Programm statt Ideologie

Von Daniel Zuber, April 1, 2011
Interne Konflikte und Kontroversen machten den Dachverband der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft lange handlungsunfähig. Kürzlich wurde der Vorstand der Organisation neu formiert. Ein Blick auf die aktuelle Lage.
NEUER AUFWIND Unter dem Präsidium von Fulvio Caccia will sich die CJA Schweiz neu positionieren

Vor einigen Jahren stürzte die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Schweiz (CJA) in eine lang anhaltende Krise. Interne Differenzen zwischen den einzelnen Sektionen und personelle Streitigkeiten machten die Dachorganisation handlungsunfähig. Ein Diskussionspunkt war, wie und ob die CJA überhaupt zur Politik Israels Stellung beziehen sollte. Zu den genauen Gründen für die internen Kontroversen wollte sich gegenüber tachles auch heute niemand äussern. «Kontroversen haben in der Regel eine lange Geschichte. Es macht keinen grossen Sinn, sie aufzuwärmen und so wieder Anlass für neue Kontroversen zu geben», erläuterte Hanspeter Ernst, Präsident der CJA Zürich, die Zurückhaltung diesbezüglich. Klar ist, dass die CJA Schweiz an den internen Schwierigkeiten krankte. «Die Stimme der CJA Schweiz fehlte bei Themen, wo sie genuin etwas zu sagen gehabt hätte. Ein aktiver, besonnen und kompetent agierender Dachverband spielt eine wichtige Rolle auch für die Identität der einzelnen Sektionen», so Ernst. Pfarrer Nico Rubeli, Geschäftsführer der CJA beider Basel führt aus, dass die Dachorganisation wichtig sei, um die CJA auf eidgenössischer Ebene zu repräsentieren. Der Dachverband sollte ein multireligiöses und politisches Netzwerk aufbauen und eine profilierte Schweizer Stimme hörbar machen.

Neuformierung

Am 24. Oktober 2010 hat die Delegiertenversammlung der CJA Schweiz schliesslich einen neuen Vorstand gewählt. Bei der Vergabe der Vorstandsfunktionen im Januar übernahm der Ingenieur Fulvio Caccia das Amt des Präsidenten. «Ich habe zugesagt, nachdem ich festgestellt hatte, dass meine grösste Stärke in diesem Präsidium in meiner politischen und verbandspolitischen Erfahrung liegt. Betreffend den christlich-jüdischen Dialog gibt es im neuen Präsidium Mitglieder, die eine viel höhere Kompetenz aufweisen», so Caccia. Grundsätzlich gelte es nun, die Botschaft und den Geist der ursprünglichen Bewegung weiter zu tragen. «In vielen Länder der Welt hat sie Fuss fassen können: es wäre beschämend, wenn gerade in der Schweiz neben den Regionalgruppen keine CJA Schweiz mehr existieren würde», meint Caccia. Es sei aber noch zu früh, ein Programm bekannt zu geben, weil der neue Vorstand erst ein Mal zusammengekommen sei und die Situation zuerst analysiert werden müsse. Vorstandsmitglied Michel Bollag sieht das ähnlich. Die neue CJA Schweiz müsse sich erst finden und sei nun auf der Suche nach einem eigenen Profil, nach Originalität. Im Gebiet des interreligiösen Dialogs und der Antisemitismusarbeit seien sehr viele Organisationen am Werk, so dass man sich erst einmal positionieren müsse, so Bollag. Käthi Frenkel, Sekretärin der CJA Schweiz und Präsidentin der CJA Aargau, ergänzt: «Die CJA möchte sich wieder vermehrt positionieren und auch den verloren gegangenen Kontakt mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und den kirchlichen Verbänden wieder aufbauen. Sie möchte Stellung beziehen, wo es notwendig ist und wo die personellen und zeitlichen Kräfte des relativ kleinen Präsidiums hinreichen. Auch international möchte sie wieder mitreden.» 

