Preis für sensible Kunst
Von Gisela Blau
Mich interessiert die Geschichte von Raubkunst, wie man sie aus dem Holocaust
kennt, und wie wir damit umgehen», sagt Uriel Orlow. Der 34-jährige
Zürcher, der nach der Matura nach London zog und dort seine künstlerische
Ausbildung absolvierte und seit Jahren als Künstler Beachtung findet, befasst
sich in seiner preisgekrönten Installation mit Kunstobjekten des früheren
Königreiches Benin in Nigeria, die von den britischen Kolonialherren 1897
einfach nach England mitgenommen und versteigert wurden, um die Kriegskosten
zu decken. «Werke befinden sich in über 500 Museen und Sammlungen
der ganzen Welt», so Orlow.
Ausser Bildern vom Entstehungsprozess von Kunstwerken, die Künstler in
Benin City im Süden Nigerias heute herstellen, gehört zu den Herzstücken
von Orlows Installation der Film «The Visitor», eher eine Schau
von Fotos, eine Fotostory, und der Besucher ist Orlow selber, dessen Geschichte
von einer nigerianischen Sprecherin erzählt wird. Darin sieht man Uriel
Orlow während einer Audienz beim König von Benin und 40 Häuptlingen.
«Wir führten ein Gespräch über kollektives Gedächtnis,
über Restitution», sagt der Künstler, «das Gespräch
ist aber keineswegs geradlinig und nimmt auch humorvolle Wendungen.»
Die ursprünglich geraubten Kunstwerke sind nicht sichtbar, und dennoch dreht sich alles um sie. Der Katalog zeigt an ihrer Stelle nur ihre Beschreibungen. Es gehe um Netzwerke, um komplizierten Postkolonialismus, um ökonomische Fragen wie Restitution, sagt Orlow. Diese Gruppe geraubter Werke habe das europäische Verständnis der afrikanischen Kunst grundlegend verändert: «Sie wurden vor 110 Jahren in England gezeigt; die Reaktion war am Anfang sehr negativ, man sah in ihnen primitive animistische Kunst. Und nachdem der künstlerische Wert dieser Objekte sehr rasch erkannt worden war, wuchsen das Interesse in Europa und auch der interkulturelle Einfluss auf die Surrealisten, die Avantgarde.» Aber es habe Leute gegeben, die afrikanischen Künstlern dann die Kreativität absprechen wollten und behaupteten, ohne europäischen Einfluss wäre nie etwas so Schönes wie die Werke aus Benin entstanden.
«Es ist Kunst, nicht Politik»
«Meine Arbeit beschäftigt sich viel mit kollektivem Gedächtnis», sagt Orlow, «mit unserer Verantwortung gegenüber der Vergangenheit. Einige meiner früheren Arbeiten weisen einen Bezug zum Holocaust auf. Es wird allgemein angenommen, dass es einem jüdischen Künstler erlaubt ist, sich damit auseinanderzusetzen, weil es mit der eigenen Identität des Künstlers und seiner Sensibilität zu tun hat. Aber ich wollte von diesem quasi automatischen Recht, diesem Privileg, über gewisse Themen zu reden, wegkommen und über Dinge berichten, die ähnliche Fragestellungen aufweisen, zu denen ich jedoch keinen persönlichen Bezug und dadurch kein automatisches Recht habe, mich damit zu beschäftigen. Im Film innerhalb meiner Installation geht es um mich und um Kultur. Was geht ab bei dem Klischee eines weissen Europäers an einem afrikanischen Königshof, was bedeutet es? Das Thema betrifft uns alle, unsere Museen sind voll mit diesen Objekten. Doch warum gelten nur die geraubten Werke als wertvoll, weshalb nicht auch jene, die heutige Künstler in Benin nach alten Vorlage aus erkennbarem Recyclingmetall herstellen?» Die Installation verbindet in einem Wandbild auch alle Orte, an denen sich die Raubkunst aus Benin befindet.
Der Wunsch, zu verstehen
«Ich habe kein didaktisches Werk geschaffen», betont Uriel Orlow. «Es handelt sich nicht um Geschichtsvermittlung, obwohl die Geschichtsarbeit natürlich da ist, aber es ist Kunst, nicht Politik, stellt keine Forderungen, sondern will eine Erfahrung kreieren, die auch physische Reaktionen weckt.» Einzelne Teile waren schon an verschiedenen Orten ausgestellt, etwa in der Londoner Whitechapel Gallery, vor einigen Wochen lief der Film am Festival von Oberhausen, «und ich beschäftigte mich selbstverständlich auch mit anderen Arbeiten». Im November gibt es Ausstellungen im Jüdischen Museum in New York und an der Galerie Blancpain Art Contemporain in Genf. «Der Wunsch, zu verstehen, kommt aus meinem Kulturgut», sagt Orlow, ist aber nicht monopolitisch. Ich probiere, auch an anderen Orten diese Schemata zu verstehen, auch als Aussenstehender mit einem anderen Zugang.»
Uriel Orlow, einst Mitglied des Jugendbundes Hagoschrim in Zürich, gewann bereits vor elf Jahren den Omanut-Preis und hat einige Unterstützungsbeiträge erhalten. Doch der Eidgenössische Kunstpreis ist der älteste der Schweiz und sicher der wichtigste. Die Gewinner erhielten je 26?000 Franken, eine willkommene Gabe, und ihre Arbeiten, teilweise Gemeinschaftswerke, wurden während der Art Basel vis-à-vis der Hauptausstellungshalle gezeigt.