Popularisierung 
von Auschwitz

Von Valerie Wendenburg , January 27, 2012
Am heutigen internationalen Holocaust-Gedenktag wird kollektiv der Opfer des nationalsozialistischen Regimes 
gedacht, auch in der Schweiz. Reisen nach Auschwitz haben Hochkonjunktur und neben der Chance zur gemeinsamen Reflexion scheint das Risiko gegeben, dass der Holocaust zu einem Medium der «Pop»-Kultur avanciert.
GEDENKEN AN AUSCHWITZ Reisen in das ehemalige Konzentrationslager haben Hochkonjunktur

Das Wort «Holocaust» ist dieser Tage in aller Munde und es finden zahlreiche Anlässe zum Thema statt. Gemeinsames Erinnern und Gedenken steht auf dem Programm – und so fand auch in der Schweiz bereits am vergangenen Wochenende eine Tagung des Zentrums für Demokratie Aarau zum Thema «Die Schweiz und die Schoah – Von Kontroversen zu neuen Fragen» statt. Die gegenwärtige Suche nach einer  kollektiven Identität der Schweiz wurde ebenso diskutiert wie die Frage, welchen Anteil die Schweiz an der Schoah habe – drängende und aktuelle Themen, die die Grundlage des gemeinsamen Gedenkens hierzulande bilden. 

Globalisierung und Popularisierung

Jacques Picard war Mitglied in der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg und wirkt heute als Mitglied der Schweizer Delegation des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten bei der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education. Er verweist auf drei wesentliche Probleme hinsichtlich des heutigen Holocaust-Gedenkens. Erstens lassen sich Globalisierungseffekte feststellen, wie sie gerade an gemeinsamen internationalen Gedenktagen wie dem heutigen deutlich werden. «Schweizer erinnern sich aufgrund ihrer Geschichte ganz anders als Holländer oder auch Amerikaner», so Picard, der betont, dass es sehr wichtig sei, «sich dieser spürbaren Unterschiede bewusst zu sein und diese auch als Teile eines Aushandlungsprozesses zuzulassen». Zum zweiten weist der Historiker und Kulturanthropologe darauf hin, dass nicht mehr die USA und Israel allein die treibenden Kräfte der Kultivierung des Holocaust-Gedenkens seien, sondern dass sich neu ein «gemeinsames europäisches Geschichtsnarrativ innerhalb der EU» entwickle. Picard verweist auf den 23. August, der im Jahr 2009 zum europaweiten Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime ausgerufen wurde, um eine gesamteuropäische Gedenkstätte für die Opfer zu errichten und, so steht es auf der Website des Europäischen Parlaments, «zu einer gemeinsamen Sicht der Geschichte zu gelangen». Dieser weitere, nicht unumstrittene gesamteuropäische Gedenktag stehe nun in gewisser Weise «in problematischer Konkurrenz» zum 
27. Januar, an dem speziell der Opfer des Holocaust gedacht werde. 

Als dritte Herausforderung macht Picard eine «Popularisierung» des Holocaust fest. Immer mehr Gedenkstätten und Orte der Erinnerung entstünden und man habe teilweise fast den Eindruck, als wäre der Holocaust zu einem Medium der «Pop»-Kultur avanciert. «Auf dem freien Markt gehen nicht nur Funktionalisierungen oder Emotionalisierungen, sondern auch ein eigentliches Branding des Holocaust vonstatten», so Picard, der daran appelliert, diese Entwicklung zu «symbolhaften Identifizierungsangeboten» aufmerksam zu beobachten: «Es herrscht grosser Reflexionsbedarf», da die Grenzen sonst schnell in Richtung unabsehbarer Wirkungen und weiterer politischer Vereinnahmungen überschritten werden könnten. 

Ein Rekord

Nicht nur das Thema Holocaust, auch Auschwitz ist «in»: Reisen in das 1979 zum Weltkulturerbe ernannte ehemalige Konzentrationslager haben Hochkonjunktur. Im vergangenen Jahr wurde mit 1,4 Millionen Besuchern ein Rekord verzeichnet. Nicht alle Menschen, die das ehemalige Konzentrationslager besuchen, nähern sich dem Thema mit dem nötigen Respekt. So ist im Internet unter www.auschwitz-studienreise.de folgendes Angebot zu finden: Unter dem Motto «Erholen und trotzdem vieles sehen und erleben» wird den 
Interessierten eine fünftägige Reise nach Auschwitz und Krakau angeboten, in einer «gemütlichen im grünem gelegene Erholungsanlage» inklusive Wanderung und Sesselliftfahrt. Für die oben genannten Studienreisen werben die Anbieter mit einem Logo, auf dem das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zu sehen ist. Eben dieses Logo verwenden auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Plattform der liberalen Juden der Schweiz (PLJS), die Tagesreisen für Lehrpersonen an diesen Ort organisieren. Ob eine eintägige Reise Zürich–Auschwitz–Zürich ausreicht, um sich ernsthaft mit dem Ort und den Greueltaten auseinanderzusetzen und der Opfer zu gedenken, darüber gehen die Meinungen auseinander (vgl. Kasten). 