Hoffnungen der Basis

Bei einzelnen der zehn Regionalgruppen, die der CJA Schweiz angeschlossen sind, hat tachles nachgefragt, was man sich vom neu formierten Dachverband erhofft und wie die aktuelle Situation aussieht. So wünscht man sich bei der CJA Bern mehr Engagement von Seiten des Dachverbands. Robert Heymann, welcher die CJA Bern präsidiert, betont, dass er auch seit den Wahlen im Oktober bis auf die regelmässig erscheinenden Pressemitteilungen des katholischen Pressedienstes nichts vom Dachverband gehört habe. Die CJA Bern laufe unabhängig davon jedoch gut. Bis zu zehn Veranstaltungen organisiert die CJA Bern pro Jahr. Die verschiedenen Schweizer Sektionen pflegten jedoch auch heute kaum einen Austausch, so Heymann.
Auf dem Programm der CJA Zürich stehe zurzeit vor allem Aufklärungsarbeit, so Präsident Hanspeter Ernst: «Ein grosses Desiderat an Aufklärung besteht in Pfarreien und Kirchgemeinden. Derzeit entwickeln wir ein Konzept, hier aktiver zu werden», so Ernst. Auch die Diskussion um den Nahost-Konflikt würde aufmerksam verfolgt, da «in dessen Schatten Vorurteile entstehen, die alles andere als gut sind.» Auf die Frage, wie er die Zusammenarbeit mit anderen CJA-Sektionen erlebe, meint Ernst, der Austausch könnte intensiviert werden. «Jede der verschiedenen CJA-Sektionen hat einen eigenen Stil zu arbeiten. So lange sie ein gemeinsames Ziel haben, scheint mir dies auch richtig zu sein», führt er aus. Weiter hofft Ernst, dass die internen Probleme bei der CJA nun Vergangenheit seien. «Entscheidend wird sein, ob es weiterhin gelingt, die Sachfragen ins Zentrum zu stellen und nicht Personen und Arbeitsstile.»

Die Frage des Antiisraelismus

Erfreut über die neue Präsidentschaft der CJA Schweiz zeigt sich die Sektion beider Basel. Hier wird erwartet, «dass die CJA nun national deutlicher in der Öffentlichkeit zu wichtigen Fragen Stellung nehmen wird», so Präsident Ekkehard Stegemann. Dies sei dringend notwendig: «Die CJA beider Basel stellt nämlich seit einiger Zeit fest, dass das interreligiöse Thema stark überschattet ist durch offene Angriffe auf das Existenzrecht des Staates Israel.»
Herbert Wohlmann, Vorstandsmitglied der CJA beider Basel, erklärt, dass die Basler Sektion der CJA eine entschiedenere Position in Sachen Antisemitismus vertrete als andere Schweizer Sektionen. Antisemitismus und Antiisraelismus lassen sich nach Wohlmann oft nicht trennen, und Kritik an Israel sei zwar sehr wohl erlaubt, werde aber oft in obsessiver und ausschliesslicher Form vorgetragen und stelle faktisch eine Parteinahme für Staaten, die Israel bedrohen und in massivster Form die Menschenrechte verletzten, dar. «In linken und grünen Kreisen ist es heutzutage sehr schwierig, mitmachen zu können, wenn man sich nicht mit dem allgemeinen Israel-Bashing identifiziert», so Wohlmann. Eine gemeinsame Plattform, wie sie die CJA Schweiz darstellen könnte, sei wünschenswert, jedoch unter der Bedingung, dass auch entschieden gegen versteckten Antiisraelismus vorgegangen werde. Wie Käthi Frenkel, Sekretärin der CJA Schweiz erklärt, steht der Diskussionspunkt Antiisraelismus auf der Traktandenliste der neuformierten CJA Schweiz. In welcher Form das Thema angegangen werden soll, sei zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch offen.     