Prekäre Lebensbedingungen

Von Daniel Zuber, April 29, 2011
Die Negev-Wüste ist die Heimat Tausender Beduinen. Viele ihrer Siedlungen, welche meist aus Zinkhütten und Plastikplanen bestehen, werden vom Staat nicht anerkannt. Eine Gruppe von Schweizern, die in Israel leben, besuchte zwei solcher Siedlungen, um ein eigenes Bild der dortigen Situation zu erhalten.
DAS GESPRÄCH SUCHEN Schweizer Auswanderer zu Besuch in einem Beduinendorf in der Wüste Negev

Etwa 180 000 ehemalige arabische Hirtennomaden leben heute im Territorium des Staates Israel mit einem israelischen Pass. Diese Beduinen sind vornehmlich in der Wüste Negev anzutreffen, wo sie in Planstädten und diversen informellen Siedlungen oft unter prekären Lebensbedingungen leben.

Die Umsiedlung

Im Jahr 1952 wurden die Beduinen, welche noch auf dem Territorium des Staates Israel lebten, in eine sogenannte «Enclosed Zone» im Nordosten des Negev abgedrängt, welche noch etwa zehn Prozent der ursprünglich von den Beduinen genutzten Wüstenfläche umfasste. Zu Beginn der sechziger Jahre verabschiedete die Regierung unter David Ben-Gurion ein Mehrjahresprojekt, welches vorsah, die Beduinen in ständige urbane Siedlungen umzuquartieren. Der Bau mehrerer Planstädte innerhalb der «Enclosed Zone» wurde beschlossen und die Beduinen sollten nach und nach umgesiedelt werden. Etwa die Hälfte der beduinischen Bevölkerung liess sich in der Folge zu einer solchen Umsiedlung bewegen. Die Städte sind heute soziale Brennpunkte. Hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und niedriger Bildungsstand sowie eine schlechte Infrastruktur zeichnen sie laut einem Bericht der Organisation Human Right Watch (HRW) aus dem Jahr 2008 aus. 2003 präsentierte die Regierung Ariel Sharon schliesslich einen Plan, welcher den Bau weiterer Planstädte beinhaltete und die Umsiedlung der Beduinen in die Planstädte vorantreiben sollte. Nach wie vor leben jedoch Tausende Beduinen «illegal» auf Staatsland in der «Enclosed Zone» in Siedlungen, wo sie um Anerkennung und Eigentumsrechte kämpfen, da sie die Umsiedlung in die Planstädte nach wie vor ablehnen.

Ein unabhängiges Bild

Das Verhältnis zwischen der Regierung und den Beduinen ist ein angespanntes, über welches immer wieder kontrovers diskutiert wird (tachles berichtete). Einerseits fühlen sich die Beduinen benachteiligt, ihre Häuser werden immer wieder von der Regierung abgerissen und die Infrastruktur in den Siedlungen und den Planstädten weist oft gravierende Mängel auf. Andererseits werden die Beduinen von den Israeli oft als «Parasiten» betrachtet, welche zwar die Infrastruktur mitbenützen und auf Staatsgrund leben, jedoch keine Steuern zahlen. Der Swiss Club Israel und die Auslandschweizer Organisation in Israel (ASO) wollten mehr über diese komplexe Situation herausfinden und sich ein unabhängiges Bild machen. So besuchte eine Gruppe von etwa 30 Auslandschweizern Mitte März zwei Beduinendörfer im Negev. Die Reise sei organisiert worden, damit die Israel-Schweizer «wach und aufmerksam» bleiben und ihre Augen nicht verschliessen vor dem, was in der Region passiere, erzählt Erich Bloch, Delegierter der ASO in Israel.
«Es war sehr schwierig, ein objektives Bild über die derzeitige Situation dieses einzigartigen Volkes zu erhalten», so Bloch. Er sei trotz allem den Eindruck einer gewissen Überheblichkeit auf Seiten der Israeli nicht losgeworden. Die israelischen Behörden würden oft zu wenig Verständnis und psychologisches Feingefühl für die Beduinen aufbringen, führt er aus. «Ein sachliches und kultiviertes Gespräch auf ‹Augenhöhe› zwischen dem Staat Israel und den Beduinen ist dringend notwendig», so Bloch weiter. Die kurze Reise sei jedoch keineswegs ausreichend, um sich ein differenziertes Bild der Situation machen zu können und eine zweite Reise sei bereits geplant.