Prävention in Sachen Rassismus

Kritisch sieht die Zürcher Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus die Tagesreisen nach Auschwitz: «Ich finde es eigenartig, wenn der SIG Tagestripps nach Auschwitz organisiert», sagt sie gegenüber tachles, denn: «Ich glaube nicht, dass man dort etwas Positives, oder überhaupt etwas Inhaltliches zu jüdischen Identitäten in der Schweiz heute sehen oder erleben kann.» Auf die Frage, inwiefern die Tagesreise nach Auschwitz-Birkenau in das Programm der Dachverbände passe, sagen Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin des SIG, und Nicole Poëll, Präsidentin der PLJS: «Im Rahmen der Förderung der gemeinsamen Interessen der Juden in der Schweiz ist auch die Prävention in Sachen Rassismus und damit auch die Erinnerung an den Holocaust eine Aufgabe, welche die beiden jüdischen Dachverbände sehr ernst nehmen.» 

Peter Gautschi von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz Luzern, der an der Tagung in Aarau moderiert hat, zeichnet mitverantwortlich für die Vor-und Nachbereitung der Tagesreise, die SIG und PLJS organisieren. Er hält Reisen nach Auschwitz-Birkenau für unverzichtbar für Menschen, die sich mit dem Holocaust beschäftigen: «Die Bildungsreise im November war ein guter Anfang, und wir arbeiten daran, den Anlass zu optimieren». So seien die Bedürfnisse der Teilnehmenden sehr unterschiedlich gewesen und es sei zu einer «nicht immer einfachen Vermischung von Lernen, Erinnern und Gedenken gekommen».

Den Bogen schlagen

Rabbiner David Polnauer hat an der Tagesreise nach Auschwitz am 9. November teilgenommen. Als Betroffener, dessen ganze Familie mütterlicherseits im Holocaust umgekommen ist, ist ihm der Besuch in Auschwitz sehr nahe gegangen. Rabbiner Polnauer betont, dass er die Reise für Lehrer sinnvoll fand. Aber: «eine Reise nach Auschwitz ist für uns Juden schrecklich schwierig. Es ist eine drastische Angelegenheit – und die seelischen Probleme, die ich dort bekommen habe, werden auch andere Juden haben», so Rabbiner Polnauer. Seiner Ansicht nach müsse die Bitterkeit, die an einem Ort wie Auschwitz empfunden werde, aufgelöst werden. Ein Besuch in Auschwitz müsse zum Beispiel mit einem Aufenthalt in Krakau verbunden werden, damit neben allem Grauen auch die jüdische Kultur und das Positive der eigenen, jüdischen Identität erfahren werde: «Wenn dieser Bogen zum lebendigen Judentum nicht gespannt wird, dann denkt man als Jude nach einem Kurzbesuch in Auschwitz, Hitler habe alles erreicht und es gäbe weder Vergangenheit noch Zukunft.»

Diese Meinung vertritt auch Götz Aly, deutscher Historiker mit Themenschwerpunkt Holocaust. Er sagt gegenüber tachles: «Auschwitz ist kein beliebiges Museum, man benötigt dort seelischen Spielraum». Eine intensive Vorbereitung sei wichtig, damit die Geschehnisse richtig eingeordnet werden könnten. Ohne Vorwissen würde man in einer Gedenkstätte wie Auschwitz unvorbereitet mit «Ex-tremverbrechen konfrontiert», losgelöst von der Geschichte der Opfer. Aly emp-fiehlt deshalb, eine Reise nach Auschwitz zum Beispiel mit einem Besuch des jüdischen Friedhofs in Breslau zu verbinden, da dieser einen interessanten Einblick 
in die Geschichte der Juden in Breslau 
ermögliche. «Neben dem Gedenken an das Morden ist es wichtig, den Toten ein Gesicht zu geben».