an der Wall Street
Obwohl alle theoretisch die gleichen Rechte haben sollten, kam es 1655 in der heutigen Wall Street zu Protesten jüdischer Bürger, die höhere Steuern zahlen sollten. Im Jahr zuvor waren sie auf der Flucht vor der Inquisition aus Brasilien ins damalige Neu-Amsterdam gekommen, doch der Gouverneur der Stadt, Peter Stuyvesant, versuchte die Juden sofort wieder loszuwerden. Alle Bürger der damals niederländischen Kolonie mussten regelmässig die Nordgrenze der Stadt bewachen, eine knapp zwei Meter hohe Mauer, die der heutigen Strasse ihren Namen verlieh. Stuyvesant verbot den jüdischen Bürgern jedoch, Wache zu stehen, und erhob statt dessen eine Zwangssteuer, die gezahlt werden sollte. Die kleine jüdische Gemeinde, damals die erste in Nordamerika, protestierte. Wenn denn alle Bürger gleiche Rechte haben sollten, so sollten die Bürger jüdischen Glaubens auch ihren Pflichten nachkommen können und an der Mauer Wache stehen.
Prominente Unterstützung
Die damaligen Proteste waren wahrscheinlich die ersten an der Wall Street, die heute synonym für die New Yorker Börse ist. Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte später gibt es hier wieder Proteste. Unter dem Aufruf «Occupy Wall Street» («Besetzt die Wall Street») haben ein paar hundert Jugendliche ihr Lager im nahegelegenen Zuccotti Park aufgeschlagen. Doch während 1655 das Ziel der Proteste klar zu erkennen war, fehlt es den seit drei Wochen andauernden Protesten an klaren Anliegen. Auf handbeschriebenen Kartons werden die hohe Arbeitslosigkeit, Studiengebühren, Milliarden-Geldspritzen für Banken oder etwa die Todesstrafe angeprangert. Die Demons-tranten machen ihrem Unmut über soziale Ungerechtigkeit Luft; klare Forderungen fehlen jedoch. Keiner kann genau
sagen, was die sie eigentlich wollen, nicht einmal die Demonstranten selbst.
Nachdem die Proteste unweit von Ground Zero fast zwei Wochen als naiv abgestempelt und weitgehend ignoriert wurden, ist die Bewegung Occupy Wall Street nun nach ein paar medienwirksamen Auftritten, darunter auch die Besetzung der Brooklyn Bridge, zum Stadtgespräch geworden. «New York Times»-
Kolumnist Nicholas Kristof verglich die Proteste der jungen Menschen, die sich entfremdet fühlen und Twitter und soziale Netzwerke nutzten, um sich zu organisieren, mit denen, die er in Ägypten, Syrien und Libyen erlebte. Auch hier wird das politische und ökonomische System als «korrupt, taub und unverantwortlich» angesehen.
Der Nerv der Zeit
Auch wenn niemand genau weiss, was die Demonstranten erreichen wollen, so scheinen sie den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Viele New Yorker sind frustriert. Einerseits leben
50 der vom «Forbes Magazin» aufgelisteten reichsten Amerikaner in New York, andererseits auch mehr als 20 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Prominente, darunter etwa der Filmemacher Michael Moore, Rap-Mogul Russell Simmons oder die Schauspielerinnen Susan Sarandon und Roseanne Barr sind in der letzten Woche zur Liberty Street gekommen und haben sich mit den Demonstranten, deren Proteste sich örtlich immer mehr ausweiten, solidarisch
erklärt. Am vergangenen Wochenende rief der Internet-Aktivist Daniel Sieradski zum ersten Solidaritätsschabbat im Zuccotti Park auf, den er über Facebook und Twitter organisierte. Sieradski schrieb in seiner Einladung: «Schabbat ist eine Ablehnung von Kapitalismus und Ausbeutung: Ein Tag frei von Arbeit, Geschäften und jeglichem Umgang mit Geld.» Sieradski rief zur «Solidarität mit den Protestierenden an der Wall Street gegen die Exzesse und die Korruption der Finanzelite» auf. Trotz Regens kamen einige Leute zusammen, Überraschungsgast war der Musiker David Peel, ein alter Freund von John Lennon und Yoko Ono, der Lieder aus dem Musical «Anatevka» sang.
Juden als Thema
Doch im Vorfeld gab es Probleme. Vereinzelte Demonstranten riefen zum Boykott Israels auf, und in den Online-Foren von Occupy Wall Street wurde behauptet, dass Juden an der Wirtschaftskrise schuld seien. Die Organisatoren sprachen sich nicht gegen den Antisemitismus aus. Via Twitter kommentierte Sieradski, dass «historisch wirtschaftliche Unruhen oft in Hass auf Juden umgeleitet» wurden. Wenn die Organisatoren nichts unternehmen, meinte Sieradski, würden sie «Antisemitismus sanktionieren».
Als auf dem Online-Forum der Bewegung die Sorge über Antisemitismus thematisiert wurde, gab es viele Israel feindlich gesonnene und einige antisemitische Kommentare. Sieradski lässt sich jedoch von diesen vereinzelten Stimmen nicht entmutigen. Für Jom Kippur plant er einen Kol-Nidrei-Solidaritätsgottesdienst im Zuccotti Park.
1657 wurde nach zweijährigem juristischem Streit allen jüdischen Bürgern erlaubt, an der heutigen Wall Street Wache zu stehen und die von Stuyvesant auferlegte Zwangssteuer wurde für ungültig
erklärt. Ob die Demonstranten Erfolg haben werden, wird sich zeigen. Doch ohne klare Ziele wird ihr Erfolg schwer zu messen sein.
www.occupywallst.org