Polizei hat «glaubwürdige» Zeugen

von Nicole Krau, October 9, 2008
Bei ihrer Empfehlung, Transportminister Yitzchak Mordechai wegen sexueller Angriffe auf Mitarbeiterinnen vor Gericht zu stellen, stützt die israelische Polizei sich auf detaillierte und «glaubwürdige» Zeugenaussagen dreier Frauen ab. Ihre Geschichten lassen ein systematisches Verhaltensmuster des Ministers und ehemaligen hohen Offiziers erkennen.
Affäre: Schwere Vorwürfe gegen den beurlaubten MinisterYitzchak Mordechai wegen unsittlicher Belästigungen. - Foto Keystone

Zwischen den drei Fällen, welche als Basis für die Empfehlung an die Staatsanwaltschaft benutzt werden, bestehen nach Angaben aus Polizeikreisen «starke Ähnlichkeiten». Jedesmal hat Mordechai demnach die Frauen auf sein «Heimgelände» gelockt, einmal in sein Büro und zweimal in sein Heim.

Unzweideutige Handlungen

Die Affäre wurde publik, als die Zeitung «Yediot Achronot» anfangs März berichtete, ein «hochrangiger Minister» stehe im Verdacht, eine seiner Mitarbeiterinnen sexuell attackiert zu haben. Innert 24 Stunden war bekannt, dass es sich um Yitzchak Mordechai handelte. In den Fall verwickelt ist eine 23jährige Büroangestellte, die den Abgeordneten Zehava Galon und Knessetsprecher Avraham Burg von Mordechais Verhalten in Kenntnis setzte. Das erste Mal habe er, wie sie sagte, sie veranlasst, ihn zu umarmen, das zweite Mal jedoch zog er sie in seinem privaten Büro (die Türe war verschlossen) auf die Couch und berührte sie unsittlich. Von Anfang an dementierte Mordechai den Sachverhalt, doch war er in den Verhören wiederholt nicht bereit, alle Fragen zu beantworten. Die Frau unterzog sich Polygraph-Tests, und nach Aussagen der Polizei blieb sie in ihrer Schilderung der Vorgänge konsistent und glaubwürdig. Sie gab auch zu Protokoll, dass Mordechais Privatsekretärin und sein Chauffeur versucht hatten, sie davon abzubringen, Klage gegen den Minister zu erheben. Am 8. März beurlaubte Mordechai sich, und das Portefeuille wird seither temporär vom Premierminister betreut.
Nach Bekanntwerden des ersten Falles meldeten sich weitere Frauen, die behaupteten, Mordechai habe versucht, sie sexuell zu attackieren. In einem an «Yediot Achronot» gerichteten Brief schrieb eine Frau, Mutter von zwei Kindern, Mordechai, damals Verteidigungsminister, habe sie unter dem Vorwand, ihr eine Stelle zu offerieren, sie in sein Haus in Motza bei Jerusalem eingeladen. Dort entwickelte eine Unterhaltung auf der Couch sich unvermittelt in einen physischen Zweikampf, der erst unterbrochen wurde, als Premierminister Netanyahu anrief. Nach Aussagen der Frau habe Mordechai mit Netanyahu Jordanien betreffende Fragen diskutiert, bevor er seine Attacken fortsetzte. Er liess erst von ihr ab, als sie in Tränen ausbrach. Anfänglich wollte die Frau ihre Geschichte nur der Polizei erzählen, weigerte sich aber, vor Gericht als Zeugin gegen den Minister aufgeboten zu werden. Der Umstand aber, dass die Polizei diesen Fall gegen Mordechai ins Feld führen will, deutet eine Bereitschaft der Frau an, ihre Seite der Vorgänge vor Gericht zu bezeugen.

Wiederholungstäter

In seinen eigenen Zeugenaussagen weigerte Mordechai sich, sowohl zu diesem Fall Stellung zu beziehen als auch zu einem dritten, für welchen die Polizei strafrechtliche Verfolgung empfiehlt. Der dritte Fall trug sich 1992 zu, als Mordechai, damals Kommandant der Nordfront, eine junge Soldatin in seine Wohnung in Netanya lockte. Weitere Frauen meldeten sich bei der Polizei, die ihre Fälle wegen Verjährung aber nicht in die Empfehlung an die Staatsanwaltschaft eingeschlossen hat.
Politische Persönlichkeiten zögerten, anfangs Woche nach Bekanntwerden der polizeilichen Schlussfolgerungen, den Fall Mordechai zu kommentieren. Sport- und Kulturminister Vilnai, der aus seinen Ressentiments gegen Mordechai kein Geheimnis macht (letzterer hatte ihn bei der Ernennung des Generalstabchefs übergangen), meinte einzig, es spiele sich ein «juristischer Vorgang ab». Sei dieser einmal vorüber, bliebe, so Vilnai, noch genügend Zeit für Kommentare. Die feministisch orientierten Abgeordneten Yael Dayan und Zehava Galon liessen durchblicken, dass Mordechai zurücktreten sollte. Ein Rücktritt, den Mordechai für den Fall, dass er vor Gericht gestellt würde, selber angekündigt hat, würde Ehud Barak Gelegenheit zu einer Kabinettsumbildung bieten, deren Notwendigkeit er dieser Tage in internen Diskussionen unterstrichen hat.

Haaretz